Verbunkerte Computergeschichte

Zufällig wird man es als Kiel-Besucher sicherlich nicht entdecken, das neue Kieler Computermuseum. Es be ndet sich auf dem Campus der Fachhochschule, weit abgelegen vom Zentrum Kiels, im Stadtteil Dietrichsdorf. Dorthin gelangt man vom Stadtzentrum aus in 15 Minuten mit einer Buslinie. Von der Haltestelle zum Museum ist es nur noch ein kurzer Fußweg. Er führt vorbei an einem Ofen-Museum und an Gebäuden der Fachhochschule, bis man zwei etwas merkwürdige Bauwerke zu Gesicht bekommt. Bei diesen großen, grauen Betonklötzen handelt es sich um oberirdische Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, die nicht abgerissen oder zurückgebaut, sondern umgenutzt wurden und nun ganz besondere Schätze beherbergen. Einer von ihnen, am Eichenbergskamp Nummer 8, ist das Zuhause des Computermuseums und hat – nach einigen Umbauarbeiten – im Mai 2010 seine Pforten für Besucher geöffnet. Zunächst nur an zwei Tagen pro Woche; man sollte den Besuch also planen.

Das dreigeschossige Gebäude bietet natürlich nur begrenzten Platz, weswegen schon zu Beginn des Projektes genau geplant werden wollte, was alles in die Ausstellungsräume soll, was ins Archiv und was verschenkt oder entsorgt werden musste. Den Grundstein der Sammlung bildete die 1982 gegründete und bis vor kurzem nur in verschlossenen Baracken untergebrachte ‚Computer-Schausammlung‘, die vor allem Großrechenanlangen von der Zuse AG und Teile von Deutschlands allererstem elektronischen Digitalcomputer enthielt: Der Kieler Ingenieur Walter Sprick hatte den nach ihm benannten Sprick-Elektronenröhren- Rechner ab 1949 entwickelt, aber erst 1957 zum Patent angemeldet. Das Museum besitzt zwar keinen vollständigen Sprick-Rechner, dafür aber zahlreiche Dokumente und einige Teile des Gerätes im Ausstellungsraum.

Doch bis man zu diesen Exponaten gelangt, muss man natürlich zunächst den Eingangsbereich passieren, in welchem schon gleich klar wird, wo man sich befindet. An den Wänden winden sich unzählbar viele, verschlungene Drähte, die zum Inneren eines Supercomputers gehören. An ihnen vorbei gelangt man in den Vorraum mit Garderobe und Kasse – dort sind auch bereits einige kleinere Exponate in Vitrinen zu besichtigen. Ein mannsgroßer Roboter-Dummy gibt das Leit-Motiv des Museums vor: Er wird dem Besucher als Grafik stilisiert überall im Museum wieder begegnen – als Piktogramm an den Toilettentüren, als Erklär-Figur an den Texttafeln und als Wegweiser im Treppenhaus. Zur Ausstellung gelangt man, nachdem man einen Filmvorführraum passiert hat, in welchem eine filmische Einführung in die Geschichte des Computers und ein eigens produzierter CGI-Film (sogar in 3D) vorgeführt werden.

Das Museum ist streng chronologisch aufgebaut – jede Etage stellt eine Epoche des Computerzeitalters dar. Im Treppenhaus verläuft vom untersten bis zum obersten Stockwerk eine grafische Timeline an der Wand, welche die technikhistorischen Erfindungen den Ereignissen der Zeit- und Kulturgeschichte gegenüberstellt. Hier wird bereits klar, dass Computer nicht aus dem Nichts entwickelt wurden und werden, sondern Antworten auf ganz konkrete Ereignisse und Anforderungen der Zeit geben. Im ersten Stockwerk findet man demzufolge zunächst die Vorläufer des Digital-Computers, die analogen Rechengeräte (wie Rechenschieber) und Analog-Computer – etwa der Firma Telefunken. Auch zur Vorgeschichte des Digital-Computers erfährt man hier einiges – sie reicht vom Abacus bis zur mechanischen Z1 von Zuse. Mit den Computern und Peripherie-Geräten des heute als Erfinder des Computers geltenden Konrad Zuse geht es auf dieser Etage auch weiter. Die beachtliche Größe der Geräte – eine Z22 ist vollständig ausgestellt – beeindruckt diejenigen, die Computer zumeist in ihrer heutigen Form kennen.

Die zweite Etage zeigt Geräte aus den 1950er- und 1960er-Jahren – der Ära der Mainframe-/ Groß- und Mini-Computer. Zu Beginn findet man sich in einem stilecht nachgebauten IBM-Rechenzentrum wieder, in dem eine IBM 370 ihr Werk verrichtet. Das Surren von Bandlaufwerken, Tipp- und Piepsgeräusche rieseln aus Lautsprechern an der Decke. Geht man einen Raum weiter, sieht man über weitere Großrechner hinweg bereits eher Bekanntes: Monitore mit angeschlossenen Tastaturen. Es handelt sich um Terminals für Großrechner – aus einigen von Ihnen sind später eigenständige Mikrocomputer geworden. Daneben finden sich hier Geräte zur Datenaufzeichnung wie Bandmaschinen und Lochstreifenleser. Über die Herkunft und Funktion klären sowohl die manchmal mehrseitigen Wandtafeln als auch Beschriftungen auf dem Fußboden auf.

Die oberste Etage des Museums enthält jene Computer, wie sie die meisten seit ihrer Kindheit kennen. Hier kommt der Besucher nämlich endlich in der Ära der Mikrocomputer an. Zunächst wird er aber über Daten-Darstellungstechniken informiert. Vom Planetarium (als modellierter Ausgabe astronomischer Daten) über Vektormonitore und Oszilloskope bis zum TFT-Monitor reichen diese. Die Wände sind verziert mit Computer-Kunstwerken, die auf diesen Datendarstellungen basieren und die teilweise bereits in den 1950er-Jahren erstellt wurden. Der zweite Raum ist zugleich der größte des ganzen Museums. Darin sind die Computer der 8- und 16-Bit-Ära ausgestellt. Vom Einplatinenrecher KIM-1 über die gängigen Marken der Homecomputer-Ära bis hin zu einigen Selbstbau-Rechnern der in der frühen 80ern populären TV-Serie „Mikroelektronik“ (in welcher der Bau des so genannten ‚NDR-Klein-Computers‘ Schritt für Schritt erklärt wurde) finden sich hier ein paar Dutzend Exponate.

In Vitrinen sind Eingabegeräte wie verschiedene Joysticks, Touchpads, Mäuse und Paddles ausgestellt; zudem bekommt man über menügesteuerte Flat-Screens an den Wänden historische wie technische Hintergrundinformationen: Wann wurde der erste Mikrochip entwickelt? Wie funktioniert ein Transistor? Sogar Ausschnitte aus der genannten TV-Serie werden eingespielt. Im Raum finden sich überdies zwei Säulen, in die (moderne) Computer eingelassen sind. Hier kann man weitere Dokumente ansehen, aber auch Emulationen von Computerspielen testen. Selbst diejenigen, die in dieser Zeit und mit diesen Computern groß geworden sind, erfahren hier Neues und kommen in Kontakt mit seltener Hardware.

Wie im Museum üblich, sind die meisten Exponate reine Ausstellungsstücke – auf ihr Funktionieren wurde weniger Wert gelegt als ihre Vollständigkeit.* Außer den NDR-Klein-Computern sind daher auch keine der ausgestellten Rechner in Betrieb. Dafür ist die Dokumentation umso umfangreicher. Zwar sind nicht immer alle Tafeln korrekt beschriftet (so zieht sich etwa die Benennung des ‚MOS 6502‘ als ‚6205‘ durch alle Schautafeln), doch vor allem das Begleitheft zur Ausstellung mit seinen Texten von Fachleuten und Zeitgenossen der jeweiligen Technologie-Entwicklung ist eine sehr gute Ergänzung. Es gibt in Deutschland nicht viele Museen, die sich auf Computer spezialisiert haben; das Kieler Computermuseum ist daher eine echte Bereicherung.

Zuerst erschienen in: Retro Magazin, Nr. 23 (Frühling 2012), S: 70-71.

* Erst viel später habe ich erfahren, dass ausgestellte Computer des Museums teilweise zerstört wurden, um in das Museum verbracht werden zu können. Insofern käme ich heute wohl nicht mehr zu dem selbem Fazit.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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