Deckerinnerung

Total Recall (USA 1990, Paul Verhoeven) (Bluray)

Ein Kollege lädt in unregelmäßigen Abständen Mitarbeiter unseres Lehrstuhls zu sich nach Hause zu gemeinsamen Filmsichtungen ein. Beim letzten mal war ich dabei und habe mir nach langer Zeit wieder einmal „Total Recall“ angesehen. Bei der Sichtung war ich von Dreierlei überrascht:

1. Der Film ist vollständig mit analogen Spezialeffekten realisiert. Die sehen mal sehr gut (Klimaänderung auf dem Mars), mal unfreiwillig komisch (Mars-Touristin verwandelt sich in Schwarzenegger) aus. Die Splatter- und Latex-Effekte überzeugen allerdings immer noch – gerade weil sie so organisch wirken.

2. Nichts, was an irdischen Science-Fiction-Technologien im Film zu sehen ist, ist heute, 26 Jahre später, noch futuristisch. Von der allgegenwärtigen Medienwerbung über die Nacktscanner am Flughafen bis hin zu den überdimensionalen Flatscreens in den Wohnungen. Alles ist schon da, bis auf:

fingernails

3. Als der Film 1990 angelaufen war, hatte ich ihn im Kino gesehen. Ich erinnere mich noch, dass ich vorher die Kurzgeschichte in einer Anthologie gelesen hatte, um mich vorzubereiten. Seit dem habe ich die Erzählung nicht mehr gelesen und deren Inhalt fast vollständig vergessen. Oder besser gesagt: Er wurde vom Film mit seinen überdeutlichen Bildern überlagert, die sich im Gegensatz zu den Imaginationen, welche die Lektüre ausgelöst hatte, fest in meiner Erinnerung eingebrannt hatten. Die ursprüngliche Erfahrung, dieses Abenteuer schon einmal „erlebt“ zu haben, wurde sozusagen von der falschen Erinnerung daran überdeckt.

Deshalb habe ich mir nach der gemeinsamen Sitzung vorgenommen, die Erzählung noch einmal zu lesen. Das habe ich jetzt getan und ich bin strukturalistisch erfreut, wie wenig und zugleich Film und Text miteinander zu tun haben. Die Gefahr, sich an Dinge zu erinnern, die schädlich für einen sind, ist im Text Dicks viel präsenter und plastischer als im Film. Der hat dafür mit umso deutlicheren Bildern als harmlose Deckerinnerungen aufzuwarten:

gomez

Wie gewitzt das Drehbuch hier mit Versatzstücken aus der Geschichte spielt! Die Filmschauspielerin Lycia Naff (die später als Fähnrich Gomez in „Star Trek – The Next Generation“ in der Folge „Q Who“ Zeugin des ersten Zusammentreffens der Menschen mit dem Borg wurde) zeigt uns hier als marsianisch-mutierte Prostistuierte etwas, das in der Erzählung die Empfangsdame des „Recall“-Unternehmens (das dort „Ent/dsinn AG“ heißt) vorgeführt hat: Brüste. An die erinnert sich auch der Protagonist Quail … nicht, weil es drei sind, sondern weil sie ihm (und anderen Kunden) beim ersten Zusammentreffen nicht nur offen gezeigt wurden, sondern zuerst auch noch blau und später dann rot gefärbt waren, so als wären es Fingernägel.

Selbstverständlich vorgetragene Barbusigkeit und dazu noch als ornamentale Werbebotschaft … das ist so ziemlich das einzige Element in Dicks Erzählung, das damals und heute nicht Science Fiction war/ist. In Zukunft wird sich das wohl ändern …

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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3 Kommentare zu Deckerinnerung

  1. frater mosses zu lobdenberg sagt:

    Das ist eindeutig Eccentria Gallumbits, die dreibrüstige Hure von Erotikon VI, die übrigens auch vorläufig noch SF bleiben wird.

  2. Moss the Trekkie sagt:

    Lycia Naff (die später als Fähnrich Gomez in „Star Trek – The Next Generation“ in der Folge „Q Who“ Zeugin des ersten Zusammentreffens der Menschen mit dem Borg wurde)

    Andersrum. „Q Who“ (und übrigens auch die Folge „Samaritan Snare“, in der Naff ebenfalls als Gomez zusehen ist) ist von 1989, „Total Recall“ kam erst 1990 ’raus.

  3. Stimmt, ist mir danach auch aufgefallen. Danke für den Hinweis.

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