Der Sürrealismus

Walter Benjamin: Der Sürrealismus – Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz. In: Ders.
Gesammelte Schriften, Bd. II/1, hrsg. v. R. Tiedemann & H.
Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 295-310.

Gerade in den „Literarische[n]n und ästhetische[n] Essays“ zeigt sich
die Wortgewandtheit Benjamins recht deutlich. Der Sürrealismus-Text ist
nämlich keineswegs die analytische Untersuchung eines literarischen
Phänomens, sondern vielmehr eine nachträgliche Ortsbestimmung: Welchen
Stellenwert in der europäischen Intelligenz nehmen die Werke Bretons,
Aragons, Soulpaults, Desnos oder Eluards ein? Was zeichnet den
Surrealismus als Zugang zu einer Wirklichkeit aus.

Ich gebe zu, dass ich den Text nur schwer zugänglich finde.
Benjamin, der hier vor allem Bretons „Nadja“ ins zentrum seiner
Betrachtung rückt, um dann absatzlang über Paris zu sprechen, greift
jedoch ein Phänomen auf, auf das ich in der Sekundärliteratur gestoßen
bin und das mich – angesichts meiner Filmfragestellung – neugierig
gemacht hat: den Raum.

Raum ist nämlich jene Erscheinung, „von dem die Lyrik des
Sürrealismus Bericht gibt.“ (301). Und mit der Kopplung revolutionärer
und poetischer „Intelligenz“ (Benjamin verschränkt kommunistische,
anarchistische und surrealistische Ideen) wird dieser Raum zum
intellektuellen Standort der 1910er und 1920er Jahre. Benjamin
schlüsselt den Raum dazu in zwei verschiedene Phänomene auf: Leibrauch
und Bildraum.

„Den Pessimismus organisieren heißt [..] nichts anderes als die
moralische Metapher aus der Politik herausbefördern und im Raum des
politischen Handelns, den hundertprozentigen Bildraum entdecken. Dieser
Bildraum aber ist kontemplativ überhaupt nicht mehr auszumessen.“(309)

Der Bildraum ist kein „Raum des Bildes“ (also jener Raum, den die
Medien Fotografie oder Film abbilden), sondern ein sprachliches
Phänomen. Benjamin bezieht sich hier nämlich auf Aragons Buch „Traité
du Style“, in dem das „Bild“ dem „Vergleich“ gegenübergestellt wird –
„Bild“ also verstanden als „Metapher“ („Sie ist eine Rose“ vs. „Sie ist
wie eine Rose“, letzteres ein „Vergleich“).

Weiter unten stellt Benjamin die zweite Phänomen, den Leibraum, vor:

„[…] überall, wo ein Handeln selber das Bild [i. S. von
„Metapher“, SH] aus sich herausstellt und ist, in sich hineinreißt und
frißt, wo die Nähe sich selbst aus den Augen sieht, tut dieser gesuchte
Bildraum sich auf*, die Welt allseitiger und integraler Aktualität, in
der die »gute Stube« ausfällt, der Raum mit einem Wort in den inneren
Menschen, die Psyche, das Individuum oder was sonst wir ihnen vorwerfen
wollen, nach dialektischer Gerechtigkeit, so daß kein Glied ihm
unzerrissen bleibt, miteinander teilen. Dennoch aber – ja gerade nach
solch dialektischer Vernichtung – wird dieser Raum noch Bildraum, und
kokreter Leibraum sein.“(309)

Angesichts der Sprachgewalt stehe ich etwas vor einem Rätsel: Der
Bildraum, den Benjamin als jene Sphäre, in der politisches Handeln sich
ereignet, definiert, befindet sich nun im Menschen selbst? Die aus der
Politik ausgelagerte moralische Metaphorik ist Teil des Menschen? Gibt
seine zweite Ergänzung zum „Leibraum“ da ein wenig Erhellung? Leider
nein:

„[..] die Physis, die sich in der Technik ihm organisiert, ist
nach ihrer ganzen politischen und sachlichen Wirklichkeit nur in jenem
Bildraume zu erzeugen, in welchem die profane Erleuchtung uns heimisch
macht. Erst wenn in ihr [in der Physis? in der Wirklichkeit? in der
Erleuchtung?, SH] sich Leib** und Bildraum so tief durchdringen, daß
alle revolutionäre Spannung leibliche kollektive Innervation***, alle
leiblichen Innervationen des Kollektivs revolutionäre Entladung werden,
hat die Wirklichkeit so sehr sich selbst übertroffen, wie das
kommunistische Manifest es fordert.“
(310)

gruebel.gif  … Die Sekundärliteratur (v. a. der Link) schafft Erhellung.

* lässt sich Theorie eigentlich irgendwie sprachlich noch schöner verpacken? wub.gif

** Wäre es nicht sinniger, wenn hier „Leib-“ oder „Leibraum“ gestanden hätte? gruebel.gif

*** Versorgung des Organs durch/mit Nerven bzw. Reizleitung durch die Nerven zu den Organen

Literatur:

  • http://phaidon.philo.at/~weidner/bildraum.htm
  • Wolfgang Bock, Katastrophe und Auferstehung. Leibraum, Bildraum,
    dialektische Vernichtung, in: Ders., Walter Benjamin – Die Rettung der
    Nacht, Bielefeld 2000, S. 81-331.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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