Hertz aus Glas …

Am 11. und 12. Dezember findet am Zentrum für Literaturforschung in Berlin eine Tagung zum Thema „Glas. Materielle Kulturen zwischen Zeigen und Verbergen“ statt. Ich habe ein Proposal dazu eingereicht, das angenommen wurde und werde dort über „Siliziumbasierte Halbleiter in den Medien“ sprechen:

Hertz aus Glas
Siliziumbasierte Halbleiter in den Medien

Z80 ais GlasGlas (als Quarzglas) ist die wichtigste Zutat heutiger Medientechnologie, denn auf Silizium-Dioxid, basieren seit der Entwicklung des ersten Siliziumtransistors im Jahre 1954 alle elektronischen Medien. Die chemischen, physikalischen und elektronischen Eigenschaften des in den mikroelektronischen Devices verbauten Glases entziehen sich jedoch durch Verschwinden der Erfahrbarkeit ihrer Nutzer: Insbesondere digitale Medien neigen nämlich zur Auflösung in ihren Ambientes, wie wir vor allem seit Marc Weisers »Ubiquitous Computing«-Theorie wissen: Stetig verkleinern sich die Apparate, was wiederum auf die stetige Verkleinerung der Halbleiter-Strukturen zurückzuführen ist. Das Resultat davon ist die unsichtbare Allgegenwärtigkeit digitaler Medien, wie sie mit heute den Smart-Devices Weisers Prognosen erfüllt.

Mein Vortrag möchte nach einer kurzen historischen und systematischen Darstellung der Silizium-Halbleiter-Technologie die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Substrat und seinen Verwendungsweisen in jenen Medien, die auf Glas basieren, vorstellen. Dabei wird Glas sowohl als Zeitgeber (Quarzbausteine), als auch Informations-/Datenspeicher (Flipflop, Dioden-ROM) und Strukturspeicher (CPUs aus Glas) in computerisierten Medien diskutiert. Zur Darstellung der Technologie ist es jedoch notwendig, um ein Bild Frieder Nakes zu verwenden, von den allzu undurchsichtig gewordenen »Oberflächen« auf die »Unterflächen« digitaler Medien zu wechseln. Dabei ist an Beispielen die eigentümliche Dialektik zu zeigen, mit der digitale Medien qua Opazität erst die Sichtbarkeit ihrer Inhalte ermöglichen und wie sie sich in diesem Prozess im Gegenzug selbst zum Verschwinden bringen.

Die Argumentation verfährt dabei medienarchäologisch. Denn die Motive der Unsichtbarkeit und des Verschwindens offenbaren sich bei Glas-basierten Digital-Medien gleichsam medientechnisch, -epistemologisch und -historisch: Von der Entdeckung des Siliziums im Jahre 1823 und dem nachfolgenden, jahrzehntelangen »Übersehen« seiner Halbleiter-Eigenschaften (zugunsten exotischerer Halbleiterstoffe) über die erstmalige Komprimierung kompletter Rechnerarchtekturen auf einer einzigen Siliziumoberfläche im Jahre 1969 durch Texas Instruments und dem »Übersehen«, dass man damit den Mikroprozessor erfunden hatte, bis hin zu den erstmaligen Versuchen im Jahre 1987, die atomare Struktur von Silizium im Rastertunnelmikroskop sichtbar zu machen, und sich damit zugleich endgültig von der »Zeigbarkeit« von Objekten als Bilder zugunsten ihrer Auswertung als Messdaten (mit Hilfe von Computern!) zu verabschieden.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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