»Das woll(t)en Sie doch sehen!«

The Last Horror Movie (GB 2004, Julien Richards) (DVD, kJ-Fassung)

Stellungnahme zur gekürzten Fassung von „The Last Horror Movie“

„Man hat kaum die Möglichkeit, eine Distanz zum Geschehen aufzubauen. […] Bei einem herkömmlichen Horrorfilm kann eine Distanz vom Zuschauer geschaffen werden, dieser Film entwickelt jedoch eine Sogwirkung, da der Bezug zur Realität inszenatorisch zu stark ist.“ (FSK-Entscheid zu „The Last Horror Movie“) Was fällt auf bei dieser Beurteilung des Spielfilms „The Last Horror Movie“ (GB 2003, Regie: Julian Richards)? Es sind die Wörter „Distanz“, „Geschehen“, „Horrorfilm“, „Zuschauer“, „Sogwirkung“, „Realität“ und „inszenatorisch“. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich eine über 2000 Jahre alte Diskussion (begonnen in Platons „Höhlen-Gleichnis“) – die Diskussion um den Wirklichkeitscharakter ästhetischer Reproduktion, seine Wirkung auf den Zuschauer und die Strategien, mit denen er gesteigert oder gemildert wird.

Die Geschichte der Kunst ist unter diesem Vorzeichen lesbar als eine Geschichte der Täuschung; die Geschichte der Zensur, die zu ihr parallel verläuft, die einer Ent-Täuschung. Während sich erstere zum Schein bekennt, versucht letztere das Sein zu retten. Die ebenfalls jahrtausende alten Begründungsversuche beider Seiten sind hinlänglich bekannt und haben noch zu keinem Ende geführt. Wohl aber ist die Kunst, der Schein, der Täuschung immer einen Schritt voraus (und deren Gegner stets zur Reaktion verdammt). Indem sie dies ist, kann sie die Diskussion, die um sie geführt wird, in ihre Werke einflechten. Spätestens seit der Romantik ist die „Selbstreflexivität der Kunst“ ein wichtiges Motiv. Und von Beginn der Filmgeschichte an – um nun einmal zu „The Last Horror Movie“ zu gelangen – handeln Filme sehr oft auch von sich selbst und von der Diskussion, die um sie geführt wird.

Schaut man sich Julian Richards Film einmal an, so erscheint die oben zitierte Aussage der FSK wie eine des Schlussmonologs, den der Filmmörder hält: Ja, in „The Last Horror Movie“ geht es darum, dass es (offenbar) keine Distanz mehr zwischen dem Echten und dem Inszenierten gibt. Mit einem simplen Trick hat uns der Regisseur die Unterscheidungsfähigkeit genommen: Er hat auf einen hoch-ästhetisierten Gruselfilm namens „The Last Horror Movie“ eine Homevideo-Aufnahme kopiert. Während ersterer den Mord mittels „wirklichkeitsferner Machart“ darstellen im Begriff ist und den Zuschauer auf eine ästhetische Fallhöhe bringt, bricht zweiterer diesen Versuch ab und lässt uns aufgrund der „wirklichkeitsnahen Machart“ (im Vokabular der FSK ausgedrückt) damit umso tiefer stürzen. Es scheint also ganz deutlich, dass hier nicht um des Effektes willen, sondern ganz bewusst und kritisch mit dem Unterschied von „Inszenierung“ und „Realität“ gespielt wird.

Filme, die Realität darzustellen vorgeben, nennt man „Dokumentarfilme“ oder, wenn diese Realität ein Verbrechen ist, das eigens für den Film begangen wurde, „Snufffilme“. Echte Snufffilme, sind in erster Linie kein ästhetisches Produkt, sondern Beweismittel eines Verbrechens. „The Last Horror Movie“ tut so, als wäre er ein Snufffilm. Und das gelingt ihm auch fast (wenn wir es nicht mit einer DVD, anstatt jener im Film gezeigten Videokassette zu tun hätten, die uns auf ihrem Cover schon verrät, dass der Film ein Fake ist). Indem er so tut und indem sein Hauptdarsteller, der Filmmörder, immer wieder mit uns in den moralischen und ästhetischen Dialog tritt („Das wollen Sie doch sehen, oder?“), fordert er uns auf, mediale Realitätsvermittlung zu hinterfragen. Denn eines ist klar: Wir wissen, dass „The Last Horror Movie“ nur ein fiktionales Produkt ist, wir fühlen uns aber beim Zuschauen trotzdem so, als sei er die Darstellung von Verbrechen.

Dieses paradoxe Bewusstsein in uns hervorzurufen, gelingt dem Film einerseits, weil seine Macher wissen, welche Kriterien wir für die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität ansetzen. Die Geschichte des Dokumentarfilms hat unzählige Verfahren entwickelt, die uns suggerieren, das gezeigte habe sich tatsächlich so abgespielt, wie wir es sehen. Über die Jahrzehnte hinweg ist ein fester Kanon solcher Verfahren entstanden, auf den wir konditioniert sind und den zu „missbrauchen“ fast so etwas wie eine Tabu-Verletzung darstellt. Und dennoch geschieht dies immer wieder. Ganz subtil gibt sich zum Beispiel Werbung als „neutral“ aus (wenn wissenschaftliche Studien oder angebliche Wissenschafter vorgeführt werden), wird durch die Umgewichtung von Informationen jede Nachrichtensendung zu einem politischen Gradmesser der Redaktion, die sie erstellt und haben sich auch immer wieder Filmemacher gewagt, Dokumentationen über etwas zu drehen, das außerhalb ihres Films gar nicht existiert (ein eigenes Genre, die „Mockumentary“ ist dadurch entstanden). Wird dieser Tabubruch aber zu einem brisanten Thema begangen, zumeist bei Sexualität und Gewalt, dann wird das daraus hervorgehende ästhetische Produkt abgestraft und als „selbstzweckhaft“ und „sehr zynisch“ (so die Worte der FSK) diffamiert.

Doch man kann diesen Tabubruch auch auf eine ganz andere Weise bewerten; man kann sich den Film anschauen und mit sich selbst ins Gericht gehen: „Warum schaue ich mir so etwas an?“ wäre eine der Fragen (die schon der viel gepriesene Regisseur Michael Haneke in seinen Filmen aufgeworfen hat); eine andere wäre: „Wenn ich hier wider besseren Wissens glaube, dass das Fiktionale Realität ist, bin ich dann vielleicht zu unkritisch mit dem, was mir die Medien vorsetzen?“ Diese zweite Frage das über-offensichtliche Thema von „The Last Horror Movie“, das den Zuschauer in den Dialog mit dem Kunstwerk treten lässt. Wenn der Filmmörder uns während des Films wiederholt anstachelt mit: „Das wollen Sie doch sehen!“, dann können und müssen wir das auch als eine Frage verstehen, die nach dem Film nachwirken soll. Reagieren die Medien vielleicht auf das, was wir angeblich „sehen wollen“? Werden uns die Grausamkeiten, die wir tagtäglich in den Nachrichten und echten Dokumentationen zu sehen bekommen, vielleicht nur deshalb aufgetischt, weil wir nicht wegsehen können oder wollen? Oder ist es vielleicht anders herum: Hat man unseren Blick schon so sehr konditioniert, dass man die Dinge nur auf eine bestimmte Art und Weise zeigen muss, um uns am Wegsehen zu hindern?

„The Last Horror Movie“ wirft all diese Fragen auf – und das nicht einmal verdeckt. Denn ihm hat der Seh-Zwang tödliche Folgen: Als der Filmmörder zu jemandem, der sich die überkopierte Kassette aus der Videothek ausgeliehen hat und nun die „Dokumentation“ sieht, ins Haus geht, fragt er diesen, was er denn glaube, was er da gerade sehe? Ob er denke, dass das Gezeigte real oder bloß ein Witz sei. Der Mörder, der gleichzeitig der Filmemacher ist, tritt mit seinem Zuschauer, der gleichzeitig sein Opfer ist, in den direkten Dialog – ohne die Schranken und Zeitverzögerungen der medialen Barriere. Die Sprachlosigkeit des Opfers und die zynische Wortgewandtheit des Täters sind ein Sinnbild für jenen Prozess, den wir tagtäglich vor dem Fernseher erleben. Indem der Film sein Thema an einem heiklen Motiv (dem der Gewalt) und in scheinbarer Leugnung jeder Distanz darlegt und indem er seinen Medienmacher als Mörder metaphorisiert, verdeutlicht er denjenigen Zuschauern, die sich den Film bis zum Schluss ansehen, die moralischen Implikationen, die mit einem so scheinbar harmlosen Vergnügen, wie dem Einschalten des Fernsehers verbunden sind. „The Last Horror Movie“ ist damit im eigentlichsten Sinne „aufklärerisch“.

Es ist nicht wahr, dass der Film suggeriert „in allen Menschen stecke etwas von einem Massenmörder“ (FSK-Entscheid), nur weil diese dem Seh-Zwang und der medialen Täuschung über wahr und falsch erlegen sind. Das ist der falsche Schluss – selbst wenn man den Film nicht so interpretiert, wie hier geschehen (dann müsste die Suggestion lauten: „In allen von uns steckt das Opfer eines Serienmörders.“) Sehen ist nicht dasselbe nicht Tötenwollen. Eine Richtung der Medienwirkungsforschung, die nicht , wie die FSK, von „Nachahmungseffekten“ ausgeht, behauptet, dass wir durch das Sehen von Gewalt für diese Sensibilisiert werden. Das ist vielfach kritisiert und in seiner Pauschalität widerlegt worden. „The Last Horror Movie“ bestätigt diese Annahme jedoch auf der medien-kritischen Ebene: Indem wir uns diesen Film „antun“, werden wir für die Mechanismen, mit denen die Medien Realität inszenieren, sensibilisiert.

Dazu muss man dem Film jedoch die Möglichkeit lassen, zu zeigen, was uns an die Nerven geht, damit wir aus unserem Denken und Fühlen Schlüsse ziehen können. Die hier vorliegende Version des ursprünglich 76 Minuten langen Films ist um 18 Minuten gekürzt worden, damit sie eine Freigabe in Deutschland erhält. Zum Opfer gefallen sind der FSK-Freigabe vor allem jene Szenen, die die Grenze von Fiktion und Realität verwischen. So ist aus „The Last Horror Movie“ wieder ein bloßer Spielfilm gemacht worden – ein Film, der die Gewalt nun wirklich „selbstzweckhaft inszeniert“ (FSK-Entscheid), weil sein tieferer Sinn der Schere zum Opfer gefallen ist. Und auch dieses Mal hat die Zensur die Ästhetik für einen kurzen Moment einholen können. Überholen wird sie sie trotzdem nicht: Die hier enthaltene Langfassung zeigt, dass etwas fehlt und thematisiert dieses Fehlen dadurch umso eindringlicher.

zuerst erschienen: Booklet "The Last Horror Movie" (Lgend, kJ-Fassung)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

Dieser Beitrag wurde unter Essay, Filmtagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.