Die Datifizierung der Wirklichkeit

Eine Rezension zu Daniel Martin Feiges »Kritik der Digitalisierung«

Es ist dieser Tage in manchen Situationen nicht mehr leicht zu unterscheiden, ob man es mit menschlichem Tun oder einer maschinellen Prozessen zu tun hat. Weiß diese Webseite so viel über mich, weil ich es ihr übermittelt habe oder hat sie das alles aus über mich gesammelten Daten korreliert und extrapoliert? Stammt dieser Text aus einem Gehirn oder einem künstlichen neuronalen Netz? Spreche ich mit einer Person oder einem Chatbot? Wurde dieses Bild fotografiert oder generiert? Die so genannte Digitalisierung hat dazu geführt, dass wir es mit völlig neuen Wirklichkeiten, Phänomenen und Praktiken zu tun bekommen, die wir grundsätzlich nicht mehr durchschauen können und die unser Leben bestimmen. Und während die IT-Industrien eine neue Technologie nach der anderen auf uns loslässt, bleibt uns kaum genug Zeit über deren Wesen, Herkünfte und Folgen zu reflektieren. Hier wäre die Philosophie aufgerufen – und das Buch „Kritik der Digitalisierung“ des Stuttgarter Philosophen Daniel Martin Feige nimmt sich dieser Herausforderung an.

Philosophie ist stets auch als „Arbeit am Begriff“ zu verstehen, wie der Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno, auf den sich Feiges Arbeit vielfach beruft, einmal geschrieben hat. Und so geht es Feige vordringlich darum, neue Begriffe – oder alte, die durch Informations- und Kommunikationstechnologien neu gefasst wurden – zu hinterfragen. Denn allzu oft steht hinter Begriffen wie „Digitalisierung“, „Künstliche Intelligenz“ und sogar „Computerkunst“ eine technopolitische Agenda mit einem Menschenbild, das im Widerspruch zum Verständnis des Menschen als vernunftbegabtes, selbstbewusstes und sich selbst entwerfendes Lebewesen steht. Feige, für den dieses Menschenbild ein Leitmotiv bleibt, reflektiert in den drei Kapiteln seines Buchs die genannten Begriffe in ihren Beziehungen zu den digitalen Medien und leitet ihren durch diese Medien und ihren Gebrauch erfolgten Bedeutungswandel technik- und philosophiegeschichtlich detailliert her. Das ist keine leichte Kost – in ihrer Komplexität wohl aber notwendig – angesichts der „gesamtgesellschaftlichen Transformation [..], die Arbeit, Zusammenleben und Gegenständlichkeit“ (S. 7) durch die Digitalisierung erfahren.

Was aber bedeutet Digitalisierung eigentlich? Dieser Frage geht der Autor im ersten Kapitel nach. Digitalisierung ist nicht bloß die Vollendung eines Prozesses, der vielleicht schon mit Aristoteles’ zweiwertiger Aussagenlogik begonnen hat. So verstanden, würde ein beträchtlicher Teil der Kulturgeschichte zur bloßen Vorgeschichte der Digitalisierung degradiert und mündete in jene teleologischen Utopien, die den Transhumanismus als nächstes Etappenziel ausmachen. Digitalisierung ist also nicht alles; sie ist aber auch nicht nichts, wie wiederum andere behaupten, die sagen, dass hier bloß alter Wein in neuen Schläuchen präsentiert würde und dass z.B. eine E-Mail zu tippen dasselbe sei, wie einen Brief zu schreiben – nur eben mit einem anderen Schreibzeug. Feige betont anstelle dieser Positionen, die er sorgfältig dokumentiert, dass digitale Technologien unsere Lebens- und Arbeitspraxis in ihrer digitalen Logik neu fassen. Sie verdaten das analoge Leben, machen es so scheinbar speicherbar, übertragbar und berechenbar: „Informations- und Kommunikationstechnologien unterziehen unsere Praxis einer Neuformatierung im Geiste der Digitalisierung.“ (S. 38)

Diese Neuformatierung besitzt bestimmte Merkmale, die Feige mit Blackboxing, Datifizierung und Alterisierung bezeichnet: Blackboxing meint die Unsichtbarmachung der Ebenen, auf der unsere Daten verarbeitet werden – wir bekommen lediglich die Oberflächen der Programme und Dienste zu sehen, wissen aber sonst kaum etwas über die oft zitierten Algorithmen, die sie antreiben. „What you see is what you get“, schrieb der Medienwissenschaftler Claus Pias einmal, sei nicht nur ein Versprechen, sondern eben auch Verbot hinter die Kulissen zu schauen. Blackboxing bezeichnet aber nicht bloß eine Geheimniskrämerei der IT-Firmen, sondern ist konstitutiv für Digitalcomputertechnologie: Wer kennt sich schon (noch) aus mit den Chips, Schaltungen, Programmcodes und Datentypen, die unter den Oberflächen walten und kann verstehen, was genau geschieht, während ein Computer (ver)arbeitet? „Daten sind die lingua franca der Digitalisierung.“ (S. 42f.) Insofern beschreibt Datifizierung die notwendigerweise stattfindende Reduktion des Analogen zum Zwecke seiner Komputierbarkeit (das, was Digitalisierung im technischen Sinne bedeutet). Dies führe nicht zuletzt zur Alterisierung all jener Aspekte der Wirklichkeit, die digitalisiert wurden und nun – auf der Ebene der Daten – gleichartig erscheinen … zum Beispiel auch als kaufbare digitale Objekte.

Ausgehend von diesem Verständnis von Digitalisierung macht sich Feige daran, im zweiten Kapitel den Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ zu hinterfragen. Hierin liegt wohl die größte Dringlichkeit des Bandes, denn kaum eine technologische Neuerung hat in der jüngeren Vergangenheit derartig viele kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen provoziert. Haben KI-Chatbots ein Bewusstsein, Emotionen und könnten sie als Person angesehen werden? Diese drei ureigentlich menschlichen Konzepte wurden Feige zufolge im KI-Diskurs einem „conceptual engineering“ unterworfen, bei dem ihr Sinn verändert wurde – mit Konsequenzen auch für das Menschenbild. Feige analysiert den Werdegang dieses conceptual engineering von den Anfängen der KI-Debatte in den 1950er Jahren bis in die Gegenwart künstlicher neuronaler Netze. Er zeigt, dass verschiedentlich versucht wurde, Sprache zum alleinigen Gradmesser für Intelligenz zu machen (weil Computer nur symbolische Daten verarbeiten können), merkt aber an, dass, wenn keine Überzeugungen und Wünsche das Sprechen leiten, man nicht eigentlich von Sprache reden kann, sondern bloß von Textgenerierung.

Um ein vernünftiges Wesen zu sein, bedarf es eines begrifflichen Verständnisses von sich selbst und von der Welt. Dieses Verständnis muss einer Künstlichen Intelligenz abgehen, denn sie erfasst die Welt wie ein „forensisches Instrument durch die Sammlung von Daten oder die Applikation festverdrahteter Schlussschemata [die] weitere Daten produziert.“ (S. 77). Durch die schiere Menge dieser Daten und ihre enorme statistische Korrelation erscheinen uns Large Language Models deshalb vielleicht als sprechende Computer – sie sind jedoch bloß „stochastische Papageien“, wie die Linguistin Emily Bender es 2021 formuliert hat. Ein fundamentaler Mangel der KI betrifft ihr Fehlen praktischen Wissens. Damit ist gemeint, „dass ich im Vollzug meiner Handlung darum weiß, was ich hier tue, und zugleich den Zusammenhang der Handlungsphasen praktisch als Verwirklichung eines Zwecks begreife.“ (S. 87) Weil Sprache auch Handlung ist (im Sinne kommunikativen Handelns), kann ein textueller Austausch mit einem LLM stets nur eine Täuschung darüber sein, dass hier gesprochen wird. Schließlich koppelt Feige die Fähigkeit zu denken und zu handeln – auch philosophiegeschichtlich – noch an den Begriff des Lebens: Ein rationales Lebewesen zu sein (wozu Feige Tiere ebenso nicht zählt) bedeute, Praktiken vollziehen zu können, die außerhalb biologischer oder evolutionärer Erklärungen – in unserer „zweiten Natur“ liegen.

Der dritte Teil des Bandes befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst und Digitalisierung. Das Vorangegangene lässt ahnen, in welche Richtung Feiges Kritik der Digitalisierung hier gehen könnte: Hier wird zunächst ein Begriff von Autorschaft gefordert, der den Menschen, seine bewussten Entscheidungen und seine Autonomie ins Zentrum stellt. Kunst fungiert als Reflexionspraxis und wird als Handlung verstanden, über die im Sinne der Kunstkritik verhandelt werden kann und muss. Hierz muss hinter der Kunst jedoch abermals ein Mensch mit Intentionen stehen, der das Kunstwerk als einen Ausdruck geistiger Tätigkeiten darstellt. Dass Künstliche Intelligenz daher keine Kunst hervorbringen kann, ist klar – dass aber Computerkunst durchaus geeignet sein kann, Debatten (zum Beispiel über das Verhältnis von Kunst und digitalen Medien) zu provozieren, zeigt auch, inwiefern Feige nicht bloß eine Contra-Stellung gegen alles Digitale einnimmt, „gerade weil hier die partielle Fremdheit dessen, was sie generiert, anschlussfähig ist an die konstitutive Fremdheit künstlerischer Gebilde“ (S. 12)

Daniel Feiges kaum 200 Seiten umfassende „Kritik der Digitalisierung“ ist keine leicht eingängige Lektüre, weil sie anstatt bloß ein antidigitalistisches Pamphlet zu sein, ihre Argumente aus der Technik- und Philosophiegeschichte zusammenträgt. Dass der Autor dabei eine spezifische Position einnimmt (die in der Nähe der Kritik der Kulturindustrie Adornos liegt), ist typisch für ein philosophisches Werk. Ob man sich der Argumentation anschließen möchte oder nicht, entscheidet die jeweilige Leserhaltung. Allerdings wird man gute Gegenargumente aufbringen müssen, die auch eines alternativen Blicks auf die Technik- und Philosophiegeschichte sowie die (Sonder)Stellung des Menschen in der Welt bedürfen. Das zeigt schon, dass sich das Buch kaum als Nachttischlektüre eignet. Es stellt allerdings eine wichtige deutschsprachige Auseinandersetzung mit den Technologien, Konzepten und Begriffen dar, die unser Leben heute mitbestimmen. Diese wird man kaum mehr unreflektiert nutzen und Begriffe wie „Digitalisierung“ oder „Künstliche Ingelligenz“ mit Bedacht verwenden, wenn man das Buch gelesen hat.

Daniel M. Feige:
Kritik der Digitalisierung. Technik, Rationalität und Kultur.
Hamburg: Meiner-Verlag, 185 Seiten (Taschenbuch), 19,90 Euro,
ISBN: 978-3-7873-4720-9

(Dieser Text ist gekürzt erschienen in Spektrum der Wissenschaft.)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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