»once a murder has been committed, we are forced to look reality in the face.«

An der falschen Stelle abgelegt, habe ich erst heute ein sehr interessantes Interview zwischen Alfred Hitchcock und Fredric Wertham (sein Blog :-D) wieder gefunden. Wertham hatte sich in den 1940er und 50er Jahren als Anti-Comic-Crusader einen Namen gemacht und zusammen mit einer Bürgerinitiative etliche Verlage dazu gebracht, "Gewalt-Comics" aus ihrem Programm zu nehmen. Als Kriminalpsychologe hat er sich einen Namen als einer der ersten Analytiker gemacht, der einen Erklärungsversuch für Serienmord aufstellte (dokumentiert in seinem Band "The Show of Violence", in dem er im vierten Kapitel ausführlich den Fall "Albert Fish" behandelt).

Das vorliegende Interview mit Hitchcock erschien erstmals im April 1963 in der Zeitschrift "Redbook" (Nr. 120, S. 78, 108, 110-112) und ist im Band "Hitchcock on Hitchcock" (hrsg. v. Sidney Gottlieb, Quelle: s.u.) wieder abgedruckt worden.

Wertham interessiert hier vor allem Hitchcocks Beziehung zur Mediengewalt. Ausgehend von "Psycho", den Wertham nicht gesehen hat, aber der ihm als sehr gewalthaltig geschildert (!) wurde, versucht er Hitchcock eine moralische Position aufzudrücken, die dieser nicht anzunehmen gewillt ist: Werthams Position, die er aus seiner Comic-Zeit herüber gerettet hat, ist, dass die Gewalt im Fernsehen Kinder stark affiziert und ihr Bild von einem friedlichen Zusammenleben stört, ja, sie sogar zu eigenen Taten anstiftet. Wertham dekliniert hierzu fast sämtliche Thesen der klassischen Medienwirkung durch, lehnt die Ergebnisse der quantitativen Medienwirungsforschung jedoch ab, weil sie zu ungenauen Ergebnissen führen, die mit seinem Weltbild konfligieren:

And this scientific study reports that shootings and killings on TV movies don’t do any harm because they are stilized. Stylized! I’m not sure what the word means. You show killing, that means killing to a child. (148)

Während Hitchcock keineswegs versucht, die mögliche Wirkung von TV-Gewaltdarstellungen auf Kinder zu verharmlosen, die Darstellungen jedoch mit Märchen vergleicht, die ja ganz ähnliche Grausamkeiten für Kinder bereithalten, lehnt Wertham diese Analogie völlig ab mit dem Hinweis: "Movies take real life as it is in the street and the house and the drawing room. Now, that’s totally different from a fairy tale." (148) Den wesentlich subtiler – ja, fast schon "simulationstheoretisch" – argumentierenden Hitchcock, der entgegnet, dass Kinder ja gar nicht wissen, dass es Märchen sind, die sie erzählt bekommen, ignoriert Wertham mit einem Exkurs in die Kinderpschiatrie und dem Versuch "abnormal" von "normal children" (149) zu differenzieren.

Interessant wird der Text schließlich, als beide auf die Frage zu sprechen kommen, auf welche Weise Hitchcock seine Filme inszeniert, so dass sie "wirken". Hier argumentiert Hitchcock mit einer These, die sich ganz ähnlich bei Balint findet (dort unter dem Begriff des "Thrill"): Seine Filme wirken im Prinzip wie eine "roller coaster"-Fahrt, die durch die Angsterzeugung ein Befreiungs- und Lustgefühl im Zuschauer produzieren, dass schließlich sogar (erleichtertes) Lachen provoziert. Auch hier kann Wertham, obgleich studierter Psychologe, nur mit der wesentlich altbackeneren Theorie Freuds aus dem "Unbehagen in der Kultur" aufwarten und behauptet, was das kathartische Lachen angeht, schließlich sogar: "Humor, yes. But you know, movies have one thing in common, most of them – they have no sense of humor at all." (151) Und das, obwohl die 70er Jahre noch in weiter Ferne sind. 😀

Zum Ende des Textes kommen beide auf "reale Verbrechen" und ihre Wirkung auf die Gesellschaft zu sprechen. Während Wertham – auf das Realitätsprinzip insistierend – darauf besteht, dass realer Mord das Ende aller Fiktion sei, greift Hitchcock etwas tiefer in die Kulturgeschichte und versucht eine mentalitätsgeschichtliche Erklärung, warum gerade die Briten dennoch so vom Mord fasziniert sind, dass sie Meisterschaft im Ersinnen von Kriminalgeschichten basierend auf authentischen Fällen entwickelt haben. (Hitchcock erwähnt die hausfrauliche Marie Belloc-Lowndes, die den "Jack the Ripper"-Roman "The Lodger" geschrieben hat, auf dem sein gleichnamiger Film beruht.)

jetzt sind die Weichen für Wertham gestellt und er kommt auf die Möglichkeit, dass Filme reale Morde inspirieren zu sprechen. Grade in Amerika, wo ein "cult of violence" (154) herrsche, müsse davon ausgegangen werden, dass Menschen, die den ganzen Tag vor dem TV sitzen, davon nicht unbeeinflusst bleiben. Vor allem für Kinder müsse dieses Medienverhalten fatale Folgen haben:

This is a dangerous and vicious circle becuase a child’s mind is like a bank – whatever you put in, you get back in ten years, with interest. (154)

Diese abermalige grotesk-behaviorstische Vereinfachung nimmt Hitchcock zum Anlass, mit einer sehr pointierte Anekdote zu kontern, die für mich ein sehr schönes Fundstück im Text darstellt:

Yes, but what about the so-called influences that are just afterthoughts? For example, there was a case in Los Angeles. I don’t know whether the man is still in Death Row or not, but he committed – killed a woman and he said he did it after seeing Psycho. He had killed thwo other women before, so when the press called and asked if I had any comment, I said: "Yes I want to know the names of the movies he saw before he killed the other two, or did he kill the first one after drinking a glass of milk?" (154)

Quelle: Alfred Hitchcock & Dr. Fredric Wertham: A Redbook Dialogue. In: Sidney Gottlieb (Hg.): Hitchcock on Hitchcock. Selected writings and Interviews. London: faber+faber 1995, S. 146-154.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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