FFF 2008 – Siebter Tag

Just another Love Story (Dk 2007, Ole Bornedal)

Bornedals Filme sind eigentlich immer sehenswert. Er ist so etwas wie der Vorläufer des neuen dänischen Kinos. Sein „Nachtwache“ (wohlgemerkt, das Original, nicht sein Remake) enthält schon vieles von der Abgründigkeit, die auch jüngere Produktionen wie „Adams Äpfel“ oder „The Green Butchers“ auszeichnet. Umso erfreuter war ich, dass auf diesem Fantasy-Filmfest gleich zwei Filme von ihm laufen. „Just another Love Story“ beginnt schon einmal überaus reizvoll: Im Stil von „Sunset Boulevard“ erzählt ein Erschossener die Geschichte seines Lebens – oder besser gesagt: seiner beiden Leben. Denn bei einem Autounfall lernt er eine junge Frau kennen (die mit ihm kollidiert ist und nun im Krankenhaus langsam rekonvalesziert) und verliebt sich in sie, obwohl er eine gut funktionierende Ehe und zwei Kinder hat. Aber gerade dieses gute Funktionieren ist es, was ihn stört und so gibt er sich unter falscher Identität als der Freund der noch im Koma liegenden Patientin aus, bekommt Anschluss an ihre Familie und redet ihr, nachdem sie erwacht ist, erfolgreich ein, ihr Freund zu sein, der eigentlich Opfer seiner Drogendealer-Karriere irgendwo in Thailand geworden ist. Doch das Spiel geht nicht lange gut, denn irgendwann taucht dieser Freund wirklich auf, durchschaut das Spiel und versucht sich mit Gewalt zurückzuholen, was ihm zu gehören scheint. „Just another Love Story“ war eine Enttäuschung, nicht, weil die Variation dieses „Sunset Boulevard“ trifft auf „The Passenger“ nicht originell gewesen wäre, sondern weil Bornedal die exzellenten optischen Ideen aus Rückprojektion, Slow Motion, Montage und Flash-Sequenzen, ja, sogar denn Off-Kommentar nach einer viertel Stunde einfach aufgibt und einen überaus eindimensional strukturierten Film erzählt, der derartige Längen enthält, dass ich mir eine Fernbedienung herbei gewünscht habe. Zu allem Überdruss macht der Film dann in den letzten 15 Minuten derartig Tempo, was die Forcierung des Plots angeht, dass es schon beinahe wie ein zweiter Bruch wirkt. Schade. Hoffen wir, dass er bei den Alien-Lehrern heute ein besseres Händchen beweist.

Awake (USA 2007, Joby Harold)

Ein Film, über den ich zumindest mich nicht beschweren kann: Erzählt wird die Geschichte eines Jungmiliardärs, der offenbar noch nicht gelernt hat, richtige von falschen Freunden zu unterscheiden. Diese Lektion holt er nach, als er verteidigungsunfähig auf dem OP-Tisch liegt und ihm gerade ein neues Herz eingesetzt werden soll. Die Narkose schlägt bei ihm allerdings nicht an und er bekommt daher mit, dass sein „Freund“ der Chirurg mit seiner „Freundin“ und ein paar anderen „freundlichen“ Menschen nur sein „bestes“ wollen … Klug war die Entscheidung, den Wachzustand des Narkotisierten nicht allein durch Gedankenstimmen vorzuführen, sondern sich ein Beispiel an „Johnny got his gun“ zu nehmen und ihn durch seine Erinnerungsräume spazieren zu lassen. Dabei macht er dann eine Erfahrung, die man auch als Kinozuschauer machen kann, wenn man sich einen Thriller mit „verdeckten Hinweisen“ ein zweites Mal unter Kenntnis des Endes (oder falls einem vorher „gespoilert“ wurde) anschaut. Was ihm zuerst als unbedeutende Geste, als „einfach so daher gesagte“ Information, als zwar merkwürdige aber übersehbare mimische Entgleisung vorgekommen ist, fügt sich nun zu der Zeichenkette eines Verschwörungstextes zusammen, dessen „Plottwist“ (sein Ermordetwerden) er ja nun schon kennt. Auf dieser Ebene betrachtet wird der ansonsten recht rund und makellos produzierte „Awake“ zu einer interessanten Abhandlung über „Spoilern“ und hermeneutischer Textdurchdringung.

The Rage (USA 2007, Robert Kurtzman)

Rage kann so vieles sein: Tollwut, Amok, Wut … aber auch ein Film über genetisch verseuchte Geier, die einer Gruppe von Busreise-Twens das Leben schwer machen. „The Rage“ ist ein sehr konsequent nicht lustig erzählter Fun-Splatterfilm, der gerade in seinen Spezialeffekten schon überaus derb ist. Die Projektion der Blu-ray mit 3:2-Pulldown, die Platzwahl in der zweiten Reihe und die ständigen Nah- und Detailaufnahmen der Handkamera gerade bei Kämpfen sorgen dafür, dass man selbst nachts um ein Uhr nicht gut schlafen kann, während der Film vor einem abläuft.

Dazu mehr im F.LM-Podcast.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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