Wissens-Appa/Repara/turen

Heute habe ich erfahren, dass mein Vortrags- und Artikelvorschlag für den Workshop „Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer technischer Dinge“, der am 19. und 20. Januar 2017 am IZWT (Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung) an der Bergischen Universität Wuppertal stattfindet, angenommen wurde. Ich werde zusammen mit unserem Elektroniker/Restaurator Marius Groth und dem von Hans Franke geliehenen Sol-20 zum Workshop fahren, um dort die epistemologischen und technischen Implikationen der Restaurierung zu diskutieren.

Hier der Abstract unseres Vortrags:

Wissens-Appa/Repara/turen

Ein epistemologisch-archäologischer Werkstattbericht von der Restauration eines frühen Mikrocomputers

Dr. Stefan Höltgen & Marius Groth (Humboldt-Universität zu Berlin)

Das Signallabor des Instituts für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin versammelt historische Computer der 1960er- bis 1990er-Jahre. Dazu zählen neben Analogrechnern vor allem frühe Mikrocomputer – zumeist Einplatinenrechner und so genannte Homecomputer mit 4-, 8- und 16-Bit-Architekturen. Die Sammlung besteht zu Forschungs-, vor allem aber zu Lehrzwecken, denn an den Geräten sollen Studierende der Medienwissenschaft den grundsätzlichen Aufbau und die hardwarenahe Programmierung von Computern erfahren. Die strukturelle „Offenheit“ der Systeme wird dabei genutzt, um Erfahrungen jenseits der reinen Ein-/Ausgabe zu ermöglichen: Mit Oszilloskopen,- Logik- und Frequenzanalysatoren soll an operativen Computern der Signalfluss erfahren und in Beziehung zur Symbolverarbeitung gesetzt werden. Medien- und Computerarchäologie ist damit konsequent an experimentelle Praxis gekoppelt, denn die historischen Computer dienen als archäologische und epistemische Objekte, an denen Geschichte nachvollzogen, Geschichtskritik auf „materieller“ Basis vollzogen und an die eine der medientheoretischen Leitfragen gestellt werden soll: Wie ist das Verhältnis des aktual operativen/operierenden Mediums zur Historizität seines Materials und seiner Diskurse? Aus diesen drei Punkten ergibt sich, dass eine Arbeit mit Original-Artefakten zwingend erforderlich ist und deren Emulationen allenfalls als zusätzliche epistemologische Problemfälle genutzt werden können.

Die Sammlung bedarf daher ständiger Wartung, Pflege und Reparatur. Dies erweist sich allerdings als weiterer medienarchäologischer Anwendungsfall, denn erst im Defekt verliert das Medium oftmals seine eigentlich „unsichtbare“ Funktion und wird wieder als Apparat erfahrbar. Die Reparatur dieses Defektes erweist sich dann oftmals als eine Mischung aus Quellenstudie „grauer Literatur“ (Schaltpläne, Service Manuals, …), historische Recherche (Konktaktaufnahme mit ehemaligen Nutzern, Operatoren, Erfindern, …) und der Verbindung modernster Analyse-, Reparatur- und Ersatzteil-Arbeit. Der vielfach im Diskurs gebräuchliche Begriff des „Retro-Computing“ erfährt auf diese Weise eine epistemologische Eskalation: In der Nutzung und Wartung alter Computer treffen unterschiedlichste Technologien und Wissensschichten und -felder aufeinander.

In unserem Vortrag wollen wir am Beispiel der Restauration des SOL-20 der Firma Processor Technology, erstmals erschienen im Jahre 1976, zeigen, wie dieser Prozess theoretisch begründet ist und sich als konkrete Arbeit am Objekt vollzogen hat: Vom Auffinden des Gerätes, zur Fehleranalyse und Behebung (mit Hilfe o. g. Praktiken) bis hin zur Ausstellung und Nutzung in neuen Kontexten (und mit aktuellster Peripherie). Dabei wird sich als Pointe zeigen, dass die ursprüngliche Idee, aus der der Computer Mitte der 1970er-Jahre entworfen und vertrieben wurde – nämlich einen komfortabel programmier-, erweiter- und modifizierbaren Computer für Hacker und Hobbyisten zu lancieren – ihre Fortsetzung in den computerarchäologischen Praktiken unseres Institut findet.

Vortrag mit Bildern der Restaurierung und Nutzung. Demonstration des restaurierten Rechners.

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Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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