Pionier der Computerzeit: Emil Schilling

Die gestrige Semester-Abschlussveranstaltung des medienwissenschaftlichen Kolloquiums in der Sophienstraße stand im Zeichen der Frühgeschichte des Computers. Dr. Ralf Bülow vom Kieler Zentrum für Kultur- und Wissenschaftskommunikation (maßgeblich in der dortigen Schausammlung tätig) stellte den Pionier Emil Schilling vor, der 1926 ein Konzept für eine „Steuerung für Rechenmaschinen o. dgl.“ beim Patentamt eingerecht hatte, das 1933 angenommen wurde. Darin beschreibt Schilling eine Maschine, mit deren Hilfe man bereits existierende Rechenmaschinen mit Hilfe zweier Lochstreifen und Druckluft (!)* sequenziell programmieren kann, so dass komplexere Rechenoperationen möglich und der Mensch als Kalkulator vor der Rechenmaschine unnötig wird. Realisiert hat Schilling seine Maschine nie, Bülow erklärte deren Funktion anhand der in der Patentschrift enthaltenen Konzeptzeichnungen jedoch so schlüssig, dass von einem grundsätzlichen Funktionieren ausgegangen werden kann.

Die Ausführungen und die Suche nach einem „Initialereignis“ in der Geschichte des Computers liefen natürlich zwangsläufig auf eine Relativierung der Leistungen Konrad Zuses hinaus, der bislang ja als der früheste Entwickler einer programmgesteuerten Rechenmaschine gilt. (Bemerkenswert fand ich in dieser Hinsicht, dass sowohl Schilling als auch Zuse auf perforierte Lochstreifen zur Speicherung zurückgriffen, dass in Schillings Maschine aber offenbar auch ein elektrischer Motor am Werk war, der mithilfe einer dem Malteser-Kreuz ähnlichen Technik für ein schrittweises Vorrücken des Streifens sorgte – die Geburt des Computers aus der Kinotechnik hat damit eine weitere technische Facette!) Zuse sei Bülow zufolge auch keineswegs der erste gewesen, der eine Maschine zum Rechnen mit Dual-Zahlen entwickelt habe; diese hätte es bereits 1936 vom Franzosen Louis Couffignal gegeben.

Eine ebenfalls sehr interessante Diskussion am Rande berührte die Zusammenhänge zwischen der pneumatischen Programmsteuerung und den so genannten „Player Pianos“, die ebenfalls mit Druckluft betrieben wurden und in der Steuerung dem Apparat Schillings nicht unähnlich sind. Die Zusammenhänge zwischen Player-Pianos und Computern seien allerdings auch legendär. Bülow erwähnte, dass es vom Schriftsteller Kurt Vonnegut einen Roman aus dem Jahr 1952 mit dem Titel „Player Piano“ gäbe, in dem eine Computer-Dystopie auf Basis dieser Technologie stattfände. Das Buch gibt es auch auf Deutsch unter dem Titel „Das höllische System“ und ist bereits bestellt. Ergänzen ließe sich in dieser Hinsicht natürlich noch der Konflikt der Drehorgelspieler mit Herman Hollerith (einem der Gründer der IBM), der mit seinem Lochkarten-System für so viel Ärger (sprich: Arbeitslosigkeit) bei den Musikern gesorgt hatte, dass diese ihn regelrecht in den Tod orgelten.

Am Rande des Kolloquiums habe ich von Bülow noch einige sehr interessante Hinweise für meine Mini-Forschung zum Thema „Computer als Dating-Maschine“ bekommen. So wies er mich nicht nur auf den Film „Bel Ami 2000“ mit Peter Alexander hin, sondern erwähnte auch ein Projekt der Jugendzeitschrift „Twen“ (ersch. 1959-1970) aus den Jahren 1967 und 1968, die ihre Leser computergestützt miteinander verkuppelt haben. Die betreffenden beiden Ausgaben der „Twen“ liegen in der Bibliothek der Publizistik (FU) und werden in Kürze von mir eingesehen. Vielleicht ist es mir möglich die betreffenden Texte zu scannen.

* Dass Computer im Prinzip von ihren Anfängen bis heute „luftbetrieben“ sind, scheint evident, wenn man sich die Berichte der frühesten Elektronen-Rechner in ihren klimatisierten Räumen ansieht, deren Nachfahren die Lüfter in den meisten PCs darstellen. Dass es darüber hinaus Versuche gegeben hat, rein luftgesteuerte Computer zu entwickeln, die bei einem Atomschlag kein Opfer des NEMP werden, hat Bülow am Rande mit Verweis auf die Fluidik erwähnt.

Ein fiktives Interview und ein paar Bilder von Schilling und seinem Haus finden sich hier.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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2 Kommentare zu Pionier der Computerzeit: Emil Schilling

  1. thomas sagt:

    artefakt aus der zeit, als der computer teenager miteinander zu verschalten begann:

    http://www.youtube.com/watch?v=Qk2jepguO_Y

    (weiterer recherchehinweis, nur für den fall, dass nochmal nach vergleichbar ephemeren quellen ausschau gehalten werden muss: das archiv der jugendkulturen in berlin verfügt über einen großen bestand an jugendzeitschriften und vergleichbaren artefakten. wäre sicher auch mal interessant zu sehen, wie in „bravo“ o.ä. der siegeszug des computers behandelt wurde. ein video zum archiv: http://www.youtube.com/watch?v=PVhGsl5lzoY und deren website: http://www.jugendkulturen.de/ )

  2. Danke, France Galle ist natürlich einschlägig – Schilling fragte auch gleich, ob ich das kenne. YT hat’s sogar mittlerweile in HD: http://www.youtube.com/watch?v=1XOk4Ls-7OY

    Sich durch die Bravo wühlen könnte ganz schön zeitraubend werden – aber vielleicht auch gerade deshalb lohnend, weil die Zeitschrift genau wegen dieses Themas (Kuppeln) ja schon zwei mal fast auf dem Index gelandet wäre.

    Heute geht es jedenfalls in die FU-Publizistik-Bib. zur „Twen“. 🙂

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