Schnitt Nr. 55 – Zeit-Räume der Angst

Von mir ist dieses Mal nur ein kleiner Text zum Vorspann von „The Shining“ dabei:

Zeit-Räume der Angst

„The Shining“ erzählt in und von Bildern der Annäherung, über Zeiten, Räume und Menschen, die sich darin verlieren. Über den „Golden Room“, den „Room 237“ und den „Redrum“. Und es gibt Räume zwischen diesen Räumen, die überwunden werden müssen. Im Vorspann ist es die Distanz vom „Home“ zum Overlook-Hotel. Nach dem Warner-Logo fliegt unser Blick entpersonalisiert über eine ruhige Seefläche auf eine kleine Insel zu. Er dreht kurz davor nach rechts ab und das Bild blendet in die Draufsicht auf eine enge Wald-Straße. Durch diese fädelt sich ein gelbes Auto und der Kamerablick aus dem Hubschrauber zeichnet seinen Weg in exakten Bewegungen nach. Der nächste Schnitt bringt uns weiter hinunter. Wir verfolgen das Auto, halten uns hinten rechts über ihm, kommen ihm langsam näher. Schnitt. Das Auto fährt an einer schroffen Klippe entlang. Hinter ihm unser Blick der in Gestalt eines Hubschrauberschattens erstmals eine geisterhafte Materialität gewinnt. Abermals nähern wir uns und nun schiebt sich hellblaue Schrift – wie ein Abspann von unten – ins Bild: „A Stanley Kubrick Film“ – „Jack Nicholson“ – „Shelly Duvall“ – „The Shining“.

Plötzlich brechen Geisterstimmen in den bis dahin von düsteren synthetischen Bläserklängen dominierten Soundtrack. Schnitt. Jetzt ist die Kamera hinterm Auto. Während mehr Schrift durch das Bild zieht, fährt es in einen Tunnel hinein. Als es am anderen Ende heraus kommt, fängt unser Blick es wieder ein – Sonnenreflexe auf der Kameralinse. Es ist nur ein Film! Schnitt. Überall liegt Schnee. Die Musik hat wieder ihre ursprüngliche Stimmung. Schnitt. Wir sind jetzt in einer verschneiten Berglandschaft. Schnitt. Wir schweben über dem Overlook-Hotel, das wie riesigen Berg dahinter gewachsen scheint. Die Kamera wird langsamer. Die Bewegung bekommt eine andere Richtung. Es geht auf das Hotel zu, in das Hotel hinein – und endet 2 Stunden später auf dem unscharf vergrößerten Gesicht einer Fotografie. Dazwischen liegt ein Zeit-Raum der Angst.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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