Life Lessens

21.01.04: Life Lessens (VHS)

[…]

1989: Die Resignation

Dem
Maler Lionel Dobie (Nick Nolte) ergeht es ganz ähnlich. Auch er ist
Gefangener seiner biografischen Kreise – wenn sich dies bei ihm auch
auf einer anderen Ebene äußert. Nicht aus der Gemeinschaft rührt sein
emotionaler Niedergang (mit ihr hat er sich als „gefeierter Künstler“
längst arrangiert), sondern aus der Tatsache, dass er altert und
sterben wird. Er durchlebt tagtäglich das, was gemeinhin als
„Midlifecrisis“ bekannt ist. Dobie nutzt seine Stellung innerhalb der
ihn anbetenden Künstlergemeinschaft aus, um Frauen kennenzulernen.
Diese „lockt“ er mit dem Versprechen, ihnen Lehrer zu sein, in sein
Atelier, wo er dann deren Bewunderung ausnutzt, um sie in eine
Beziehung mit ihm zu zwingen. Dass die Basis einer solchen allerdings
eine andere ist, erfährt er schmerzlich, als ihm seine aktuelle
Schülerin Paulette (Rosanna Arquette) nicht nur ständig droht, ihn zu
verlassen, sondern seine Schwäche und Verfallenheit ausnutzt, um ihn
öffentlich zu demütigen und zu quälen. Das ist ihre Form der Rache für
sein gebrochenes Versprechen, sie künstlerisch auszubilden. Die
Geschichte des Kurzfilms Life lessons (Innerhalb des Episodenfilms New
York Stories) verbindet weit mehr als der Handlungsort mit dem 13 Jahre
älteren Taxi Driver. Auch hier ist das Wiederholungsmotiv zentral. Es
zeigt sich zunächst auf der Tonspur: Immer wieder hört Dobie den Song A
whiter shade of pale; erst, um sich für seine Gemälde Inspiration zu
verschaffen; später, um sich zu betäuben; zuletzt, um die Lustseufzer
von Paulette zu übertönen, die sich mittlerweile ihre Liebhaber mit in
Dobies Atelier und Wohnung einlädt, natürlich auch um ihn zu kränken.
Die Wiederholung zeigt sich in ihrem fatalistischen Aspekt gerade in
der schier endlosen (und endlos mühsamen) Arbeit Dobies an seinem
Gemälde. Schicht um Schicht trägt er Farbe und Form auf die Leinwand
auf und entwirft so Fragmente, die zwar bedeutsam sind, ihn jedoch
unbefriedigt lassen. Mit seiner zunehmenden Depression werden die
Farben, mit denen er das zuvor Gemalte übertüncht, immer dunkler, bis
schließlich die äußerste Schicht eine amorphe schwarz-grau-braune Masse
darstellt, aus der die früheren Bildschichten oft schemenhaft hervor
schimmern, so als wären sie verblassende Zeugen besserer Zeiten.
Schließlich verlässt Paulette Dobie endgültig, als sein Gemälde fertig
ist. Immerhin hat er es geschafft, sie mit sich hinab in die
Verzweiflung zu ziehen, denn nicht Emanzipation ist jetzt ihr Ziel,
sondern die resignierte Rückkehr aus New York in die Heimat – die
künstlerische Provinz. Sie gibt neben Dobie und New York nun auch das
Malen auf und kehrt wieder dorthin zurück, wo sie herkam. Bei der
Präsentation seines Bildes auf einer Vernissage wird Lionel Dobie von
Beifall überhäuft. Das kennt er schon und es ist für ihn kein Ansporn.
Doch aus der Menge der ihm bedeutungslosen Gesichter kommt eine junge
Frau auf ihn zu, eine Kunststudentin, wie sie sich ihm vorstellt.
Großzügig bietet er ihr an sie auszubilden, ja sogar bei ihm im Atelier
könne sie wohnen … Der Kreislauf schließt sich und der Ausbruch, der
mit schmerzhafter Selbsterkenntnis verbunden ist und den Dobie sowieso
nie wollte, stellt sich ein weiteres Mal nicht ein.

[…]

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maX

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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