Der sogenannte Computer

Am 29. und 30. Juni findet an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg das 11. „Theorieforum“ der Theorie-AG der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft statt. Das Thema der fortlaufenden Veranstaltung lautet in diesem Jahr: „Medienbildung zwischen Subjektivität und Kollektivität im Kontext des Digitalen„. Ich habe mich für einen Vortrag beworben, der das Veranstaltungsthema ein wenig dialektisch wendet, und bin angenommen worden:

Zeit: Samstag, 30.06.2018, 9:30-15:00 Uhr
Ort: Senatssaal der Otto-von-Guericke-Universität, Gebäude 05, Raum 205, Universitätsplatz 2, 39104 Magdeburg

Der sogenannte Computer. Zum Problem des Kollektivums der Digitalisierung

Abstract:

Seit der Personalisierung von Computertechnologie ab Mitte/Ende der 1970er-Jahre steht die Schul- und Erwachsenenbildung vor der Herausforderung, ein Verständnis dieser Apparate im Rahmen der Medien(kompetenz)bildung vermitteln zu müssen. Die Ansätze hierfür im nicht-universitären Informatikunterricht haben sich dabei in den letzten vier Jahrzehnten mehrfach gewandelt. Dabei hat sich der Blick auf Computer ebenso verändert und jeweils andere Aspekte der Technologie in den Fokus gerückt. Eine Tendenz wird im Rückblick hierbei besonders deutlich: diejenige fort vom Computer als singulärem Apparat mit besonderen Idiosynkrasien über einen Begriff von Computer, der mehr das Prinzip von automatisierter Berechenbarkeit (im Sinne der theoretischen Informatik) meint, hin zum Begriff der Digitalisierung, bei der Computer als Devices nur noch eine untergeordnete Rolle gegenüber den Diensten (Vernetzung, Kommunikation, Handel, …), die mit ihnen vollzogen werden, spielen.

Mein Vortrag will diese Entwicklung zunächst kurz an Beispielen skizzieren und sie in einen theoretischen/theoriegeschichtlichen Rahmen von Medienwissenschaft einordnen. Der Kollektivsingular des (sogenannten) Computers soll dabei als Ergebnis eines sukzessiven Blackboxings verstanden werden, das zwar die gesellschaftlichen Rolle dieses Mediums verständlicher macht, dabei aber das individuelle Verständnis der Technologie stetig verringert. Der Gegenvorschlag hierzu lautet: Computer wieder als singuläre Apparate in den Medienunterricht einzuführen (was mit Geräten wie dem Arduino, Calliope, BBC MicroBit, Raspberry Pi u.a. in der letzten Zeit geschieht) und deren Prozessualität hardware- und softwarenah zu vermitteln, um von dort ausgehend eine Re-Emanzipation des Individuums über die komplexen (nicht jedoch komplizierten!) technischen Prozesse digitaler Medien zu initiieren. Hierzu bedarf es einer spezifischen Didaktik, die in ihren Grundzügen vorgestellt werden soll.

Daran ist ein größerer Diskurs der technologischen (Selbst)Aufklärung gekoppelt, der aus der historischen Hackerkultur der 1970er-Jahre stammt und den es (etwa im Rahmen von Hackerspaces, Coding Dojos, Makercafés u.a.) wiederzuerlangen gilt. An solchen Orten entstehen neue Kulturen und Strukturen der Emanzipation gegenüber allmächtig wirkenden technischen Infrastrukturen. Nicht zuletzt hardware-basierte Probleme, wie die jüngst (durch solche Hacker-Initiativen!) bekannt gewordenen Sicherheitslücken „Meltdown“ und „Spectre“ haben deutlich gemacht, dass es gefährlich wäre, „die Computer“ hinter den Diensten, die sie leisten, oder hinter Polysemien wie „Digitalisierung“ verschwinden zu lassen und ihre Funktionskenntnis damit vollständig an technische Expertenkulturen zu delegieren.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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