Landhaus der toten Seelen

Burnt Offerings (USA 1976, Dan Curtis) (VHS)

Kleines Gruselstück um ein Landhaus, das von einer Familie über die Sommermonate gehütet werden soll, sich dann aber gegen seine neuen Bewohner zu wehren weiß.

Genauer gesagt, verläuft die Geschichte folgendermaßen: Vater, Mutter, Sohn und Großtante ziehen in das Haus, in dessen Dachgeschoss eine alte Dame lebt, die aber niemand zu Gesicht bekommt. Schon nach kurzer Zeit wird es merkwürdig. Der Vater wird von Visionen (dem Tod seiner Mutter) geplagt und entwickelt grundlos Gewaltausbrüche gegen den Sohn. Die Frau wird immer manischer in ihrem Bemühen, das Haus in Schuss zu halten, die Tante, eine überaus lebensfore 74jährige (großartige Altersrolle: Bette Davis!) verliert nach und nach die Lebenskraft und stirbt schließlich im Haus an einem Schlaganfall(?). Auch dem Sohn geht es mehrfach fast an den Kragen: Zuerst will ihn der Vater in einem Anfall von Rage im Swimmingpool ersäufen, danach dreht die Großtante den Gasofen im Schlafzimmer des Jungen auf, zuletzt wird der Kleine fast Opfer einer Sturmflut, die plötzlich im Swimmingpool entsteht.

Die Geschichte erinnert in vielen Details überdeutlich an Stephen Kings Roman „The Shining“ (1977) und Kubricks gleichnamige Adaption von 1980 (hier vor allem die Schlussszene mit den Photos, auf denen die Familie „immer schon“ zu sehen war). Nur ist Curtis‘ Film aber entstanden, bevor King seinen Roman veröffentlich hat. Er äußert sich zu den merkwürdien zahlreichen Übereinstimmungen nicht – führt „Burnt Offerings“ aber in seinem Buch „Danse Macabre“ unter den 100 wichtigsten Horrorfilmen. (Man ahnt, warum er für ihn so wichtig war. ;-))

Nun, im Gegensatz zu „The Shining“ ist „Burnt Offerings“ in vielem sehr direkt. Der Film beschreibt die Ehe der Eltern als zerrüttet (seit der Geburt des mittlerweile 12jährigen Sohnes gab es keine Sex mehr zwischen den beiden: Vater=Selbstzweifel, Mutter=frigide), die Probleme der
Großtante mit dem Alter(n) werden mehr als einmal thematisiert. Es scheint fast so, als brächte das Haus die unterschwelligen Konflikte und Neurosen an die Oberfläche – als beende es die Inkubationszeit und ließe die Krankheit endlich ausbrechen.

„Burt Offerings“ ist ein reichlich verworrener und an vielen Stellen inkohärenter Film. Mal ist der Vater Herr der Lage und die Mutter Opfer ihrer Passionen, mal ist es umgekehrt. Trotz der mehrfachen Mordversuche und dem nahen Ertrinkungstod fällt dem Sohn erst zum Schluss auf, dass er nicht so gern in dem Haus bleiben möchte. Dann versperrt eine Anzahl umstürzender Tannenbäume die Flucht von Vater und Sohn (in einer Szene scheint es geradewegs so, als hielten die Pflanzen den Mann aktiv fest), in der darauffolgenden Szene ist aber schon der Arzt aus dem Ort ohne Probleme zum Haus und ans am Bett des verletzten Mannes gelangt usw. Der Film verstrickt sich nach und nach immer tiefer in seine angerissenen und nicht ausgeführten Plotkonstrukte – einzig das Geheimnis um die unterm Dach lebende alte Frau hält er aufrecht, führt aber auch dies zum Schluss an ein eher hahnebüchnes Ende.

So gesehen kann man Stephen King eigentlich dankbar sein, dass der das Gerüst der Erzählung plagiiert hat, es von den Widersprüchen gereinigt und damit die Grundidee zum meines Erachtens größten Horrorfilm aller Zeiten geliefert hat. (Wenn ich mir jetzt mal soviel Jubel zugestehen darf. :-))

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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7 Kommentare zu Landhaus der toten Seelen

  1. Carsten sagt:

    Sehr interessante kleine Analyse, habe – trotz der offengelegten Schwächen – Interesse den Film zu sehen.

    Zu „The Shining“: So viel Jubel darfst du zugestehen! Kubricks Epos ist wirklich der größte Horrorfilm aller Zeiten!

  2. Stefan sagt:

    Normalerweise lasse ich mich zu solch apodiktischen Gemütsäußerungen öffentlich nur selten hinreißen. Da klinge ich mir zu sehr nach Carsten P. Czarnecki. 😉

  3. Carsten sagt:

    Danke für das „Kompliment“ 😀 .

    Nun, aber wozu ist ein subjektives Filmtagebuch sonst da, als um Gefühle zu äußern 😉 .

  4. Olli sagt:

    Hahnebüchenes Ende? Blödsinn. Das Ende ist absolut creepy und kultig..
    Der Streifen gefällt mit mittlerweile richtig gut, beim ersten Durchlauf fand ich ihn eher dröge.Hat auf jeden Fall eine absolut eigenwillige, bedrückende Atmosphäre, trashige, unfreiwillig- komische Szenen gibts auch und der Soundtrack ist ebenfalls extrem stimmig.Guter Film ohne wenn und aber..

  5. Ich kann mich leider nicht mehr richtig erinnern, aber dass es „Blödsinn“ ist, was mir damals in den Sinn gekommen ist, möchte ich zurückweisen.

  6. Olli sagt:

    AN ALLE FORUMTEILNEHMER DIE DEN FILM NOCH NICHT KENNEN: POSTING NICHT LESEN; ICH DEFINIERE DEN INHALT!!!

    Sefan:
    Naja man kann natürlich alles spitzfindig interpretieren, statt Blödsinn kann ich auch papperlapapp, schnickschnack oder nix da einsetzen, wenns recht ist..
    Jedenfalls ist das Finale im Kontext des Films sogar irgendwie logisch (sofern bei Horrorfilmen überhaupt von Logik die Rede sein kann), denn Mrs Karen Black verfällt dem morbiden, manipulativ- geisterhafen „Charme“ des Hauses immer mehr und verwandelt sich in letzter Konsequenz in die obskure old Lady.Ich fand`s klasse..
    War jedenfalls nicht bösartig gemeint mit dem Blödsinn, lieber Stefan
    Netten Gruß Oliver

  7. Gut, Entschuldigung angenommen. 😀

    Spoiler-Warnungen sind hier übrigens überflüssig: Wer sich in den Simulationsraum begibt, kommt darin um (den fragwürdigen „Spaß“ sich rein auf den Plot eines Films konzentrieren zu dürfen). Ich spoilere also selbst.

    Zum Thema: Ob die Konsequenz, mit der die schließliche Verwandlung stattfindet, tatsächlich logisch ist, bezweifelst du richtig: Logik hat mit dem Verlauf und der Entwicklung von Plots nichts zu tun. Die richten sich zumeist an Kontingenzen der handelnden Figuren aus. (Man könnte soziologisch mit Robert Merton von „unvorhersehbaren Folgen sozialer Handlung“ sprechen).

    Insofern kann (m)eine Kritik am Ende des Films also auch nicht fundamental sein, weil das Ende nicht „falsch“ oder „unlogisch“ sein kann. Es kam mir nur so vor, als wäre es inkonsequent im Vergleich zum Davorgesehenen. Um das nachvollziehen zu können, müsste ich den Film noch mal sehen, wozu ich im Moment leider keine Zeit habe. Dennoch habe ich den Film als wichtigen Vorläufer von „The Shining“ ja in mein Herz geschlossen und würde daher sagen, dass es sich bei meinem Blog-Eintrag um eine Art Filmkritik handelt, die ein Angebot zur Diskussion darstellen sollte. Das ist hier ja erfreulicherweise auch aufgenommen worden.

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