Bitte 8 Bit! – Shifted

In meiner RETURN-Kolumne „Old Bits“ ist in der vergangenen Ausgabe (Nr. 26) ein Beitrag erschienen, den ich in Unkenntnis meiner Zeichenbegrenzung morgens in einem Münchner Straßencafé verfasst habe. Es kam, wie es kommen musste: Der Text war mehr als doppelt so lang, wie gewünscht und ich musste ihn schweren Herzens kürzen (vor allem um technische Details). Damit die ursprüngliche Arbeit nicht ganz umsonst gewesen ist, veröffentliche ich ihn hier in der uncut-Fassung:

Bitte 8 Bit!

Von den Vorzügen schmaler Busbreiten

Ich erinnere mich noch daran, als Atari seine Spielkonsole Jaguar auf den Markt brachte. Nur in Details wie Form und Farbe unterschied sie sich von zeitgenössischen Konkurrenzprodukten. Ihre äußeren Features waren jedoch gleich: Steckmodule, Controller, Fernsehanschluss. Es waren die inneren Werte, mit denen Atari sich von seinen Mitbewerbern abzusetzen versuchte – und das hieß vor allem: 64 Bit! Zu einer Zeit, als sich auf dem PC-Markt gerade Mikroprozessoren mit 32 Bit Busbreite durchzusetzen begannen, man bei Homecomputern und Spielkonsolen jedoch noch mit 16 Bit sein Geld verdiente, wagte Atari im Exponenten einen Schritt weiter zu gehen. Dass die allerwenigsten, mich eingeschlossen, wussten, was es mit dieser Zahlenangabe eigentlich auf sich hat – ganz ähnlich wie die ominösen Megahertz – führte dazu, dass sie als ominös-technisches Qualitätskriterium herhalten konnte; als Messlatte für konkurrierende Produkten und als „Tech Spec“, mit dem sich der Besitzer mit dem anderer Hardwares vergleichen konnte: Spielst du etwa noch mit 32 Bit?

Dieser technische Okkultismus ist wahrscheinlich nicht der unwichtigste Baustein in der Geschichte des Computers als Black Box – der fortschreitenden Verbreitung von Nichtwissen über jene Maschine, die ihre Besitzer nach und nach zu „Anwendern“ degradierte. Kaum jemand drang bei seinem 32-Bit-System noch bis zur ISA-Ebene durch, jener Tiefenschicht des Computers, auf der man Auge in Auge mit dem Mikroprozessor in Assembler kommuniziert. Wenn überhaupt, wurde in Hochsprachen programmiert, fernab von der CPU und nah an den Problemen, die man lösen wollte. Mit der Hardware wollte man sich nicht ein zusätzliches Problem aufhalsen.

Nur ein Jahrzehnt zuvor, als die 8-Bit-Systeme noch das Computing bestimmten, sah das noch ganz anders aus: Da war die Hardware noch das vordringliche Problem. Ihre Langsamkeit, ihr geringer Speicher und ihre audio-visuellen Beschränkungen erforderten es nachgerade, dass man die technische Hürde zuallererst überwinden musste, um zu akzeptabler Software zu kommen. Und das bedeutete Assembler zu programmieren, also im Takt mit dem Prozessor zeitkritische Prozesse auszulösen, um so die nötige Flüssigkeit in den Programmablauf zu bekommen. Nach dem Ende der 8-Bit-Ära war man froh, sich endlich auf die wichtigen Dinge konzentrieren zu können: die Ästhetik, die Anwenderschnittstelle und die Kodierung des eigentlichen Programmierproblems in einer leicht zu erlernenden und übersichtlich programmierbaren Hochsprache. Und diese Prioritäten gelten bis heute.

Da fragt man sich doch zu Recht, warum sich Menschen heute wieder freiwillig mit Computern beschäftigen, die solche Annehmlichkeiten (noch) nicht boten: die 8-Bit- oder sogar 4-Bit-Systeme, die von Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre die Mikrocomputerwelt bestimmten. Worin die „Mängel“ dieser Plattformen lagen, lohnt sich noch einmal Revue passieren zu lassen: Ein 8-Bit-Computer in seiner „radikalsten“ Variante bedeutet: man hat von allem wichtigen nur 28: Zahlen zwischen 0 und 255 (begrenzt durch den 8 auf Leitungen beschränkten Datenbus) und maximal 256 Mikroprozessor-Befehle (aufgrund derselben „Bus-Schmalheit“). Und weil selbst die Zahlen der Speicheradressen ebenfalls nur 8 Bit groß sein konnten, was zu einer Beschränkung auf 256 Byte RAM geführt hätte, behalf man sich wenigstens dort mit einem Trick, der die doppelte Anzahl von 216 Adressen zuließ. So konnten die meisten CPUs dieser Generation auf 65536 Byte (also 64 Kilobyte) Speicher zugreifen. Und diese Beschränkung stelle man sich nun bei 4-Bit-Systemen vor, von denen es ebenfalls nicht wenige für Experimentier- und Ausbildungszwecke gab!

Noch einmal also die Frage: Warum tut man sich so etwas freiwillig an, wo man heute doch bereits 64-Bit-Computersysteme nutzen kann? Die Nostalgie, die ja nicht nur in die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen der Vergangenheit betrifft, ist eine mögliche Antwort. Immerhin bestimmte die 8-Bit-Technologie viele ästhetische Aspekte des Homecomputers, die bis uns heute als Stil in liebevoller Erinnerung geblieben sind: die Grafik mit kleinen Farbräumen und niedrigen Auflösungen (alles musste ja in das 64-Kilobyte-RAM passen), die spezifischen eingeschränkten Computerklänge der Soundprozessoren (wenn die CPU nicht sogar selbst für die Klangproduktion eingesetzt wurde) und die einfachen Programme, die aufgrund des geringen Speichers keine unendlichen Interaktionsmöglichkeiten zuließen. Bei Spielen hieß dies: oft lineare Abläufe und eindeutige Spiel-Genres.

Nostalgie ist aber nur eine Erklärung für die freiwillige Selbstbeschränkung, mit der sich Retrocomputer-Enthusiasten heute wieder in die schmalen Busse damaliger Systeme zwängen. Denn nicht wenige begegnen den Homecomputern nicht bloß als Anwender, sondern auch wieder als Entwickler. Und von diesen hört man oft das, was mancher Künstler, der sich in seinen Werkszeugen freiwillig beschränkt, als Grund angibt: die Schranke wird als kreative Hürde und Herausforderung verstanden. Wer einmal einen solch einen Computer programmiert oder Hardware für ihn entwickelt hat, weiß, welche Herausforderungen seine Idiosynkrasien an die eigene Fantasie und Kunstfertigkeit stellen. Etwa eine Grafik-Demo für eine Spielkonsole wie Ataris VCS zu programmieren, verlangt taktgenaue Planung, um rechtzeitig mit dem Einschalten des Rasterstrahls am angeschlossenen Kathodenstrahl-Fernsehers die notwendigen Algorithmen abgearbeitet und die anzuzeigenden Daten bereitgestellt zu haben, damit so etwas wie zweidimensionale Grafik überhaupt auf dem Bildschirm erscheinen kann. Und – ich rede aus eigener Erfahrung – eine System wie das Interton VC-4000 zu programmieren oder Hardware für dieses zu entwickeln, offenbar nicht zuletzt, was es eigentlich bedeutete, in den frühen 1980er-Jahren eine bezahlbare Spielkonsole auf den Markt zu bringen. Die Kostenreduktion bei der Hardware mussten die Spiele-Entwickler mit wahnwitzig komplizierten Programmiermöglichkeiten ausbaden!

Sich der Programmierung für und dem Basteln an solchen Systemen zu widmen ist nicht nur eine besondere Herausforderung, sondern auch überaus lehrreich. Man lernt wie kaum anderswo, was es bedeutet mit einem Computer zu arbeiten. Es ist ein gewaltiger Unterschied bloß davon zu lesen oder hören, dass die Sprites der Atari VCS eigentlich nur eine Pixelzeile hoch sind und selbst ein 2- oder 3-dimensionales Grafikobjekt mit dieser Konsole im 6507-Assembler programmiert auf den Bildschirm zu zaubern. Mit dieser Leistung gewinnt man ein intimes Wissen über Computer, das heute nicht einmal mehr ein Informatik-Studium bietet. Und dieses Wissen ist nur an seinem Rand ein spezielles, auf die jeweilige Hardware bezogenes. In der Tiefe stellt es eine radikale Öffnung der Black Box Computer dar. Denn all die alten 8-Bit-Systeme sind nach genau der selben Architektur konstruiert, nach der auch noch heutige Computer, Tablets und Smartphones gebaut werden. Daher lernt man in der tiefgreifenden Beschäftigung mit solchen Homecomputern auch viel über heutige Rechner. Ein Wissen, dass angesichts der „kinderleicht“ nutzbaren, gestengesteuerten GUI-Betriebssysteme und ihrer intuitiv verständlichen „Apps“, zusehends verloren geht. Denn heute ist „oberflächlich“ betrachtet alles ganz einfach, obwohl es sich „unterflächlich“ analysiert als unglaublich kompliziert darstellt.

Eine Hin- und Rückwendung auf Computer jenseits der 16-Bit-Busbreite bedeutet also auch, den Geist des Hacking, der Emanzipation über die Technik und der bohrenden kindlichen Neugier wach zu halten, der schon immer dafür verantwortlich gewesen ist, dass die Industrie die Käufer ihrer Produkte nicht an der Nase herumführen konnte. Wenn sich heute Communities, Ausstellungen und Zeitschriften dieser Aufgabe widmen, dann besitzt das immer auch den Gestus von Befreiung – und sei es die Befreiung von der geplanten Obsoleszenz, nach der jedes alte System durch das nächste neue zu ersetzen ist, um „up to date“ zu sein. Mit den seit einigen Jahren auf dem Markt erhältlichen, günstigen Kleinst-Computern (Arduino, Raspberry Pi und Co.) hält diese Philosophie wieder Einzug ins Computing; diese Systeme bringen allerdings nicht jene historische Kultur und Ästhetik mit, die das Retrocomputing zusätzlich reizvoll machen. Mit Homecomputern kann man im selben Moment etwas altes und etwas neues machen. In diesem Sinne kann man die Retro-Szenen nur dazu auffordern, ihrer Philosophie treu zu bleiben. Und die hießt: Bitte acht Bit!

About Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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