Einbiegen in die Schlussparabel

Gestern fand mal wieder ein Block unsere „Tennis for Two auf dem Analogcomputer“-Arbeitsgruppe statt. Dort haben wir uns auf verschiedene Dinge geeinigt und unsere Schaltung einen nicht unerheblichen Schritt vorangebracht:

Zunächst ist es ja so, dass wir gar nicht das originale „Tennis for Two“ von Higginbotham aus dem Jahr 1958 nachbauen. Nicht nur ignorieren wir seine Schaltung vollständig und basieren unsere auf einer „Ball im Kasten“-Demo von Telefunken; wir realisieren unser Spiel auch vollständig auf einem Analogcomputer und sind damit in gewissem Sinne wesentlich „radikaler“ als Higginbotham, der von seinem Donner-Analogcomputer ja lediglich die Operationsverstärker benutzt und wesentliche Teile des Spiels als diskrete Schaltung aufgebaut hatte. Dies verlieh ihm immerhin die komfortable Möglichkeit, weitere Relais für zusätzliche Komparatoren zur Verfügung zu haben. Solche werden benötigt, um letztlich die Spielregeln elektronisch implementieren zu können. Unser Analogcomputer besitzt eingebaute Komparatoren, die derzeit noch dazu dienen, den Abprall des Balles an der linken und rechten (unsichtbaren) Wand des Kastens zu realisieren: Immer, wenn der x-Anteil der Ballfunktion einen Wert von -1 oder +1 erreicht, dann drehen die Komparatoren das Vorzeichen um, so dass der Ball wieder in die entgegengesetzte Richtung fliegt.

Telefunken RA 742 mit "Tennis for Two"-Schaltung und angeschlossenen Paddles

Nun hat der Telefunken RA 742 allerdings nur zwei solcher Komparatoren, die wir für die Schläger benutzen: Ein Druck auf den Trigger kehrt das Vorzeichen der X-Funktion des Balls um und dieser wird „zurückgeschlagen“. Wir bräuchten noch zwei weitere Komparatoren, um ein Abprallen des Balles am Tennisnetz zu realisieren und wohl auch noch einen, um ein Spielereignis wie das mehrmalige Auftreffen des Balles auf einer Spielfeldhälfte (was zum Verlieren des gerade gespielten Spiels führt) abzufragen. Hierfür stehen uns aber keine Komparatoren mehr zur Verfügung, weswegen wir gestern beschlossen haben, die vollständigen Spielregeln nicht zu implementieren, sondern zu schauen, wie weit wir mit den Mitteln unseres einen Analogcomputers kommen.

Steckfeld des RA 742

Konkret wurden gestern zwei Projekte angegangen: Zum Einen haben Johannes und ich uns darum gekümmert, die Trigger der beiden Paddle-Steuerungen in die Schaltung einzufügen. Dazu wurde zunächst einmal eine Dämpfung für die X-Geschwindigkeit des Balles (durch eine Rückkopplung des für die Geschwindigkeit zuständigen Operationsverstärkers) realisiert, die wir in der „Ball im Kasten“-Schaltung noch vergessen hatten. Der Ball wird nun, einmal ins Spiel gebracht, sowohl in Y- als auch in X-Richtung immer langsamer, bis er zum Stillstand kommt. Die variable Trimmung für diese X-Dämpfung soll später auf die Drehregler der Paddles gelegt werden, um die Stärke des Schlages einstellen zu können.

Danach wurden die Trigger der Paddles so in die Schaltung eingefügt, dass sie Einfluss auf die für die X- und Y-Flugrichtung des Balles zuständigen Operationsverstärker bekommen. Drückt man im Spiel jetzt einen der Trigger, so wird der Ball in der Richtung, in die er gerade fliegt, beschleunigt. Derzeit bedeutet dies noch, dass man den Ball auf der eigenen Spielfeldhälfte auch in die falsche Richtung schlagen kann. Das wird jedoch noch behoben.

Telefunken RAT 700 mit gestecktem "Ball im Kasten" und Großbild-Oszilloskop

Die zweite Aufgabe, der sich Matthias Rech gewidmet hat, war, die Schaltung auf unseren anderen Telefunken-Analogcomputer, den RAT 700 zu übertragen. Grund dafür ist, dass wir den RA 742 während des Workshops noch für einen Hands-On-Nachmittag „freigeben“ müssen und unsere Schaltung damit als Backup auf dem anderen Rechner zur Verfügung haben. Sollte diese Schaltung (bzw. der Rechner) funktionieren, so wäre der RAT 700 auch das Gerät, dass wir ggf. an das Computerspielemuseum verleihen. Er ist leichter, hat (anders als sein großer Bruder RA 7452!) fest eingebaute Diodensteckplätze und wir haben ein großes, mehrstrahliges Großbild-Oszilloskop (Knott Elektronik, SGM 43) für diesen Rechner. (Das Telefunken-Oszilloskop des RA 742 hat nur zwei Kathodenstrahlen, weshalb wir zusätzlich zum Ball gerade noch das Spielfeldaufbauen können – so es uns gelingt, die Spielfeldgleichung mit den verbliebenen Operationsverstärkern zu implementieren.

Steckfeld des RAT 700

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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4 Kommentare zu Einbiegen in die Schlussparabel

  1. Christian Glaßmann sagt:

    Seit den 1960iger Jahren war ich in Stuttgart bei Telefunken in Stuttgart als Servicetechniker beschäftigt. Zu meinem Aufgabenbereich gehörten auch Aufstellung, Wartung und Kalibrierung des „Tischrechners“ RAT 700. Der war immerhin so schwer, daß er nur mit zwei (kräftigen) Männern zu bewegen war.
    Doch hatte ich so viel Zeit, auf dem RAT700 eine Fouriersynthese zu programmieren und auf einem HP XY-Schreiber auszugeben.
    Leider reichte die Anzahl der vorhandenen OP- Verstärker nur, um bis zur 3. Oberwelle zu addieren und darzustellen.
    Die Ergebnisplots habe ich noch und kann sie gerne bei Interesse ins Netz stellen.

  2. Daran bin ich – und sicherlich auch mein Freund Bernd Ulmann – sehr interessiert!

  3. Christian Glaßmann sagt:

    Das mache ich doch gerne, sowohl das Steckbrett mit den entsprechenden Kabeln als auch die mit einem X/Y Plotter aufgezeichneten Rechenergebnisse kann ich gerne einscannen und zur Verfügung stellen. Wohin soll ich das denn schicken?
    Christian Glaßmann (fanatronic@gmx.de)

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