Gott ist tot! Es lebe die Technik!

Voyage to the Planet of the Prehistoric Women (USA 1968, Peter Bogdanovich) (DVD)

Technik im Prolog

Was im Vergleich zu Curtis Harringtons Version von „Planeta Bur“ bei Bogdanovich hinzugekommen ist, sieht man bereits am Titel: „Women“. Waren Frauen in der Urfassung nur akustisch als weibliche Stimmen anwesend, tauchten sie in „Voyage to the prehistoric Planet“ als Beschützerin(nen) auf und zeigten sich gegen Ende dem Zuschauer in der Spiegelung einer Pfütze. Bei Bogdanovich verkehrt sich ihre Funktion: Sie stellen einen „prähistorischen“ Stamm dar, der zu einem Flugsaurier betet, welcher von den Astronauten unwissentlich seiner Bedeutung abgeschossen wird. Infolge dessen beschwören die Frauen die Erdgeister (die Verknüpfung der Motive Wasser und Natur mit dem Weiblichen ist ja bekanntlich ein Gassenhauer der westlichen Kulturgeschichte), so dass diese sowohl für den Vulkanausbruch sowie zum Schluss für die Springflut verantwortlich sind. Grund: Rache an den Invasoren, die „Terah“ (so hieß der fliegende Gott) getötet haben.

"Meerweiber sah ich ..." (Priester zu Hagen)

Ein Problem ist allerdings, dass die Männer diesen Gefahren trotzen, denn sie nehmen sie als schnöde Naturkatastrophen wahr, denen sie Technik entgegen zu setzen in der Lage sind. Und so kommen die Frauen langsam auf die Idee, der nun als toter Gott angebetete Terah sei ohnmächtig gegenüber den Invasoren, welche die eigentlichen, wirklichen Götter sein müssen. Als die Astronauten die Venus verlassen, bleibt nur der in der Lava feststeckende John zurück, den die Frauen ausgraben und als ihren neuen Gott anbeten.

Der Kult um (den toten) Terah

Der Begriff „Verdeutlichung“ passt vielleicht am besten auf Bogdanovichs Film, wenn man ihn mit den beiden Vorgängerversionen vergleicht. Nicht nur wird eine kausale Kette zwischen der Landung der Astronauten und den Naturkatastrophen hergestellt, in deren Argumentationslücke die Frauen platz finden, auch die Flugsaurier-Statue auf dem Meeresgrund hat auf einmal einen ganz konkreten Existenzgrund wie auch die Figur, die der Kosmonaut am Ende von „Planeta Bur“ im Stein verborgen entdeckt. Harrington hatte die Spiegelung seiner Venusianerin bereits ähnlich dazu aussehen lassen; Bogdanovich überführt sie in die Identität mit dem steinernen Vorbild: Die ganze Venus – wie sollte es anders sein? – ist bevölkert von Nixen! Dass die anthropologischen Erklärungsversuche für die Entstehung von Religionen („Raumfahrer aus dem Himmel“) in „Planeta Bur“ hier sozusagen ihre Konkretisierung erfahren, schlägt ebenfalls in diese Kerbe.

Geburt eines neuen Gottes

Und Roboter John? Der bleibt lange Zeit eine Nebensache – wohl auch, damit er am Ende als unerkannte Hauptsache zur Pointe werden kann. Er ist hier mehr noch technische Selbstverständlichkeit als in den beiden anderen Filmen. Der Off-Kommentar (von Bogdanovich gesprochen), der über die Harrington’sche Fassung gelegt wird, kennzeichnet die raumfahrende Gesellschaft als weithin technisch entwickelt. Und sowohl der Prolog des Films, in dem uns die Errungenschaften der faktischen mit denen der fiktiven Raumfahrt vermengt gezeigt werden, als auch die immer wieder einmontierten Szenen von Raketen, Großcomputern und anderen technischen Produkten sollen dies unterstreichen.

Technik als Götze

„Voyage to the Planet of the Prehistoric Women“ gibt sich als „a fantasy of the future“ des Jahres 1998 und damit zwar deutlich als Fiktion aber auch als konkrete Prognose zu erkennen. Die narrativen Umformungen der Urfassung (Mascha ist hier keine Astronautin mehr, sondern der Codename für die Bodenstation, zu der die Astronauten gelegentlich Funkkontakt aufnehmen) verschieben die eher philosophischen und sozialen Diskurse aus „Planeta Bur“ in eine Hardcore-Science-Fiction-Fantasie und verleihen dieser einen „technischen Ausdruck“. Probleme mit dem Anderen der Technik existieren nur am Rande (auch hier wird um John getrauert); eigentlich werden sie geflissentlich übergangen, wie sich am (Nicht-)Umgang mit den Venusianerinnen zeigt: Ihre Kultur wird als Folge der Blindheit für den Einsatz von Technologie quasi überrollt, überformt und erhält ein neues, männliches, technisches Gesicht. Kolonialisierung en passent …

Die neue "Mascha"

„Voyage to the Planet of the Prehistoric Women“ scheint mir daher der passende „Scharnier“-Film für meine zweite 60er-Jahre-Roboterfilm-Reihe zu sein, in der es ausschließlich um den Nexus von Weiblichkeit, Sexualität und Robotik geht (und so dann die übrigen hier noch nicht diskutierten Filme angesprochen werden). Damit werde ich im Januar beginnen.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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