Time After Time – Vortragstitel, Abstracts, Plakat

Nach etwa zehn Jahren Forschung und Entwicklung wird im Jahr 1965 mit dem Dartmouth-Time-Sharing-System (DTSS) das erste kommerzielle Time-Sharing-Betriebssystem veröffentlicht. Die stellt nicht nur einen wichtigen Schritt zur Ökonomisierung von Computerarbeitszeit dar, weil nun mehrere Nutzer „gleichzeitig“ über Terminals an einem Rechner arbeiten können, sondern führt zugleich auch zahlreiche Technologien zusammen, ohne die solch ein System nicht funktionieren könnte: angefangen bei der Verwendung von Interrupts über die Entwicklung funktionsangemessener Speicher- und Dateiverwaltungskonzepte bis hin zu neuartigen Schnittstellen (wie der IEEE-488) zur Anbindung von Peripherien an Time-Sharing-Systeme. Software, die auf Time-Sharing-Systemen läuft, muss sich – ebenso wie die angeschlossene Hardware – dem temporalen Regime des Betriebssystems „unterwerfen“.

Mit Time-Sharing-Systemen beginnt aber auch das Zeitalter, in dem der Computer für Anwender und Programmierer „unsichtbar“ wird. Denn zusätzlich zur kurz darauf folgenden Miniaturisierung (Gordon E. Moore formuliert sein berühmtes Gesetz ebenfalls 1965) kommt nun auch die mögliche Distanzierung des Rechners von seinen Peripherien. Als Folge aus der Time-Sharing-Entwicklung entstehen Rechner, die weitab von ihren Terminals in Rechenzentren verschwinden. Dieses Verschwinden der „hulking giants“ ermöglicht es dem Computer, in die zivile Öffentlichkeit einzudringen. Doch dies macht auch eine „Gängelung“ des Nutzers nötig, um Daten und Stabilität zu schützen. Eine Provokation, aus der bereits in den frühen 1960er-Jahren die Hacker-Kultur emergiert. Die Implikationen des Time-Sharing sind also gleichsam technisch, sozial und epistemologisch brisant.

Auf der Kurztagung „Time After Time“ soll anlässlich dieses Jubiläums das Verhältnis von Computern, Betriebssystemen und elektronischer Zeitverwaltung resümiert und diskutiert werden. Hierzu werfen Computerhistoriker, Informatiker, Medienwissenschaftler und andere einen technisch informierten Blick auf das Engverhältnis von Zeit und Computer aus philosophischer und archäologischer Perspektive.

9:30 Uhr
Prof. Dr. Wolfgang Ernst und Dr. Stefan Höltgen
Begrüßung

10:00 Uhr
Dr. Stefan Höltgen (Berlin)
Time Invaders – Zeit(ge)schichten in Computer(spiele)n
Im Digitalcomputer treffen unterschiedlichste Zeiten aufeinander; reale, symbolische, lineare, zirkuläre, unikale, rekursive. Die Leistung des Computers ist es, all diese Zeiten zu synchronisieren, um Hard- und Software so gleichzuschalten, dass aus allen möglichen symbolischen Maschinen die eine spezielle werden kann. Im Vortrag heißt diese Maschine „Space Invaders“, ein Spiel aus dem Jahre 1978, realisiert auf einem 8-Bit-Mikrocomputer. Das Spiel soll schrittweise in seine Zeit-Schichten und -Arten zerlegt werden, um die Vielgestaltigkeit der Synchronisationsleistung des Computers vor Augen zu führen. Dabei führt uns die Analyse von der anthropologischen Oberfläche gespielter Zeit und Spielzeit hinab über die maschinellen Zeiten von Signalfluss und Code bis hin zu den untersten Ebenen der Mikrozeiten und Zeitsprüngen und „Times of Non-Reality“ der Elektrophysik –, um einmal mehr zu zeigen, dass wir bei jedem Reden über Zeit stets in einem Reden vom Raum enden.

11:00 Uhr
Thomas Nückel, BA & Christoph Borbach, BA (Berlin)
Auf der Suche nach der berechneten Zeit. Zeitschichten in einem zellulären Automaten
Anhand der Analyse eines zellulären Automaten werden die verschiedenen Zeitschichten im Computer freigelegt, epistemologisch hinterfragt und medientechnisch verortet. Die medienarchäologische Analyse geht dabei von der Interface-Technik, welche die Wahrnehmungsschwellen des Users unterläuft, über die Software bis zur Untersuchung der Hardware und der tatsächlichen elektronischen Schaltung. Dabei werden verschiedene medienarchäologische Methoden zum Einsatz kommen: Die Analyse von Beispielcode in Assembler (Maschinensprache); der Code wird sowohl auf einer der Analyse aus technischen Gründen weitaus zugänglicheren Originalplattform operativ gemacht, als auch im Emulator eben dieser Plattform; das Sichtbarmachen der elektronischen Schaltzustände des Programms in der Zeit über Oszillograph; die Aufnahme des ablaufenden Programms auf dem Bildschirm mittels einer Hochgeschwindigkeitskamera, um durch Kopplung an eine gleichzeitig gefilmte Uhr das Zeitverhalten des Assembler-Programms experimentell sichtbar zu machen und nachzuvollziehen.

12:00 Uhr
John T. Draper (Las Vegas)
Captain Crunch History
I will like to talk about my early contact with Steve, and my very first Apple II and how I hacked it to „piggyback“ more 1k RAMs to get 12k of RAM, and the phone interface board from what I remember of it, and also my return from jail, and how I ported FORTH onto the Apple II, and how I was able to interface FORTH with 6502 assembly language using the mini-assembler, sorting all those „Forward“ address calculations, and the beginnings of Easywriter development for Apple II and at that time, Andy Hertzfield was a UC Berkeley student, and he had weekly tech gatherings at the Lawrance Hall of Science in Berkeley, and even though I was serving jail time (work furlough) how I was alllowed to attend these meetings and the 4th West Coast Computer Faire. (Die Vortragssprache ist Englisch.)

13:00 Uhr
Mittagspause

14:00 Uhr
Dr. Jan Claas van Treeck (Berlin)
Time affects. Human-computer-synchronizations
Music and sound are omnipresent companions of computer and electronic games. Often understood as an equivalent to film scores their role oscillates between pure ornament and a tool for additional „pacing“ of actions and plot. Image and sound should thus usually correspond. But on a purely physiological level music creates bodily effects in the player, effects that are possibly beyond the reach of the player‘s rational control over himself – they create measurable affects – via music the players body is physiologically connected to the gaming system. The music plays with the player‘s body – for the better or the worse in terms of the game. The talk presents both a critical introduction into research conducted on body-music-synchronizations and discusses the results of a recent study on the physiological and psychological effects of music and computer games. (Die Vortragssprache ist Englisch.)

15:00 Uhr
David Moises (Wien)
On Computable Numbers with an Application to the Modelleisenbahn: Turing Train Terminal (2004)
„Es gibt keine Turingmaschine, die entscheiden kann, ob eine beliebige andere Turingmaschine je anhält oder nicht.“ (Alan Turing, 1937) – Die Turingmaschine, nach Alan M. Turing, war als theoretische Grundlage der Informatik nie dazu gedacht, physisch umgesetzt zu werden, dennnoch realisierten Severin Hofmann und David Moises 2004 eine Turingmaschine in der Ausführung einer Modelleisenbahn. Auf einer Fläche von sechs mal fünf Metern wurden 80 Meter Gleis und 50 Weichen verbaut, somit war der „Großrechner“ in der Lage Kalkulationen bis Drei auszuführen. Durch die beschauliche Rechengeschwindigkeit war es möglich im Detail Zeuge des Rechenvorganges zu werden. Über die technischen Hintergründe dieser Installation, die 2004 auf der ars electronica ausgezeichnet wurde, und andere Zusammenhänge zwischen Bewegung und Kalkulation wird David Moises referieren.

16:00 Uhr
Kaffeepause

16:30 Uhr
Prof. Dr. Niels Pinkwart (Berlin)
Computerprogrammierung zwischen Rechner- und Gehirnzyklen
Programmierbarkeit ist eines der definierenden Kriterien von Computern. Die Art und Weise, wie wir Computer programmieren, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Kontext der allgemeinen Weiterentwicklung von Rechnertechnik und Mensch-Computer-Interaktion mehrfach grundlegend geändert. In diesem Vortrag soll an Hand einiger Beispiele verdeutlicht werden, wie sich im Zusammenhang mit dieser Entwicklung das Warten des Programmierers auf die Maschine bzw. das Warten des Computers auf Aktivitäten des Menschen verändert haben und welchen Einfluss diese Warteprozesse auf die Tätigkeit der Computerprogrammierung hatten und haben.

17:30 Uhr
Lee Felsenstein (Mountain View, California, USA)
Opening the Door to Cyberspace – Social Media Roots of Personal Computing 1973 – 1975
Lee Felsenstein is an American computer engineer who played a central role in the development of the personal computer. He was one of the original members of the Homebrew Computer Club and the designer of the Osborne 1, the first mass-produced portable computer. Before the Osborne, Felsenstein designed the Intel 8080 based „SOL“ computer from Processor Technology, the PennyWhistle modem, and other early „S-100 bus“ era designs. His shared-memory alphanumeric video display design, the Processor Technology VDM-1 video display module board, was widely copied and became the basis for the standard display architecture of personal computers. Many of his designs were leaders in reducing costs of computer technologies for the purpose of making them available to large markets. His work featured a concern for the social impact of technology and was influenced by the philosophy of Ivan Illich. Felsenstein was the engineer for the Community Memory project, one of the earliest attempts to place networked computer terminals in public places to facilitate social interactions among individuals, in the era before the commercial Internet. (Wikipedia) (Die Vortragssprache ist Englisch.)

Veranstaltung: Lehrstuhl für Medientheorien (Prof. Dr. Wolfgang Ernst)
Moderation: Dr. Stefan Höltgen, Dr. Jan Claas van Treeck
Assistenz: Jana Pauls

plakat_Time-After-Time

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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2 Kommentare zu Time After Time – Vortragstitel, Abstracts, Plakat

  1. Joachim Wedekind sagt:

    Berlin ist für Kurztrip leider etwas weit weg … Gehe davon aus, dass ihr das Event nicht streamen werdet; aber wird es irgendeine Form der Dokumentation geben? Wäre schön.

    Gruß, Joachim

  2. Doch, es wird tatsächlich Streams und Aufzeichnungen der Vorträge geben-.

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