Der Proceß der Literaturverfilmung in der Kulturgeschichte

Der Prozess (Le Procés, F/It/BRD/Jug 1962, Orson Welles) (DVD)

Drei mal ist Kafkas „Proceß“-Roman laut imdb bislang filmisch adaptiert worden – „Das Schloß“ sogar sieben und „Die Verwandlung“ acht mal. Es muss also etwas besonderes in der Prosa Kafkas sein, dass seine Stoffe immer wieder begehrt für die Kinoleinwand sind. Dieses Phänomen war auch Gegenstand der Seminar-Sitzung „Literaturverfilmung“, in der ich in der vergangenen Woche meinen Chef vertreten durfte.

Schaut man sich Welles‘ Film an, sieht man sehr deutlich, dass dieses Interesse der Filmindustrie an den Kafka-Stoffen nicht allein im „Kafkaesken“ oder dem, was Wolfang Jahn und andere den „filmischen Blick“ nennen, liegt, sondern in der grundsätzlichen metaphorischen Offenheit des Kafka’schen Existenzialismus, der die Themen „Angst“ und besonders in „Der Proceß“ die Topographisierung von Rechts-Begriffen für kulturhistorische Interpretationen und Rezeptionen öffnet. Welles aktualisiert Kafka, wo es nur geht, unterlegt den Film mit Jazz-Musik, holt sich einen Computer in die Handlung (siehe Bild), macht aus der Bank ein Großraumbüro und zeigt als letztes Bild des Films einen Atompilz. Charmant fand ich die Interpretation eines Studenten, der den Atompilz in begriffliche Nähe zum Phänomen der Atomisierung des Einzelnen in der modernen Gesellschaft gerückt hat.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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