Die Frauenaffinität des Computers

Eine Frau, die alles weiß (Desk Set, USA 1957, Walter Lang) (DVD)

Per Zufall bin ich auf „Desk Set“ gestoßen (worden), habe ihn gestern Abend gesehen und war sehr beeindruckt von der Art und Weise, wie hier über Digitalcomputer verhandelt wird – sowohl über ihre technischen Möglichkeiten als auch ihre sozialen Implikationen. Vielleicht ist dies sogar der erste Spielfilm, der sich als fiktionale Technikfolgen-Antizipation sehen ließe.

Erzählt wird die Geschichten von Bunny Watson und ihren drei Kolleginnen, die zusammen in der Informationsabteilung eines Rundfunksenders arbeiten. Ihre Aufgabe ist es, eingehende Anrufe zu beantworten, in denen sie nach allen möglichen historischen, technischen, künstlerischen, naturwissenschaftlichen und anderen Fakten gefragt werden. Die Damen sind so etwas wie menschliche Datenbanken. Als eines Tages Richard Sumner, ein externer Ingenieur, beauftragt vom Chef des Medienkonzerns in die Abteilung kommt, gerät menschlich und technisch einiges durcheinander: Sumner soll Vorarbeiten für die Installation einer Rechenanlage anstellen. Ein EMARAC-Computer soll installiert werden und außer Sumners und seinem Auftraggeber weiß niemand, dass das Gerät nicht etwa die Stellen der Damen wegrationalisieren soll, sondern ihnen bei langwierigen Rechercheaufgaben („Wie viel wiegt die Erde?“) helfen soll. So entspinnt sich ein unausgesprochener Konflikt zwischen den Menschen und der anfangs noch nicht einmal anwesenden Maschine, der vornehmlich auf computativer Ebene ausgetragen wird.

Vorspann: IBM-Werbebroschüre

Die drei zentralen Motive des Films sind „Raum“, „Speicher“ und „Kommunikation“ und sie stehen alle miteinander in Verbindung. Schon der Vorspannt zeigt wie wichtig das Raum-Thema im Film ist: Eine fein-säuberlich aufgereihte Mainframe-Anlage der Firma IBM (es dürfte sich um eine IBM 305 RAMAC handeln – im Film wird der Computer später mit „EMARAC“ – Electromagnetic Memory And Research Arithmetical Calculator – betitelt) – wie auf einem Mondrian-Gemälde angeordnet, auf dessen Printer die Kamera langsam zu fährt. Auf dem Endlospapier werden die Titles und der Cast des Films per Typenrad ausgedruckt. Der Großteil von „Desk Set“ spielt in jener Informationsabteilung, dem „Reference Departement“, das im Vordergrund mit den Schreibtischen der Telefonistinnen, im Hintergrund mit Karteikarten-Schränken und einer Bibliothek ausgestattet ist. Die „Zentraleinheit“ in Person von Bunny Watson hat ein Büro nebenan. Sie muss die Bibliothek kaum konsultieren, denn sie hat ein phänomenales Gedächtnis über die unterschiedlichsten Themen. Kontakte zu anderen Räumen wird vornehmlich über das Telefon hergestellt. Durch es fluktuieren Informationen durch das Gebäude, gelangen hinein und hinaus. Inszeniert werden die Telefonate durch Split-Screens, die den filmischen Raum funktional aufteilen.

Sumners im "Reference Departement"

IBMs RAMAC war der erste Computer, für den es ein Festplatten-Speichersystem (IBM 350) gab. Damit wurden die Zugriffszeiten auf gespeicherte Informationen wesentlich verkürzt. Mussten die Systeme zuvor Bänder absuchen und an die richtige Stelle spulen, um an hinterlegte Informationen zu gelangen, geschah dies nun unsichtbar und durch rotierende Scheiben. Vielleicht mag genau diese Geschwindigkeit gepaart mit der hohen Informationsdichte (ca. 5 MB) die erste wirkliche Bedrohung der Angestellten-Arbeitswelt dargestellt haben. Effiziente Datenbanksysteme benötigen genau diese Kombination aus Speicher und Geschwindigkeit – allerdings auch noch einen Algorithmus, mit dem auf diese Inhalte zugegriffen werden kann, der Anfragen kodiert und Datenbankinhalte kombiniert, je nachdem, wie die Anfrage beschaffen ist. Hier kompensiert der Rechner die Intelligenz mit Geschwindigkeit – in „Desk Set“ zeigt sich aber, dass er den Vergleich zum Menschen noch verlieren muss.

Denn, wie Bunny Watson betont, sind es gar nicht so sehr die Fakten, die anspruchsvoll zu ermitteln sind, sondern die sinnvolle Kombination derselben. Dass der Computer bereits bei der korrekten Übergabe der Anfrage scheitert, wird in einem fulminanten Vorführeffekt nach seiner Installation gezeigt: EMARAC soll eine Information darüber, ob der König der Watusis ein Auto fährt (und welches) und zugleich alle verfügbaren Statistiken über Korfu ermitteln. Er versteht einerseits die Eingabe nicht, weil schon die Eingebende nicht versteht, nach was sie fragen soll und weil er an der Syntax der Eingabe scheitert (sie wird in ganzen Sätzen vorgenommen); andererseits ist EMARAC nicht Multitasking-fähig. Er beginnt durchzudrehen und zu qualmen und kann von Sumner nur mit Hilfe einer Haarnadel resettet werden.

EMARAC Crash

Dass es ausgerechnet eine Haarnadel ist, die mehrfach zur Computer-Beruhigung eingesetzt wird, hat seinen Grund natürlich einerseits intradiegetisch, denn der Konflikt zwischen Frau und Technik soll und muss hier überwunden werden – nicht nur, damit sich Sumner und Watson näher kommen können, auch, weil die Bedrohung des Frauen-Arbeitsplatzes durch die Maschine entkatastrophisiert werden muss (dazu weiter unten). Extradiegetisch verweist diese Beziehung aber auf eine langjährige Vorgeschichte. Computer wurden von Beginn an mit Frauen beworben. Schon die Fotografien zum ENIAC (der wohl ebenfalls im Namen von EMARAC angespielt sein dürfte) zeigen meistens auch dann Frauen, wenn die Fotos gar keinen werblichen Charakter haben:

ENIAC Girls

… und die sauber aufgeräumte, staubfreie Atmosphäre um EMARAC wird durch die Adrettheit seiner Bedienerin, die zusammen mit dem Gerät in den Sender gekommen ist, nur noch unterstrichen:

IBM Werbung 1954

EMARAC & Frau

Die Verbindung „Frau/Computer“ bedient natürlich zuvorderst einen sexuellen Zweck („sex sells“), andererseits soll durch den gerade in den 1950er Jahren noch deutlich chauvinistischen Blick auf die Frau als anti-technischem Wesen klargemacht werden, wie kinder- bzw. frauenleicht solch ein Gerät zu bedienen ist. Der Computer muss gar nicht in seinem technischen Sosein verstanden werden, es reicht, sich mit seiner Oberfläche und seinen Funktionen auszukennen, um ihn benutzen zu können. (Ein Prinzip übrigens, dass sich seitdem nicht etwa verbessert, sondern im Zuge zunehmender Komplizierung der Technik ausgeweitet hat.) Die Werbung unterstreicht also eher die mangelnde Technikaffinität der Frau durch Hervorhebung der großen Frauenaffinität des Computers.

Dass aber nun ausgerechnet die geringe Technikaffinität der EMARAC-Bedienerin zum Absturz führt, der auch noch dadurch eingeleitet wird, dass ein roter Hebel bedient wird, neben dem steht, dass er nicht zu berühren sei, scheint schon beinahe eine Karikatur auf diese Werbestrategie. Wozu soll dieser rote Hebel überhaupt gut sein, wenn man ihn nicht betätigen darf, wenn seine Betätigung unweigerlich zu einer technischen Fehlfunktion des Computers führt? Nun, er ist auf jeden Fall eine Art Hysterie-Initiator, denn nicht nur der Computer, auch die Frauen in seiner Umgebung drehen förmlich durch, wenn er betätigt wird. Das zeigt sich auch an der ansonsten sehr beherrschten und rationalen Bunny Watson, die während des Crash unvermindert ein Gedicht aus dem Kopf rezitiert, das der Computer gerade ausdruckt. In irrem Tonfall mit übertriebenen Gesten sagt sie Vers um Vers auf, während die Maschine immer mehr Endlospapier ausspuckt. Es sieht nach einem Wettkampf und Leben und Tod aus.

Hysterie-Schalter

Und der scheint es in der Tat auch zu sein, denn Bunny Watson und ihre Kolleginnen haben kurz vor dieser Szene ihren finalen Gehaltsscheck erhalten, der sie in ihren vormaligen Befürchtungen bestätigt: Sie werden durch EMARAC durch EMARAC ersetzt. Sie beginnen bereits ihre Büros auszuräumen, als die Sache geklärt wird: Ein zweiter „Rechner“, ein Modell zur Lohnbuchhaltung, arbeitet in der Personalabteilung und hat an sämtliche Menschen, die im Sender arbeiten, Entlassungsschreiben verschickt. Natürlich ließe sich darin auch ein dystopischer Aspekt des Films sehen: Die Computer entledigen sich der menschlichen Konkurrenz; im Plot von „Desk Set“ soll es aber zuerst auf die Fehlbarkeit der Maschine und die Unersetzbarkeit des menschlichen Verstandes hinweisen. Es ist nämlich so, dass EMARAC nur lästige Routine-Aufgaben übernehmen soll, weil die Firma expandiert und Bunny Watsons Abteilung sogar noch ausgebaut werden soll. All die Hysterie war also vergebens!

Mit Entlassungen aufgrund der Anschaffung von EDV (die noch kleiner und schneller ist und über noch größere Speicherkapazität verfügt) und Robotern ist sowie erst gut 20 Jahre später zu rechnen. Aus dieser Perspektive wirkt „Desk Set“ als Technikfolgen-Antizipation unheimlich luzide und wie ein Beruhigungsmittel zugleich. Ein „Fiebertraum“ der Technikfantasie, der seit „R.U.R.“ nicht mehr aus der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts fortzudenken ist.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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5 Kommentare zu Die Frauenaffinität des Computers

  1. thomas sagt:

    hat das mit den frauen nicht vielleicht auch eher mit tradierten arbeitsfeldern aus dem 19. jahrhundert zu tun? schreibmaschinen waren zunächst unter der würde eines mannes, die tipperei – man sieht da ja am beruf der sekretärin noch heute – war klassisch frauen zugewiesen (auch in dracula schreiben ja männer handschriftlich briefe und journale, die frauen dann in getippte dossiers überführen – siehe kittler: draculas vermächtnis). das setzt sich weiter fort: überall an den kopplungsstellen von informationen – vom mund des geschäftsführers zum diktierten geschäftsbrief, von telefonhörer a zu telefonhörer b mit zentrale dazwischen – saßen frauen. in turings rechenräumen im bletchey park saßen frauen und fütterten die register (anekdote 1: darauf soll die bezeichnung „computer“ wohl auch beruhen, anekdote 2: in frühen rechenzentren verbot sich eine ‚gemischte‘ belegschaft wohl auch schon deshalb, weil auf grund der großen hitze die frauen bald in unterwäsche arbeiteten), sogar im trashfilm „blutiger freitag“ ist es noch eine frauen-tippkolonne, die im großraumbüro die daten in die konzerndatenbank eintippt.

  2. Bei imdb bin ich auf folgenden Link zu „Desk Set“ gestoßen:

    http://www.uncw.edu/cte/et/articles/Kozlovic/

    Ein Essay über „Computer-and-Society Issues Through Popular Films: The Case of Desk Set (1957)“

  3. Aber ganz davon unabhängig scheint auch ein gewisses Rollenklischee von Kathrine Hepburn in „Desk Set“ verwirklicht zu sein, dem sich ihre Figuren von je her annähern: ein Frauentyp, der nicht mehr bloß die Begehrte ist, sondern vor allem die Begehrende und darüber hinaus auch mit etlichen anderen männlichen Attributen ausgestattet ist. Lorenz Engell hat das bei der „Störfälle“-Tagung letztens anhand von „Bringing up Baby“ sehr schön dargelegt (Hepburn dort sogar als den „Störfall“ im Geschlechterverhältnis des Comedy-Genres angesprochen). Mir scheint es, dass das Zögern Sumners auch daher rührt, dass sie sexuell irgendwie ambivalent bleibt (und deshalb seit sieben Jahren von ihrem Freund nicht geehelicht wird).

  4. @Thomas: Sehr gut, das wäre natürlich auf jeden Fall für die historische Beziehung zwischen Frau und Computer zu berücksichtigen! Bei „Desk Set“ wird aber zumindest das Gegenteil insinuiert, wenn einerseits Bunny zwar positiv von ihrem Besuch bei IBM (sie war vor Beginn der Filmhandlung auf einer Messe) spricht, jedoch die ganze Zeit offen gegen die Brauchbarkeit eines Computers in ihrem Bereich opponiert. Und andererseits wird gerade die Frau, die sich von Berufs wegen mit Computern beschäftigt, als extrem unverständig und hysterisch dargestellt. So mag sie zwar ihrer Berufsrolle nach der von dir genannten Tradition entsprechen, verhält sich jedoch aber mehr noch nach dem von mir interpretierten Widerspruch zwischen „Frauen und Technik“.

    Dass die Werbeprospekte der Computerfirmen und die Aufnahmen (wie die von den ENIAC-Girls) auch der historischen weiblichen Arbeitsfeldern folgen, scheint ex post natürlich sinnvoll; es existieren aber ebenfalls Aufnahmen mit Männern (sogar offenbar mehr als mit Frauen) mit dem ENIAC und die Werbeabteilungen haben sich in ihrer Strategie sicher auch weniger von solch subtilen Traditionen leiten lassen als davon, dass der Technik-Entscheider einer Firma hofft, zum IBM-Computer gleich noch solch eine schnuckelige und adrette Dame mit dazu zu bekommen. Man müsste mal schauen, woher beispielsweise das obige Foto mit den vier Damen und den Hardware-Teilen stammt und warum es aufgenommen wurde; dass die vier Ingenieurinnen waren, scheint mir fraglich. (Aber vielleicht bin ich auch nur zu sehr Chauvinist. :-D)

    Die Anekdoten sind sehr interessant. Kannst du mir dafür Quellen nennen? Zumindest die erste scheint ja vor allem der nachträglichen Überhöhung Turings zu dienen, denn die Begriffsgeschichte von „Computer“ geht weiter vor ihn zurück. (Oder meintest du das nicht?)

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