The Ghosts that haunt me now

The Grudge – Der Fluch (USA 2004, Takashi Shimizu) (Kinopolis Bonn)

»Insofern ist eher das Haus zugleich
mein Körper, mein Fühlen, mein Denken
Werde ich bedroht, ziehe ich mich in etwas zurück:
Dies ist das Haus im übertragenen Sinne.
Es bedeutet mehr als Wände in denen ich wohne.«
(O. Negt/A. Kluge)

Ein Jammer wäre es gewesen, wenn ich es nicht mehr
geschafft hätte, „The Grudge“ im Kino zu sehen! Doch gestern Nacht war
es dann soweit.

Ich war ja hin und her gerissen: Einerseits ließ mich das
Produzententeam Raimi/Tapert („Boogeyman“) hoffen, das da wieder etwas
ganz Grauen erregendes auf mich zukommt; andererseits hatte mich „The
Ring Two“ fürchten lassen, dass ein  japanischer Regisseur in
Amerika eben nur einen japanischen Film in Amerika dreht – der nicht
„funktioniert“, weil er die kulturelle Übersetzungsleistung nicht
berücksichtigt.

Shimizu hat aber dadurch, dass er die Handlung von „The Grudge“ in
Tokyo ansiedelt, nicht nur die Fehler von „The Ring Two“ vermieden,
sondern sogar noch Kapital daraus geschlagen: Seine westlichen
Protagonisten treffen auf den „J-Horror“ wie auf eine kulturelle
Barriere der Andersartigkeit. Zu keiner Zeit bleiben sie oder die
Zuschauer im Unklaren darüber, dass japanische „haunted houses“ nach
anderen Regeln funktionieren als gothische Spukschlösser oder
beseelte Amity-Villen. „The Grudge“ liefert eine äußerst gelungene
Kombination aus japanischer Grusel-Ästhetik, amerikanischem Erzählstil
(und Figurenentwicklung!) und hybrider mise-en-scène. (Sinnbildlich
hierfür ist vor allem das besessene Haus, dessen Archikektur ständig
beide kulturellen Merkmale aufweist – und indem sich deshalb auch beide
Kulturen „verlieren“.)

Der Grusel des Films könnte besser kaum austariert sein: Bilder und
Geräusche scheinen einander zu bedingen – deuten dem Zuschauer (und dem
Protagonisten) stets an, dass etwas passieren wird. Und genau in den
richtigen Momenten, in der Ruhephase zwischen zwei spannungsgeladenen
Szenen, nimmt sich Shimizu Zeit, Rückblenden einzubauen, die die
Handlung kommentieren und weder zu wenig noch zu viele Informationen
beizusteuern, die die Erzählung forcieren, ohne sie (wie in den
Ring-Filmen, die nach dem Prolog zu entlos-zermürbenden Retrospektiven
werden) totzuerklären. Die narrative Funktion steht – und darin
unterscheidet sich „The Grudge“ am deutlichsten von etlichen
japanischen Horrorfilmen – dabei im Zentrum; verspielte Optik gibt es
kaum.

Faszinierend und extrem furchteinflößend ist die Kongruenz, die der
Film zwischen Raum und Körper herstellt. Es scheint beinahe so, als
gebäre das Haus diese verdrehten Körper – die Szene im Finale, in der
sich die Frau die Treppe hinab schiebt, wirkt beinahe wie eine
Geburtsszene. (Eine ähnlich beeindrucktenden und furchteinflößenden
Treppenabstieg habe ich seit dem Director’s Cut von „Exorzist“ nicht
mehr gesehen!).

„The Grudge“ ist ein vollkommener, dichter, extrem gruseliger
Horrorfilm. Seine Idee ist nicht neu; seine Gruselästhetik nicht sehr
variantenreich – aber seine Effizienz kaum zu übertreffen. Nach
„Boogeyman“ und „The Grudge“ darf man nun sehr gespannt auf weitere
Produktionen von „Ghost House Pictures“ sein (angekündigt ist ein Remake zu „Evil Dead“!)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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4 Kommentare zu The Ghosts that haunt me now

  1. EvaS sagt:

    Ich habe bisher nur den Trailer zu diesem Film gesehen (allerdings auch im Kino), und er hat mich schon fast zu Tode erschreckt. Also von der Idee mir noch den ganzen Film anzuschaen muss ich mich wohl verabschieden. :))

    Aus welchem Text ist übrigens das Zitat oben im Motto?

  2. Stefan sagt:

    > Aus welchem Text ist übrigens das Zitat oben im Motto?

    Oskar Negt, Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt/Main: Zweitausendeins 1982, S. 633.

  3. EvaS sagt:

    Danke! Das Buch habe ich mir schon in der Bibliothek bestellt. Ob es mir wohl den (unfreiwillig) verpassten Film irgendwie kompensieren kann?.. 🙂

  4. Stefan sagt:

    wohl kaum. In dem Abschnitt, aus dem das Zitat kommt, geht es um die Analogie von Körper und Haus – ein Thema, das etwas abstrakt abgefasst ist. In „Boogeyman“ und demnächst „Amityville“ wird das noch mal konkreter.

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