»Der Zeitschalter steht auf extreme Zukunft!«

2071 – Mutan-Bestien gegen Roboter (The Time Travelers, USA 1964, Ib Melchior) (TV)

Die Roboter für alles

Auch, wenn es der deutsche Titel kaum vermuten ließe: ein ganz und gar zauberhafter Film – im Übertragenen, wie wortwörtlichen (dazu weiter unten) Sinn. Wieder einmal sind Roboter hier nur die Randfiguren, bekommen aber sowohl ihre traditionelle Rolle (Apparate für gefährliche Aufgaben) als auch futuristische Technik-Aspekte zugestanden. Neben den Robotern ist aber vor allem die Zeitreise-Thematik und ihre filmische Inszenierung, deren strukturelle Verdopplung als „mediale Mise-en-Abyme“ sich geradezu aufdrängt, das eigentliche Thema des Films.

The Time Travelers and their Time Machine

Wie bei den „Terrornauts“ soll der Forschergruppe um Dr. Erik von Steiner (nicht nur am Namen, sondern auch am Fritz-Lang-Monokel eindeutig als deutschstämmig identifizierbar) der Geldhahn abgedreht werden, wenn seine energiehungringen Experimente nicht bald Früchte tragen. Von Steiner arbeitet an einem Computer, der über einen Großbildschirm Bilder aus anderen Zeiten – der Zukunft wie der Vergangenheit – projizieren soll. Beim letzten Experiment ist neben einer Kollegin und einem Kollegen auch ein Bürobote anwesend, der die Hiobsbotschaft von der drohenden Schließung des Projektes überbringt. Man setzt also alles auf eine Karte und dreht den Saft ein bisschen weiter auf, als es ungefährlich wäre – und schwupps, gibt es ein Problem: Der Monitor zeigt eine karste, zerklüftete Felslandschaft an, wo eben noch der Uni-Campus zu sehen war. Die Zeitskala deutet allerdings nicht etwa auf eine weit entfernte Zukunft hin, sondern auf das Jahr 2071 – 107 Jahre von der Gegenwart der Wissenschaftler entfernt.

Mise-en-Abyme

Und noch etwas Zweites ist passiert: Der Bildschirm hat sich durch das Experiment in „ein Fenster in die Zukunft“ verwandelt, durch das der Bürobote hindurch schreitet und im Bildhintergrund verschwindet. Zuerst eilen ihm die beiden männlichen Wissenschaftler nach; als kurz darauf eine Horde Mutanten versucht, durch eben jenes Fenster in das Labor einzudringen und die Assistentin zu attackieren, ergreift auch sie die Flucht nach vorn durch die Mattscheibe in die Zukunft. Alle vier finden sich nach einer wilden Verfolgungsjagd in einer Höhle wieder, wo sie von einer Wissenschaftlerin und einer Gruppe Roboter ins Innere einer Art Bunker geführt werden. Darin haben seit drei Generationen Menschen überlebt, die sich mithilfe von Wissenschaft und Technik einerseits der Mutanten erwehren, andererseits den Weltraum nach einer neuen Heimatwelt absuchen. Denn die Erde ist nach einem Atomkrieg unbewohnbar geworden und die Nahrung im Bunker wird langsam knapp. Mithilfe von Sonden wurden alle Himmelskörper des Sonnensystems als unbewohnbar identifiziert. Eine schon fast fertig gebaute Rakete soll die Menschen daher zum Alpha Centauri bringen – doch darin ist nicht genug Platz für die vier Neuankömmlinge. Und zudem gelingt es kurz vorm Start der Rakete den Mutanten, die Bunkeranlage zu stürmen …

Rakete zu den Sternen

Man könnte noch viel mehr Details der Story nacherzählen, denn „The Time Travelers“ ist trotz einiger langatmiger Liebesszenen, Verfolgungsjagden und quasi-dokumentarischer Aufnahmen der Zukunftswelt ein sehr dichter und überaus kurzweiliger Science-Fiction-Film. Minutiös führt er die Technik der Zukunft, deren Verkörperung natürlich die Roboter sind, vor: Wir bekommen minutenlang den Produktionsprozess der Maschinenmenschen zu Gesicht und welche ausgefeilte, zauberhafte Technologie sich in den Maschinen verbirgt. Die Konzepte sind gemessen an den Erfordernissen und Möglichkeiten der Robotik dabei durchaus elaboriert: Ihr Gedächtnis ist in „Hirnspulen“ gespeichert, die von einer auf die nächste Generation übertragen werden, damit sich Wissen vererben lässt. Sie sollen die Rakete über den generationenlangen Flug zum Alpha Centauri betreuen, während die Menschen im Cryoschlaf auf die Ankunft in der neuen Welt warten.

Roboter-Montagehalle

Roboter-Montage

Die Roboter werden als kampfbereite und furchtlose Sklaven skizziert; in der finalen Schlacht sind sie Gegenstand regelrechter Technik-Splatter-Aufnahmen. Wie sie genau funktionieren, wird ansatzweise erklärt – wie der Film sich überhaupt viel Mühe damit gibt, alles mögliche physikalisch herzuleiten, wenngleich die zugrunde liegende Physik selbst nicht unbedingt realistisch ist. Dr. von Steiner und der neugierige sowie freche Bürobote sind dabei stets die Agenten des Zuschauers, der sich die Zukunft erklären lässt. Gänzlich „zauberhaft“ ist, wie der Film die technischen Gadgets dieser Zukunft inszeniert: Zahlreiche Zaubertricks werden von den Protagonisten vorgeführt, die den Einsatz von Filmtricks (wie Schnitt oder Spezialeffekten) überflüssig machen: Körper verschwinden hinter einer doppelten Böden und tauchen anderswo wieder auf, Köpfe werden abgetrennt und wieder angebracht, metallene Kettenglieder per Handumdrehen zu Ketten, Ringe zu Quadraten … letzterer Prozess wird ironischerweise sogar kommentiert: Als Dr. Vamo einen Techniker auffordert, schneller zu arbeiten, antwortet dieser: „Hexen können wir noch nicht. Unser Kreis-Quadrat ist Präzisionsarbeit!“ – (Wo und beim wem dieser Dr. Vamo in der postapokalyptischen Einöde übrigens promoviert haben soll, bleibt ein Geheimnis des Drehbuchs.)

Eine Hardcopy der neuen Erde

„The Time Travelers“ ist also ein Film voller doppelter Böden, unsichtbarer Durchgänge und seltsamer Räume. Auch dies wird thematisiert: zuerst angesichts des magischen Zeitfensters, durch das die Protagonisten hindurch gehen und von dem Dr. von Steiner glaubt: „Die Zukunftsmaterie dringt hervor!“ Dann gibt es jedoch auch Medien in der Zukunft, die regelrechte Wurmlöcher darstellen: Der Bürobote wird damit instantan von einem Ort zum anderen teletransportiert (eine im Roboterfilm wichtige Technologie!) und vom Planete des Alpha-Centauri-Systems, der angesteuert werden soll, gibt es eine Live-Bild, das durch Sonden übermittelt wird. Beide Technologie basieren auf dem so genannten „Vibro-Transporter: Materie wird in Schwingungen verwandelt und diese wieder in Materie. Im Grunde dasselbe Prinzip wie bei der Ausstrahlung eines Bildes beim Fernsehen“, erläutert Dr. Vamo. Die (Semi)Permeablität dieser Fernsehbilder, bei der das Gezeigte körperlich wird und der Zeitversatz der Sendung zu einer Zeitreise einlädt, ist das fantastischste Konzept des Films, mit dem sich dieser als Medium selbst reflektiert.

Sixties-Sex in Zukunftswelt

„Vielleicht ist der Schaltkreis für Zukunft ausgefallen“, vermutet von Steiners Assistent Dr. Connors, der für den anfänglichen Kurzschluss verantwortlich ist. Die Versuche, aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit zu gelangen, schlagen jedoch auf eine zeitphilosophisch sehr beeindruckende Art fehl: Die Truppe kehrt an den Ausgangsort und in die Ausgangszeit zurück, an der sie sich aber bereits befindet. Also wiederholen sich alle Ereignisse wieder und wieder: Der Film gerät in eine zusehends schneller ablaufende Endlosschleife. Die erzählte Zeit wird zur Erzählzeit und damit sichtbar dem Kinoapparat unterworfen, der sie beliebig schnell vorspulen und wiederholen kann. Zuletzt entkommen die Zeitreisenden der Schleife aber dennoch – und zwar in eine „extreme Zukunft“. Und dort scheinen sie bleiben zu können; dort gibt es keine Roboter, keine Zeitschleifen, keine Atombomben … dort gibt es nur noch Natur.

Roboter-Splatter

Mehr Roboter-Splatter

P.S.: Der Film enthält eine ziemlich obskure Erotik-Szene, die durch ein musikalisches Spiel  versinnbildlicht wird. Dieses „Musikvideo“ ist ein sehr amüsanter und fantastischer Entwurf künftiger Hausmusik und bei YouTube als Video ansehbar:

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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