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Mai, 2009:

Kinder zu töten …

Im Glaskäfig (Tras de Cristal, Sp 1987, Agustí Villaronga) (DVD)

Heute ist meine Kritik zur DVD “Im Glaskäfig” bei telepolis erschienen:

“Im Glaskäfig” ist schon über 20 Jahre alt, aber wegen seiner Themen bleibt er wohl immer aktuell. Das erste ist das der Holocaust-Verarbeitung, das für Spanien als einstmals Verbündeter indirekt ein ebenso wichtiges ist, wie für Deutschland: Der ehemalige KZ-Aufseher Klaus (Günter Meisner), der während seiner Laufbahn eine perverse Neigung zur Pädophilie und zum Infantizid entwickelt hat, ist als alter Mann in einer eisernen Lunge in seinem Haus gefangen. Gepflegt wird er von seiner Frau Griselda (Marisa Paredes) und seiner pubertären Tochter Rena (Gisèle Echevarría), die mit dieser Arbeit jedoch längst überfordert sind, als sich eines Tages ein junger Mann mit dem Namen Angelo (David Sust) an ihrer Tür meldet, der seine Hilfe anbietet.

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Doch nicht (mehr) zu roh

Wie ich gerade lese, hat der Bundesgerichtshof das Verbot des Films “Rohtenburg” aufgehoben. Der Film basiert auf der Fallgeschichte des als “Kannibale von Rotenburg” bekannt gewordenen Armin M. und war bereits 2006 für eine Kinoauswertung geplant. Dass er erst jetzt “frei kommt”, ist vielleicht auch ein interessanter Hinweis auf die Aufwertung kultureller Verbrechensverarbeitung – aber auch auf eine Neubewertung der Rechtsgüter: Persönlichkeitsrechte werden hier nicht mehr über Kunstfreiheit gestellt und das Recht der Öffentlichkeit auf Information betont. Damit dürfte der RechteRechtsstreit in dieser Sache dann wohl vom Tisch sein.

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Der Krisenstab im Eifelbunker

Heute via ZVAB geliefert bekommen:

Gerhard Zwerenz
Der Bunker
München: Schneeklutz 1983
448 Seiten (gebunden)
Info | Amazon

… Zwerenz entwirft mit bitter-satirischem Tonfall ein Bild bundesdeutscher Apokalypse. Der Kanzler und sein Krisenstab ziehen in den Eifel-Bunker und schmieden abstruse Pläne als draußen die Atombomben einschlagen.

Die unbenutzten Todesursachen

Ricky (F/I 2009, François Ozon) (Neue Kant Kinos)

Ein ganz kleiner Kinosaal mit etwa 20 Doppelsitzen die in 10 Reihen aufgeteilt und durch einen Gang in der Mitte getrennt sind. Zuerst waren Miriam und ich ganz allein, dann gesellte sich uns noch eine Mutter mit ihrer vielleicht 12-jährigen Tochter zu.*

Mein erster Film von Ozon und ich war regelrecht verzaubert von dieser ganz ungewohnten Art zu erzählen. Halb wie ein bedrückendes Sozialdrama, halb wie eine Groteske, wobei sich beide Hälften ständig befruchten, karikieren und relativieren. Bis klar wird, dass es sich wahrscheinlich um einen fantastischen Film handelt, baut “Ricky” eine ganze Anzahl von bedrohlichen Szenerien auf, deutet an, dass die allein erziehende Mutter ihren Job verliert, deutet an, dass sie und ihre Tochter mit ihrem Motorroller einen Verkehrsunfall haben wird, deutet an, dass die Tochter wegen der neuen Liebesbeziehung der Mutter zu einem spanischen Liebhaber vernachlässigt wird, deutet an, dass dieser Liebhaber seinen neugeborenen Sohn misshandelt … und lässt diese Andeutungen doch jedes mal – wie das Handke-Gedicht von den “unbenutzten Todesursachen” – links liegen, um doch eine ganz normale Geschichte zu erzählen.

Nun, so normal ist die Geschichte vom geflügelten Baby dann aber doch nicht. Und zuerst wundert man sich vielleicht über ein paar seltsame Jump-Cuts, die die Schwangerschaft überspringen und die die Zeit, in der die Flügel zu voller Größe heranwachsen links liegen lässt … und dann wird klar, warum das so erzählt ist. Weil der Film nämlich gar nicht vorhatte, (s)eine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern weil das Baby Ricky wie eine Metapher, eine Kopfgeburt in diese zerrüttete und vom ständigen Untergang bedrohte Familie hineinschwebt. Es ist eine Beziehungsmetapher, ein “schwebender Sinn”. Das wird klar, als die Trennung kommt und sich das Umfeld gar nicht so verhält, wie man es erwartet, wenn ein Baby verloren geht. Ein der letzten Einstellungen, die diese Annahme in die Sichtbarkeit überführt, ist, als sich die Familie wieder zusammengefunden hat, sich alle drei umarmen und sich die Hände der Eltern hinter dem Rücken der Tochter verschränken, als wären sie ihre Flügel.

Selten habe ich einen Film gesehen, der seine Bildsprache so dicht um ein Motiv herum webt, und dies doch mit so großer Leichtigkeit zu verschweigen weiß!

* Der unverkrampfte Umgang mit Liebe und Sexualität, den das fanzösische Kino glücklicherweise pflegt, hat zu interessanten Bestürzungsseufzern der Mutter und interessiertem Nachfragen der Tochter geführt.

Die Republik von der Rolle

Ein Essay über private Super-8-Filme in der Rubrik EinesTages auf Spiegel Online.

»Reset the Future!«

Terminator 4 (Terminator Salvation, USA 2009, McG) (PV Cinestar)

Wo entfaltet sich eigentlich eine Intertextualität? Doch nicht im stillen Kämmerlein des Drehbuchschreibers oder am Set beim Filmdreh oder auf der Leinwand im Kino – sie entsteht im Kopf des Zuschauers. Insofern ist das Erkennen von Zitaten eine von Betrachter zu Betrachter unterschiedliche Reise durch die je eigene Filmsozialisation. Ob Intertextualitäten, Zitate, Anspielungen, Inspirationen oder wie man sie auch immer nennen möchte, damit noch zu einem intersubjektiv prüfbaren Qualitätskriterium für einen Film erhoben werden können, muss zumindest hinterfragt werden.

Man kann seine Zeit in “Terminator 4″ also gerne damit verbringen, die Text- und Bild-Zitate oder die Homologien zu bereits bekannten Filmen – vielleicht desselben Genres – “aus dem Film” herauszusuchen und dabei doch nur Introspektion betreiben. Die wird schnell zu einem Selbstläufer, der einen narrativen oder ikonografischen Pfad vorzeichnet, auf dem sich die Ereignisse der Leinwand dann auch tatsächlich bereitwillig einfinden und entlangwandern. Doch welchen Film sieht man dann? Und selbst wenn man solche konstruktivistischen Überlegungen ausklammert: Was ist denn überhaupt eine originelle Geschichte? Eine, die noch nie erzählt wurde? Die in allen Facetten noch nie dagewesen ist? Wie kann man denn erzählen ohne selbst erzählt bekommen zu haben?

Ich will keineswegs andeuten, “Terminator 4″ würde sich auf Zitate reduzieren lassen, noch sich dem Vorwurf aussetzen müssen, nicht originell zu sein. Beides verbietet schon die Tatsache, dass er ein kombiniertes Sequel und Prequel ist (was man neuerdings “Relaunch” nennt). Er muss sich also notwendigerweise auf seine Vorgänger beziehen. Und weil er nun auch einem traditionsreichen Genre bzw. Sub-Genre, nämlich dem dystopischen Science-Fiction-Film angehört, wird er sich auch, wie jeder Genre-Film, gewissen Regeln, Topoi und paradigmatischen Erzählkonstellationen unterwerfen müssen.

Also: Es ist egal, ob sich “Terminator 4″ bei Filmen wie “Matrix”, “War of the Worlds”, “Mad Max”, “Dune” und einigen anderen bedient oder nicht. Am Ende zählt, wie er seine Geschichte erzählt, was er zu zeigen hat und wie man sich als Zuschauer dabei fühlt. Ich bin großartig unterhalten worden an diesem Nachmittag. Ich habe eine Geschichte erzählt bekommen, die gekonnt zwischen Film-Zukunft und filmischer Vergangenheit situiert wurde. Ich wurde von einem ungewöhnlichen, mit bekannten aber verfremdeten Motiven bestückten Danny-Elfman-Soundtrack bombardiert, in den sich die Industrial-Sounds der Effekt-Tonspur wie Percussions angehört haben. Ich habe actiongeladene, bildgewaltige und rasant montierte Sequenzen neben pathetischen Totalen und Momenten voller trügerischer Ruhe in einer postapokalyptischen Welt zu sehen bekommen. Und ich habe eines der besten Production Designs seit “Matrix” genossen und meine Augen nicht mehr von dieser dreckigen, verrosteten und zerfallenen Welt lösen können – außer, wenn wieder einmal die großartig animierten Roboter (oft Puppen, selten CGI) aufgetaucht sind …

Nur in den ersten paar Minuten habe ich Zeit damit verschwendet mich zu fragen, an was mich das alles erinnert.

Meine Kritik auf F.LM

Scham und Schamlosigkeit

Vom 4. bis 6. Juni findet am Berliner ICI eine Konferenz mit dem Titel “Scham und Schamlosigkeit – Grenzverletzungen im Spannungsfeld von Dissimulation und Ostentation” statt. Ich werde die Tagung (hoffentlich) besuchen.

Weitere Informationen: F.LM

PornFilmFestival Berlin 2009

Seit heute steht die neue Seite des “PornFilmFestivals”, das vom 22. bis 25. Oktober 2009 in Berlin stattfindet. Zusammen mit Jochen betreue ich das Webprojekt und ich werde mich hier und dort auch inhaltlich einbringen:

Porn Play

So unverholen pornografisch wie in den 1980ern geht es heute nicht mehr in der Videospiel-Branche zu – was wohl vor allem daran liegt, dass heute viel mehr zu erkennen wäre. Der Angry Video Game Nerd hat sich eine Reihe Atari-Konsolen-Spiele mit pornografischem Inhalt vorgenommen und auf seine unnachahmliche Weise “rezensiert”:

(via Tornhill/filmforen)

»In Zukunftswelt wird nichts passieren.«

Futureworld (USA 1976, Richard T. Heffron) (DVD)

Der Auftakt zur Roboter-Filmreihe (für den letzten Teil meiner Telepolis-Serie über “Computer im Film”). “Futureworld” ist nicht bloß eine direkte Fortsetzung von “Westworld”, sondern spinnt das Robotik-Thema weiter. Aus lebensecht wirkenden Maschinen werden lebende Maschinen, die nicht einmal mehr von ihren Erbauern als solche zu erkennen sind. Hier kreuzt sich der Roboter-Film mit dem Paranoid-SF a la “Body Snatchers”.

Dass es nun ausgerechnet ein Journalisten-Paar ist, das da in Delos geklont werden soll, um über seine Kanäle Propaganda für den Freizeitpark zu machen, und so noch mehr Politiker und Industrielle anzulocken, war der zentrale Fehler im Plan. Denn – so will es das Gerücht – niemand lügt perfekter als ein Journalist und deshalb ist er den Robotern nicht nur mehr als gewachsen (weil diese nicht lügen können und lügen nicht verstehen), sondern ein noch viel besserer Roboter, der sein eigentliches Programm im Geheimen ablaufen lassen kann und nur eine unverdächtige Nutzeroberfläche zeigt. In der Schlusssequenz entkommt das Journalisten-Paar aus Delos, weil beide glaubhaft machen können, Roboter zu sein. Sie selbst misstrauen einander zunächst, erkennen sich aber (angeblich) am Kuss. Insofern kann es mit den Lustmodellen, die im Freizeitpark den sexuellen Wünschen der Gäste offen stehen, nicht so weit her sein.

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Es gibt ein paar schöne Einstellungen vom Kontrollzentrum des Parks, die mich an das NORAD-Zentrum aus “War Games” erinnert haben. Und tatsächlich macht man im Übergang von “Westworld” zu “Futureworld” vor, was in “War Games” später auch zur Katastrophe führt: Das Ersetzen menschlicher Bediensteter durch gefühllose Maschinen. An denen kommen windige Hacker und Lügner natürlich problemlos vorbei.

Stoppt Simulationsraum

Keine Sorge, noch ist es nicht soweit – mein Weblog steht noch nicht auf der BKA-Blackliste. Das Stoppschild, das man jetzt einmalig beim Betreten der Homepage zu sehen bekommt, ist ein Dummy, den ich über die Initiative “Rettet das Internet” (siehe Button oben links) erstellt habe und der beim Anklicken zur Bundestagspetition gegen den “Uschi-Filter” führt.

Wer ist Jack the Ripper?

Heute hatte ich die letztmonatige Ausgabe von “PM History” (05/2009) im Briefkasten und da fiel mir wieder ein, dass ich vor ein paar Monaten ja einmal ein Interview mit einer Journalistin hatte, die für das Magazin schreibt. Nun, der Artikel, der da heraus gekommen ist, befasst sich mit der Kriminalgeschichte des Jack-the-Ripper-Falles und sie stellt darin natürlich auch die Frage nach dem Täter (und nennt einige bekannte Hypothesen). Neben mir war auch Stephan Harbort Interviewpartner. Ein für einen ersten Überblick lesenswertes Spezialthema (“Tatort Geschichte”).

Simulationsraum goes Weblog

Gerade beim Abendessen hören wir ein verdächtiges und bekanntes Tiergeräusch auf dem Hausflur. Ich öffne die Tür und eine Katze stolziert seelenruhig in unsere Wohnung. Sie scheint niemandem aus dem Haus zu gehören und will nicht mehr weggehen.

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Sie hat sich die ganze Wohnung angeguckt, die Meerschweine belauert und ist überall draufgehüpft. Jetzt liegt sie hinter mir in meinem Lesesessel und schläft. Mal schauen, wie wir die wieder loswerden … :-D

mehr: http://www.wortfeld.de/2004/08/der_neue_duden_ist_da/

Das besessene Haus

The Haunting in Connecticut (USA 2009, Peter Cornwell) (PV Odeon)

Das hat man alles schon mal gesehen. Vor allem bei “Amityville” und “The Others”. Der Grusel ist auf reine Schock-Momente reduziert, die dann auch jedes Mal von einem Soundtrack-Bumm begleitet werden. Interessant war für mich allenfalls das Haus-Motiv. Ein herbei gerufener Geistlicher (Elias Kotieas), der sich mit verfluchten Häusern auskennt, bemerkt dann auch irgendwann, dass dieses Haus nicht “haunted”, sondern “possessed” ist – was die Anthropomorphisierung des Hauses ein weiteres mal forciert.

saubere Bombe, begrenzter Krieg

Briefe eines Toten (Pisma myortvogo cheloveka, UdSSR 1983, Konstantin Lopushansky) (VHS)

Ich hatte den Film ja schon eingehender besprochen, ihn gestern aber noch einmal für die Erweiterung des Textes für eine Publikation von Katja (“Die 100 besten russischen Filme”) gesehen. Zusätzlich zu den damaligen Beobachtungen eher metaphysischer Art sind mir dieses Mal vor allem zwei Dinge aufgefallen.

Und zwar zwei Motive, die das atomare Wettrüsten seit den 1960er-Jahren bestimmen und sich in etlichen Spielfilmen thematisch niedergeschlagen haben, werden ich „Briefe eines Toten“ vom Professor aufgeworfen und weiter- bzw. zu Ende gedacht: Wie wahrscheinlich ist es, dass die atomare Katastrophe nicht durch einen militärischen Konflikt sondern einen Unfall ausgelöst wurde? Dieses Szenario wird mit Einführung der Abschuss-Automatisierung vor allem der Interkontinental-Raketen sehr wahrscheinlich und wie aus Aktenlagen des Kalten Krieges bekannt ist, sind derartige technisch bedingte Beinahe-Unfälle häufiger vorgekommen, als seinerzeit bekannt wurde. Filme wie John Badhams „War Games“ (USA 1983), in dem ein „durchgedrehter“ Computer beinahe den Atomkrieg auslöst, nehmen sich dieses Themas an. Dass der Mensch selbst wie eine Maschine zu funktionieren hatte, sobald der Befehl zum Druck auf den berüchtigten Roten Knopf kam, beschreibt schon 20 Jahre zuvor Sidney Lumets „Fail Safe“ (USA 1964), in dem sich ein Bomberkommando von seinem Flug nach Moskau nicht mehr zurückhalten lässt.

Das andere Motiv, das ebenfalls vom Professor in den Briefen erwähnt wird, ist spätestens ab den frühen 1960er-Jahren mit der Entwicklung der Neutronen-Bombe eine ernsthafte militärische Strategie-Diskussion gewesen: Lässt sich ein Atomkrieg lokal begrenzen? Die Vermutung, nicht die ganze Welt könne von der atomaren Katastrophe betroffen sein, scheint einerseits Ausdruck der Hoffnung, andererseits Echo dieser auch gezielt in der Öffentlichkeit gestreuten Militärstrategie zu sein. Verglichen mit so genannten „schmutzigen“ Atom- bzw. Kobalt-Bomben, bei denen die Radioaktivität für weitreichende Schäden in der Biosphäre verantwortlich wäre und den mit immer größerer Explosionskraft versehenen Fusions- bzw. Wasserstoffbomben (deren größte, den „Tsar“, im Oktober 1961 gezündet wurde), schien sich mit der Entwicklung der Neutronen-Bombe der Krieg tatsächlich auf kleine Areale begrenzen zu lassen. Die Neutronen-Bombe sollte verhältnismäßig geringe Explosionszerstörungen hervorrufen und nur wenig langfristige Verstrahlungen verursachen. Wahrscheinlich ist die Entwicklung dieser Waffe ab 1958 und deren massenweise Herstellung durch die Amerikaner Anfang der 1980er-Jahre ein Hinweis auf einen immer möglicher werdenden Atomkrieg und damit ein „Beruhigungsmittel“ für die Bevölkerung.

Dass „Briefe eines Toten“ beide Motive aufnimmt, zeigt, dass es Lopushansky keineswegs um eine ausschließlich metaphysische Kodierung des Ernstfalls geht. Auch wenn der Professor und einige der anderen Protagonisten am konkreten Fall des Atomkrieges die conditio humana diskutieren, nimmt der Film konkrete Diskurse auf und etxrapoliert sie auf ein mögliches Szenario, zeigt also eine Dystopie im Wortsinne – einen schrecklichen Ort. An diesem herrscht Angst, Resignation, und eine allein am Pragmatischen orientierte Moralität. Wer leben darf und wer sterben muss, diktiert ein Verwaltungsbeamter, der schon „zu oft“ das Flehen der Menschen gehört hat, um davon noch bewegt zu werden. Alle ideellen Werte sind im atomaren Feuer verbrannt: rauchende und brennende Ruinen, eine mehr und mehr ausgehöhlte Bibliothek, deren Wert sich mittlerweile in der Verfeuerbarkeit der Bücher niederschlägt. Eine Welt, in der die Figuren mehr funktionieren als leben.

10 Seconds of Silence …

Auch auf die Gefahr hin, dass ich wieder zu hören bekomme, ich solle mich nicht beschweren, denn als “Pressefuzzi” hätte ich ohnehin mehr Privilegien als es gut für eine “freie Berichterstattung” ist: Dass die DVD-Labels in der irrigen Annahme, als Filmkritiker hätte man nichts besseres zu tun als einen Film, der wahrscheinlich seit Monaten sowieso “online verfügbar” ist, raubzukopieren, jetzt dazu übergehen, “in regelmäßigen Abständen 10 Sekunden lang den Ton abzuschalten”, ist absoluter Schwachsinn.

Wie soll man denn einen Film, wie jetzt “Diary of the Dead”, vernünftig besprechen, wenn er auf diese Weise manipuliert wurde? Oder möchte das Label damit zu verstehen geben, auf den Ton käme es sowieso nicht an? Das ist bislang der Höhepunkt in einer langen Kette derartiger impliziter Verdächtigungen, die damit anfängt, dass man DVD-Rs an den Verleih zurückschicken soll (wie manch andere freie Journalisten weiß ich beim Absenden meiner Texte noch nicht, ob sie genommen werden und ich also etwas daran verdiene – es wäre somit ein Zuschussgeschäft für mich), dass “Presse-DVD”-Einblendungen durchs Bild wandern, Tonspuren fehlen, Timecodes mitlaufen, …

Vielleicht sollte ich einfach mal anfangen, sozusagen im Rahmen einer Editionsanalyse, diese Vorgehensweisen in den Kritiken zu berücksichtigen und dann so etwas schreiben wie: “Diary of the Dead scheint mir ein sehr guter Film zu sein. Ich würde hingegen abraten, die deutsche DVD zu erwerben, da ich nicht sagen kann, ob die Tonspur einwandfrei in Ordnung ist und stattdessen zum Erwerb einer anderen, ausländischen Fassung raten.”

Mind Invasion

Ju-On: The Grudge (Jp 2002, Takashi Shimizu) (DVD)
The Grudge (Jp/D/USA 2004, Takashi Shimizu) (DVD)

Auf der Zugfahrt nach Bonn habe ich mir endlich einmal das Original von “The Grudge” angesehen – also den ersten Teil der japanischen Version Shimizus. Es mag am diese Sujets nicht gerade begünstigendem Rezeptionsort “ICE-Großraumabteil” und der Tageszeit (Vormittag) gelegen haben, aber gruselig war das nun gar nicht. Darauf hatte ich es aber auch nicht abgesehen, sondern auf die Frage, in welchen Aspekten sich die beiden Versionen voneinander unterscheiden. Und Kleinigkeiten sind es nun wirklich nicht, sondern die gesamte Dramaturgie des Originals ist anders. Der Film ist wesentlich episodenhafter, verzichtet weitgehend auf einen Spannungsbogen und führt viel mehr (und viel mehr) Facetten des titelgebenden Fluchs vor Augen.

Der wesentliche Unterschied zur US-Fassung ist für mich jedoch die Organizität des Re-Makes, das zwar einzelne Episoden der Ur-Fassung adaptiert (und das sogar zum Preis der narrativen Inkonsistenz, wie sich am Tod der Schwester, der ja weit entfernt des verfluchten Hauses stattfindet, zeigt), sich jedoch wesentlich mehr als “abendfüllender Spielfilm” gibt. Es ist eher diese Tatsache, als dass in “The Grudge” auch westliche Figuren zu sehen sind, die den Reiz und die höhere Affektivität des Films ausmachen. Zwei Übertragungsleistungen kommen also schon einmal zusammen: eine “Interkulturalisierung” durch Plot und Darsteller sowie eine Anpassung an Genremuster und Rezeptionsgewohnheiten des westlichen Kinos.

Und dennoch steckt die Tücke auch hier im Detail und es wäre einmal spannend sich solche Fragen zu stellen wie: Warum ist das Bettlaken der zurückgelassenen Großmutter im japanischen Original mit Kot verschmiert und in der US-Fassung mit Urin? (Ich habe das mal als besonders deutliches Detail stellvertretend für Dutzende andere Minimalveränderungen ausgewählt). Letztlich müsste man sich fragen, welchen Beitrag diese Details leisten, die ja für sich genommen keine besondere (Be)Deutung besitzen, im Gesamtzusammenhang aber vielleicht stimmig wirken und Stimmung erzeugen.

Beide Filme hatte ich wegen des Absolventen-Kolloquiums bei Michael Wetzel gesehen. Das japanische Original im Vorfeld, das US-Remake zusammen mit den Teilnehmern nach dem Vortrag und zur Illustration meiner Geister-These (dass nämlich der Geisterfilm den Endpunkt der Privatheits-Bedrohung darstellt). Und es war schön zu sehen, wie sehr solche Filme auf Zuschauer, die es nicht gewohnt sind, wirken. Wie sehr wünsche ich mir manchmal diese Empfindlichkeit zurück! Und doch: Wenn ich im Kino sitze und einen richtig guten Gruselfilm zum ersten mal sehen, dann packt es mich auch – das war bei “Blair Witch” so, bei “Shutter” und auch als ich zum ersten Mal “The Grudge” gesehen habe … allerdings die US-Fassung.

Scott Free

Spy Game (USA 2001, Tony Scott) (DVD)

Zugegeben: Viel mitbekommen habe ich nicht von dieser Originalfassung, was wohl teils an meinem Post-Kolloquiums-Kater, teils an der vorgerückten Stunde lag, aber beeindruckt hat mich der Film dennoch. Gerade die Tatsache, dass Scott hier die Action (noch) nicht zum Motor der Bild-Bewegung erklärt und vieles über die Dialoge “motiviert”, zeigt, dass er sich im Spionage-Film bestens auskennt. Mit Robert Redford hat er da aber auch wirklich einen alten Hasen!

Erfreulich waren die schon in nuce vorhandenen Bild-Tricks, die Zeitraffungen, wirbelnden Kameras und vor allem die Schrifteinblendungen. In “Spy Game” haben vor allem Orts- und Zeit-Einblendungen den Sinn, dass sie den Anschluss zweier Sequenzen noch einmal verdeutlichen. Man könnte fast meinen, das sei für unaufmerksame Zuschauer für mich gedacht: Eben noch im CIA-Hauptquartier, dann eine Uhrzeiteinblendung, die bis in die nächste Einstellung hineinreicht, welche dann aber in einem chinesischen Folterknast angesiedelt ist. Die Schrift wird hier zur Brücke zwischen den filmischen Räumen. In Scotts nächstem Film – “Man on Fire” – besiedelt sie dann einen eigenen Raum. Da müsste man mal etwas drüber schreiben: Über die Schrifteinblendungen in den Filmen Tony Scotts.

Der rosarote Bunker

Wer den Eingangsbereich meiner Webseite bereits gesehen hat, ahnt vielleicht schon, dass ich wieder “unter Tage” war. Am vergangenen Sonntag habe ich mit Patrick zusammen die Atombunker der Bundesregierung in Ahrweiler und der NRW-Landesregierung in Urft besucht … und natürlich wieder eine ausführliche Fotoreportage für postapocalypse.de angefertigt.

Das Leben ist ein Pornofilm

Ein Tipp von Jochen: Eine neue Web-TV-Serie mit dem vielsagenden Titel “Making of Süße Stuten 7″ und bereits in der ersten Folge haben Stars wie Jörg Buttgereit und Conny Dachs einen Auftritt:

Tipp: angucken