Der Richter ist ein Henker

Follow me Quietly (USA 1949, Richard Fleischer) (VHS)

Richard Fleischers erster Serienmörderfilm von 1949 ist ein interessanter Markstein zwischen dem frühen und dem klassischen Serienmörderkino.

Erzählt wird die Geschichte eines Killers, der sich selbst "The Judge" nennt und für acht Morde verantwortlich ist. Jedes seiner Opfer erwürgt er von hinten. Alle Morde geschehen, während es regnet. Er hinterlässt nur wenige Spuren, die zunächst nicht dazu geeignet scheinen, ein Täterbild zu zeichnen. Police Lt. Harry Grant sammelt an den Tatorten Hinterlassenschaften des "Judge": Briefe, deren Wörter aus ausgeschnittenen Zeitungstexten bestehen, aber auch Haare, einen Hut, Handschuhe. Grant stets auf der Fährte ist die Boulevard-Reporterin Ann Gorman, die diesem schließlich eine Vollmacht abluchst, exklusiv über den Fall berichten zu dürfen. Als Grant auf die Idee kommt, die Tatort-Fundstücke wie ein Puzzle-Spiel zusammen zu setzen und daraus eine mannsgroße "Täterfigur" ohne Gesicht herzustellen, um die Polizei damit zu briefen, veröffentlicht Ann diesen Plan und gefährdet damit die Ermittlungsarbeiten. Dennoch geraten den Polizisten bald mehrere Verdächtige in die Fänge, der Täter ist jedoch nicht unter ihnen. Erst ein Kriminalgroschenroman, den er an seinem letzten Tatort zurück gelassen hat, führt die Ermittler schließlich auf die richtige Spur: Ann weiß wo solche seltenen Auflagen des Heftes zu bekommen sind. Über das Antiquariat, wo ein Mann, der dem Dummy ähnlich sieht, das Heft gekauft hat und ein Café, wo dieser Mann das Heft gelesen haben soll, gelangt Grant schließlich an den richtigen Mann. Nach einer Verfolgungsjagd stellt er ihn – doch dieser stürzt sich selbst, als er durch einen regenartigen Wasserschwall laufen soll, in den Tod.

Der vollständige Verzicht auf die Psychologisierung des Täters (mit Ausnahme der Schlussszene, in der angedeutet wird, dass wohl eine Hydrophobie mit den Taten zu tun hat) und der Ermittlungsarbeit ist das auffälligste Merkmal des Films. Klassische Ermittlungsarbeit bestimmt die Detektion – diese gelangt jedoch schnell an ihre Grenzen und wird – wie im Falle des Dummies, der dem Täter von hinten ähnlich sehen soll! – für den Zuschauer unglaubwürdig. Erst in Verkettung mit anderen Indizien, zu denen vor allem der gefundene Groschenroman zählt, rationalisiert sich die Suche wieder etwas.

Interessant sind neben den Allusionen an andere Serienmörderfilme (die gesichtslose Puppe aus "L’Assasin" oder die Lippenstiftnotiz des Täters und das Groschenheft als Beweismittel aus "While the City sleeps") vor allem zwei Szenen: Der Polizeitruppe wird die Dummy-Identität des Täters wie ein Theaterstück vorgeführt: Er steht auf einer Bühne, dem "Publikum" den Rücken zugewandt, das Licht erlischt und plötzlich hört man (s)eine Stimme – ein Sprecher aus dem Off stellt sich als "The Judge" vor. Als die Täterpuppe mit einem Mal umgedreht wird, reagiert das "Publikum" schockiert. Diese Inszenierung des Täters nebst dem ausgelösten Schock war bereits in "Doctor X" hilfreich, den Serienmörder zu überführen und verhalf diesem wie jenem Film dazu, einen Schritt hinter sich selbst zu tun und seine Inszenierungstechniken und Wirkungsästhetiken zu reflektieren.

Zu diesen Wirkungsästhetiken gehören in "Follow me Queitly" Fotografien, die die Opfer zeigen. In bis dahin ungewohnter Direktheit werden Leichenbilder dem Zuschauer bildfüllend vorgeführt. Diese und die Fotos des unheimlichen Gesichtslosen nehmen eine zentrale Rolle im Film ein – sind doch die Schocks, die sie bei den Protagonisten auslösen, die ersten Mittel, die zum Ziel führen. Die Identität des Täters und dessen Ergreifung geraten kurz vor Ende des Films auf seltsame Art zur Nebensächlichkeit. Seine Taten und die Ermittlungsarbeit dienen Fleischer vielmehr als Tableau um eine Liebesgeschichte zwischen Grant und Ann zu entwickeln, die am Ende des Films jedoch jäh abbricht und in Andeutungen verbleibt.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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