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Agnes und der alte Mann

Twilight Zone: The Old Man in the Cave (USA 1963, Alan Crossland Jr.) (DVD)
Twilight Zone: From Agnes – With Love (USA 1964, Richard Donner) (DVD)

Neben Robotern spielen auch Computer in der Serie „Twilight Zone“ in mehreren Folgen eine Rolle – in zweien sogar die Hauptrolle:

„The Old Man in the Cave“ (1, 2, 3) erzählt eine postapokalyptische Geschichte: Zehn Jahre, nachdem ein Atomkrieg die meisten Menschen getötet hat, hat in einem Ort ein Gruppe von Menschen überlebt, deren Anführer Goldsmith regelmäßig Rücksprache mit einem alten Mann hält, welcher in einer nahe gelegenen Höhle lebt, bevor irgendwelche Entscheidungen die Gruppe betreffend getroffen werden. Als eine Ladung Konserven gefunden wird, teilt der alte Mann Goldsmith mit, dass diese radioaktiv verseucht und damit ungenießbar sind. Man hat sich schon damit abgefunden, den Fund zu vernichten, als ein Trupp Söldner zu den Überlebenden stößt, diesen zunächst die Vorräte raubt und dann versucht das Rätsel um den alten Mann zu lüften: Die bewaffneten Männer wollen so dem Glauben der Überlebenden an den alten Mann ein Ende zu bereiten. Nachdem sie sich Zugang zu der Höhle verschafft haben, entdecken sie darin einen noch arbeitenden Computer, den die wütenden Überlebenden zerstören. Bei der anschließenden Feier verspeisen sie die Konserven und betrinken sich mit Alkohol, den „der alte Mann“ ebenfalls als giftig deklariert hatte. Am nächsten Morgen sind alle außer Goldsmith tot.

Neben dem Topos einer aus der (atomaren) Apokalypse geborenen neuen Gläubigkeit der Überlebenden („The Omega Man“, „The Stand“, „Book of Eli“, „The Mist“, …) ist vor allem die technische Redefinition des Göttlichen hier von besonderem Interesse: Ein Computer, der den Atomkrieg nicht nur überdauert hat, sondern auf wundersame Weise in einer abgeschlossenen Höhle (ohne erkennbare Stromversorgung oder Kühlung) in Betrieb und zudem über die Dinge außerhalb bestens informiert ist. Das Bild des „alten Mannes“, das von Nietzsches Zarathustra bis zum „Weisen vom Berg“ für übermenschliche Weisheit und intellektuelle Führerschaft steht, wird hier passenderweise von einem „Elektronengehirn“ bzw. „Denkriesen“ verkörpert. Die Verbindung von Atomkrieg und Computertechnologie, die ja ansonsten eher anders herum verläuft (der un-/übermenschliche Computer löst den Krieg aus), erfährt hier eine seltene positive Konnotation. Dass der Computer allerdings als Götze missbraucht wird, beschwört die Wut derjenigen, die nach echter menschlicher Führerschaft gesucht haben, herauf. Der – so behauptet der Schlussmonolog Goldsmiths – dem Menschen immanent inne wohnenden Gewalt und (Selbst-)Zerstörungswut hat die Maschine allerdings nichts entgegen zu setzen.

Eine ebenfalls sehr schöne thematische Inversion eines bekannten Themas zeigt die „Twilight Zone“-Folge „From Agnes – with Love“ (1, 2, 3), von niemand geringerem Inszeniert als Richard Donner. Thema des Kurzfilms ist die Liebe des Computerwissenschaftlers James zu seiner Sekräterin Millie. Er stellt sich jedoch allzu tollpatschig an und das, obwohl der Computer „Agnes“ ihm – ohne dass er das programmiert hätte – Tipps für einen gemeinsamen Abend gibt. Auch weitere Tipps von Agnes führen nur dazu, dass sich Millie weiter von James distanziert. Grund dafür ist, dass Agnes offenbar selbst in James verliebt ist und ihn für sich allein will – ihre Tipps waren also eher Antitipps. Als der Computerwissenschaftler dies herausfindet (Agnes wird immer deutlicher und bietet sich ihm schließlich regelrecht an: sie sei ein wesentlich passenderes Objekt seiner Liebe als die Sekräterin), versucht er den Rechner zur Vernunft zu bringen. Immerhin steht auch eine wichtige ballistische Berechnung für eine Venus-Mission an. Agnes, im Liebestaumel, weigert sich jedoch strikt, die Berechnungen anzustellen und dreht schließlich völlig durch. Wie ihr vorheriger Bediener muss nun auch James den Arbeitsplatz räumen. An seine Stelle tritt Millies neuer Freund Walter, ein attraktiver junger Mann, dem Agnes wohl auch kaum lange widerstehen wird.

Die Geschichte der Dreiecksbeziehung zwischen Mann, Frau und Computer reicht bis in die frühen 1950er-Jahre zurück und hat eigentlich stets dasselbe Schema: Männer nutzen Computer, um Frauen zu finden. Computer erstellen mittels Merkmalslisten „Datenpaare“, deren Partner die größtmöglichen Übereinstimmungen in den verglichenen Merkmalen besitzen. Die daraus resultierenden Beziehungen scheitern, weil der Computer das gewisse „je ne sais quoi“ nicht berücksichtigt hat – bzw. der Programmierer nicht sämtliche, zumindest aber nicht die richtigen/relevanten Daten erfasst hat. (Vielleicht scheitern die Beziehungen aber auch, weil nicht gleiches und gleiches, sondern die Unterschiede einander anziehen.) Es gibt im Rahmen dieser Motivgeschichte Übertreibungen und Variationen – hier liegt nun eine Inversion vor: Die Maschine, die vorgibt eine Beziehung zu ermöglichen, indem sie dem armen James möglichst frauenkompatibles Verhalten nahelegt (dass jedoch „berechnet“ inkompatibel ist), ist keineswegs ein „unbeteiligter Katalysator“.

Inszeniert wird dies als eine Fehlfunktion, die zum Durchdrehen des Gerätes führt: In einer Art hysterischem Anfall blinkt der Computer wie wild uns spuckt meterweise Lochstreifen aus; die Komplexität dieser Fehlfunktion erscheint jedoch regelrecht fantastisch. Immerhin entwickelt der Computer diese Gefühle aus dem Nichts heraus und scheint auch gewissen Routine(n) im Anbahnen und Verhindern von menschlich-zwischengeschlechtlichen Beziehungen zu besitzen. Dass die „Beziehungskiste“ selbst auf eine Liaison aus ist (und glaubt, durch gutes Schachspielen bestens für eine solche gerüstet zu sein), ist Bestandteil des Technoangst-Diskurses, nach welchem Computer dem Menschen erst immer ähnlicher werden (im Gegenzug die Menschen – hier als Programmierer – den Computer anthropomorphisieren) und ihm dann sogar in seinen biologisch ureigensten Funktionen (Reproduktion) ebenbürtig werden.

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