»Ich sehe tote Menschen!«

The Sixth Sense (USA 1999, M. Night Shyamalan) (Blu-ray)

Dass es Shyamalan hier so perfekt gelingt, den Bruch als plausibel darzustellen und nicht bloß als erzählerischen Trick, liegt an der Homologie von Film-Erzählung an sich und dem Plot von “The Sixth Sense”. Schaut man sich einen Film aus der Frühzeit des Kinos an, dann sieht man höchstwahrscheinlich ausschließlich mittlerweile tote Menschen. Dieses an sich unheimliche, auf den zweiten Blick jedoch tröstliche Phänomen hat Roland Barthes anhand einer Fotografie seiner verstorbenen Mutter in “Die helle Kammer” beschrieben. Speichermedien sind immer schon dazu verdammt, Geister zu beherbergen. Sie werden dadurch zu “Medien” in der zweiten, quasi okkultistischen Bedeutung. Sie versorgen uns mit einem (Über)Sinn, der uns die (wortwörtliche) Vergangenheit nicht bloß erinnernd vor dem geistigen Auge rekapitulieren lässt, sondern sie vor die physischen Sinne zitiert. Von dieser Eigenschaft erzählt “The Sixth Sense” nicht bloß, er führt sie uns am eigenen Leibe vor. Die Unheimlichkeit der Selbsterkenntnis Malcolm Crowes ist genau jener Zustand, den Barthes beschreibt, wenn er das Foto seiner verstorbenen Mutter anblickt. Die plötzliche, neue Selbstgewissheit ist die eines sich als zeitliches Wesen verstehenden Menschen, der das Leben nicht mehr aus der augenscheinlich unendlichen Binnen-, sondern endlichen Außenperspektive wahrnimmt.

Mehr: F.LM

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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