Psychonauten, Psychopathen, Psychotopologen

The Cell (USA 2000, Tarsem Singh) (DVD)

Zum letzten Mal und en detail gesehen – und das mit großem Erkenntnisgewinn. Das kann man von der spärlichen akademischen Sekundärliteratur zum Film leider nicht behaupten, wie folgende Textpassage belegt:

„Der Code ‚Handlungsoption des Psychopathen’ wird hier im Mainstream-Kino erstmals mit dem Begriff der Euthanasie verbunden. Das zeigt, wie sensibel das Genre für politische Diskurse im Allgemeinen ist, und wo es speziell an faschistoide Diskurse anknüpfen kann. Der Begriff der Euthanasie bedient das faschistoide Merkmal einer affirmativen Darstellung von Hinrichtung. Weitere faschistoide Merkmale des Psychopathen-Films sind die Konstruktion eines gesellschaftlichen Außenfeindes und die Legitimation maximaler staatlicher Überwachung. Diese Merkmale werden in THE CELL alle abgehandelt und ungebrochen inszeniert, um ein audiovisuell sehr aufwendiges und mit Thrillerelementen angereichertes Kinoerlebnis zu produzieen. Die anderen Merkmale des voyeuristischen Psychopathen-Films werden ebenfalls alle durchgearbeitet.“
(Quelle: Fellner, Markus (2006): Psycho Movie. Zur Konstruktion psychischer Störungen im Spielfilm. Bielefeld: transcript 2007, S. 339.)

Fellners Untersuchung des Films ist lupenreine Input-Hermeneutik*, was sich nicht zuletzt an den etlichen Fehl- und Falschbeobachtungen ablesen lässt. Da wird aus der Sozialarbeiterin Catherine mal flugs eine „FBI-Psychologin“ (339), bzw. „Profilerin“ (340), die den Hinweis auf Starghers letztes Opfer selbst findet (vgl. 339), undifferenziert und ohne jegliche Definition ist der im Film beschriebene Verschmelzungsprozess mal eine Reise „ins Gehirn“ (339), ins „Nervensystem“ (339), in eine „surreale Traumwelt“ (340), in eine „Märchenwelt“ (340) oder einfach „durch die Seele“ (340). Und ob obige Erkenntnis, dass sich alle (!) faschistoiden Merkmale, wie auch alle (!) übrigen Thriller-Elemente in „The Cell“ finden lassen, der Wahrheit entspricht, darf auch stark bezweifelt werden.

Hier zeigt sich erneut, welche Probleme Filmanalysen auf der Basis einer leitenden Fragestellung nach sich ziehen können, wenn man nicht darauf achtet, die Forschungsagenda nicht die Beobachtungen oder Fakten korrumpieren zu lassen (vgl. meine gelegentlichen Hinweise auf Angelica Schwabs Dissertation). Bei Fellner steht der zwanghafte Wunsch, „Faschismus“ in „The Cell“ entdecken zu wollen so stark im Vordergrund, dass er diesen auch findet – ganz egal, ob die Belege dafür stimmen oder nicht.

* Input-Hermeneutik: „Es geht nicht darum, etwas der Kunst als Kunst zu entnehmen, sondern man muß umgekehrt die Bedeutungen und Bewertungen, auf die es ankommt, an sie herantragen, ja in sie hineintragen.“ (Wolfgang Welsch: Für eine postmoderne Ästhetik des Widerstands. In: Ders. Ästhetisches Denken. Stuttgart: Reclam 1995, S. 157-167, hier: S. 159.)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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