Input Source Code

Der Mensch zwischen Papier und Computer(spiel)*

Die »Franzis’ Computer-Bibliothek«, die als BASIC-Lehrreihe zwischen 1984 und 1987 erschienen ist, enthält wie viele derartige zeitgenössische Bücher BASIC-Listings zum Abtippen. Im Vorwort schreiben die Herausgeber: »In dieser Reihe liegen alle Beispiele als ›Listing‹ – als Computerausdruck – vor. Das ist – zugegebenermaßen – zwar ein wenig schlechter lesbar als der Druck des Textes, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Zwischen dem Computer des Lesers und dem des Autors sitzt nur der Leser selbst. Alle dazwischenliegenden Fehlerquellen – und das sind leider einige – sind ausgeschaltet. Wenn es dem Leser gelingt, das abgedruckte Programm ohne Fehler in sein Gerät zu übertragen, dann wird es laufen. Ganz bestimmt.« In diesen Zeilen steckt – quasi als Selbstverständlichkeit für den damaligen Leser in Worte gefasst – eine bedingungsreiche Konstellation: Das Listing als »Ausdruck« des Autor-Computers, der Mensch als dessen »Interpreter« und sein Computer als ausführende Maschine. Der Mensch findet sich im Zeitalter des Abtipplistings so deutlich wie nie wieder danach zwischen Papier und Maschine wieder. Wie diese Positionierung geschichtlich, technisch und theoretisch bestimmt ist, soll der folgende Text behandeln.

Papiermaschinen

Die Anfangsjahre des Mikrocomputers waren von kulturellen Praktiken begleitet, deren Auswirkungen heute zwar nicht mehr direkt erfahrbar sind, als Echo jedoch in der Verwendungsweise moderner Computersysteme widerhallen. Eine dieser Praktiken betrifft den Zusammenhang von Computern, Papier und dem Menschen. Alle drei treffen bekanntlich bereits als Idee in Alan Turings »Papiermaschine« (vergleiche den Text von Johannes Maibaum in diesem Heft) aufeinander, in welcher die Rollen etwa so verteilt sind: Der Mensch empfängt Anweisungen, nach denen er Zahlen nach bestimmten Rechenvorschriften auf einen Papierstreifen notieren oder sie wieder davon löschen soll. Die notierten Zahlen dienen als Grundlage für das Weiterrechnen, die Anweisungen bilden das Programm. Mithilfe von Papier, Bleistift, Radiergummi und Mensch entsteht so die Idee einer Maschine, die alle lösbaren mathematischen Probleme bewältigen kann. Diese Papier- oder Turing-Maschine ist noch vor dem Bau des ersten Digitalcomputers sein Idealtypus.

Im Folgenden soll es zunächst jedoch um eine andere Beziehung zwischen Mensch, Papier und Computer gehen – um später noch einmal auf Turings Ideenmaschine zurückzukommen: die Geschichten des Papiers und des Druckens im Zusammenhang mit dem Computer, was sie miteinander zu tun haben und wie sie den Menschen, der – wie oben beschrieben – zwischen ihnen ist, definieren. Dazu stelle ich zuerst noch einmal eine andere historische Papiermaschine vor.

Im Jahre 1890 benutzt Hermann Hollerith die Lochkarten der Jacquard’schen Webstühle als Datenträger in seinen Rechen- und Tabelliermaschinen. Seit dem ist Papier auch ein wichtiger realer Bestandteil der Computertechnologie. Seinen materiellen Niederschlag hat es neben besagten Lochkarten und späteren Lochstreifen vor allem in Papierausdrucken gefunden, um die es hier ja zentral und mit besonderem Blick auf Computerspiele gehen soll. Denn neben den ernsten hat Papier als Computermedium auch zahlreiche spielerische Verwendungsweisen erfahren. Dazu zählen sowohl fern- als auch naheliegende, etwa: Papier als Grundlage für selbstgezeichnete Karten von Spiellabyrinthen (siehe Seite 33); als rechenschieberartiges Kryptografiewerkzeug für Kopierschutzabfragen und sogar als Darstellungsmedium für Spielverläufe – wie etwa im Spiel »Receipt Racer«.

Drucker

Der Drucker, der das Papier in »Receipt Racer« mit der Fahrbahn bedruckt, ist ein gewöhnlicher Quittungsdrucker, dessen Geschwindigkeit und Geräuscharmut auf seiner Thermodruck-Technologie basiert. Was gedruckt werden kann, welche Geräusche dabei entstehen und wie der Ausdruck nachher aussieht, hängt ganz wesentlich von dem verwendeten Druckertyp ab. Zunächst waren Drucker elektronisch ansteuerbare Schreibmaschinen, die in den 1950er-Jahren Anschluss an die Computer gefunden haben. Für den Büromaschinenhersteller IBM lag wortwörtlich nichts näher, als seine Computer mit den Schreibmaschinen aus eigener Produktion zu verbinden. Computermonitore sind zwar seit den 1950er-Jahren und dem berüchtigten SAGE-Rechner Whirlwind bekannt, der Monitor bleibt aber dennoch bis Mitte der 1970er-Jahre das Ausnahmemedium für die Darstellung von Computerdaten. Es sind vor allem die Schreibmaschinen und Telexschreiber, die für die Einund -ausgaben von Daten verwendet werden, was die Interaktion von Mensch und Computer nachhaltig prägt. Nick Montfort weist in einem Text mit dem Titel »Endlospapier« auf die Konsequenzen für frühe interaktive Programme hin: »Frühe Interaktionen mit Computern fanden zumeist auf Papier statt: auf Lochstreifen, Lochkarten und auf Schreibmaschinenterminals und Telexschreibern mit ihrem aufgerollten Endlospapier für die Ein- und Ausgabe der Daten. Schaut man zurück in die Frühgeschichte der ›neuen Medien‹ und untersucht die Rolle des Papiers (im doppelten Wortsinn), stellen sich die meisten Annahmen über Datenausgaben auf Monitoren als falsch heraus und man versteht welche Materialität Computertexte eigentlich besaßen.« Und weil diese »materialistische Sichtweise« eben nicht nur auf das Papier, sondern auch auf die Arbeit mit dem Computer und dem Papier bezogen ist, lohnt es sich Montfort zufolge, dem Papier und dem Drucker einmal mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Die frühen Schreibmaschinen und Telexschreiber arbeiten mit so genannten Typen: fest verbauten Zeichensätzen, die nach dem Prinzip des Drucks mit diskreten, beweglichen Lettern Text in Buchstaben zerlegen und diese Buchstaben wie eine Art Stempel durch ein Farbband aus Kohle oder Textil auf das Papier drücken. Eine besondere Ästhetik zeigen diese Ausdrucke selten – sieht man einmal von der Ausnahme ab, dass die meisten Computerausdrucke in GROSSBUCHSTABEN erfolgten, um den wertvollen Speicherplatz nicht mit einem zusätzlichen kleinen Alphabet zu verschwenden. In Filmen oder Romanen erkennt man Computertexte bis heute daran, dass sie nur Großbuchstaben nutzen. Der Leser oder Zuschauer benötigt meist gar keinen weiteren Hinweis mehr, dass der gezeigte Text aus einer Maschine stammt.

Um 1970 wurden die Computer mehrheitlich grafikfähig und für die Präsentation ihrer Daten genügten deshalb alphanummerische Codes nicht mehr. Zugleich wurde aber trotzdem noch meistens Text ausgegeben, weswegen die Schreibmaschinen nicht einfach durch gra sche Plotter ausgetauscht werden konnten. Es bedurfte also einer Technologie, die beide Datentypen gut zu Papier bringen konnte. Die Firma DEC erfüllte diesen Wunsch mit einem gänzlich neuen Druckertyp. Dieser so genannte Matrix- oder Nadeldrucker konnte gleichermaßen zeichnen und schreiben, weil er dem Computer und seinem Binärcode viel näher stand als alle Typen-basierten Drucker. Der Nadeldrucker generiert seine Zeichen als Matrix aus 5 horizontalen und 7 vertikalen Punkten. Jede der 7 (später wurden es 8, 16 oder 24) übereinander angeordneten Nadeln wird über eine parallele Datenleitung einzeln angesteuert. Das gedruckte Zeichen entsteht also durch die Übertragung eines zuvor im Computer in seine Bits aufgelösten Zeichens. Der Nadeldrucker liefert einen zwar schnelleren und günstigeren Ausdruck, jedoch zu Lasten der Schriftschönheit. Keine Serifen leiten das Auge von Zeichen zu Zeichen – vielmehr muss das Gehirn die Einzelpunkte zu Zahlen und Buchstaben zusammenfügen. Dass eine derartig »schlechte Lesbarkeit«, wie es im Eingangszitat heißt, einen durchaus positiven Nutzen besitzt, soll später noch thematisiert werden.

Mit seiner Technologie steht der Nadeldrucker also eher in der Tradition der Lochkarten und Lochstreifen, die ebenfalls bitweise kodifizierte Zeichen auf bzw. durch das Papier stanzten. Und wie bei diesen machte die Vielfalt der Computertypen auch beim Drucker bald eine Standardisierung erforderlich, nach der die – ohnehin schon 7 oder 8 Bit breiten ASCII-Zeichen – vom Rechner auf den Drucker übertragen werden konnten. Diesen Standard definierte ebenfalls im Jahre 1970 die Firma Centronics mit ihrem Matrixdrucker »Centronics 101«. Er verfügte über eine 18-Pin-Parallelschnittstelle, mit der Daten vom Computer zum Drucker aber auch vom Drucker zum Computer übertragen werden konnten. Die Rückleitungen waren eigentlich für Steuersignale (»Ich habe kein Papier mehr!«) reserviert, wurden jedoch, nachdem zahlreiche Computer mit einer »Centronics-Schnittstelle« ausgestattet waren, auch für andere Datentransporte benutzt.

Zwar wurden die Zeichen von einzelnen Druckernadeln generiert; das bedeutet aber nicht, dass der Nutzer direkten Zugriff auf sie besaß. »dot adressablility« ähnlich der Einzelpixeladressierung auf Monitoren wurde, erst dann möglich, wenn man sich den Druckern maschinennah programmierend näherte, also den den Drucker verwaltenden I/O-Baustein bitweise mit Sendedaten belieferte. Drucker, die auf Einzelnadel-Adressierung umschalten konnten, waren angesichts des Matrix-Systems allerdings derartig naheliegend, dass bis Ende der 1970er-Jahre kein Hersteller mehr auf dieses Feature (das oft durch so genannte »Escape-Sequenzen« sogar von BASIC aus aufgerufen werden konnte) verzichtete. Der Siegeszug des Druckers – also dessen Preisverfall bis hin zur Heimanwendertauglichkeit – setzte mit Epsons Modell MX-80 im Jahre 1979 ein. Zwar war dieser Drucker auch noch nicht »dot adressable«, konnte jedoch durch einen von Epson angebotenen Ersatz-ROM-Chip in diesen Zustand versetzt werden.

Papier

Die heute allgegenwärtige Paginierung von selbst virtuellen Dokumenten auf DIN- oder Letter-Formate ist weniger ein Resultat der Schreibmaschinen- oder Druckertechnologie als vielleicht der Postgeschichte und ihrer Briefformate. Drucker können, wie Schreibmaschinen, wenn auch nicht beliebig breites, so doch im Prinzip beliebig langes Papier verarbeiten. Die Seitenbreite korrespondiert im Zeitalter der WYSIWYG-Philosophie bei Druckern häufig mit der maximalen Zeichenanzahl auf dem Monitor. Im Homecomputerzeitalter waren dies 40 Zeichen für Privatanwender und in professionellen Kontexten 80 Zeichen (diese konnte schon der erste DEC-Nadeldrucker in einer Zeile unterbringen). Alle schmaleren Formate verhinderten gute Lesbarkeit, alle breiteren weckten eher den Eindruck des Ornaments.

In der Länge des Papiers zeigt sich wiederum das Erbe der Turingmaschine: Endlospapier braucht der Computer um all das ausdrucken zu können, was er prinzipiell ausdrucken kann – also alles Berechenbare. Dieses Endlospapier kommt in verschiedenen Formaten daher – gemein ist jedoch allen, dass das zu bedruckende Papierband arretiert werden muss, damit der Ausdruck gelingt. Deshalb sind Endlospapiere mit seitlichen Perforationslöchern versehen, die es dem Drucker erlauben, den Papiertransport schrittweise, aber immerhin in zwei Richtungen zu kontrollieren. Die oben angesprochene Nadeladressierung, die die Pixelgrafikfähigkeit des Matrixdruckers ermöglicht, wird durch die Perforation unterstützt: Nadeldrucker zeichnen damit – wie Monitore – ihr Bild in Zeilen aufgelöst auf das Papier. Der Druckkopf ist für die X-Ausrichtung, die perforationsgesteuerte Walzenbewegung für die Y-Ausrichtung zuständig. Die Stachelwalze des Druckers verhilft dem Computer daneben jedoch auch zu größerer Autonomie: Im Bewusstsein, dass beim Ausdruck alles seinen (geraden) Gang geht, können Computer und Drucker nun endlich ohne menschliche Aufsicht ihre Datenkolonnen zu Papier bringen.

Ausdruck

Anders als bei Datenschriften in elektronischen Lang- oder Kurzzeitspeichern ist alles, was auf Papier gedruckt wird, nicht für die Maschine, sondern für den lesenden Menschen gedacht. Das waren zuallererst Datenausdrucke wie etwa Rechen- und alle möglichen anderen Programmergebnisse, welche in Form und Zeichenart vom alphanumerischen Zeichen bis hin zum gra schen Ikon und Diagramm reichten. Eine der wichtigsten Textsorten, mit denen ein Drucker betraut war, war allerdings das Programmlisting. Seine symbolische Darstellung versorgt den im Computer unsichtbar präsenten Code mit einem sichtbaren und im Fall des Ausdrucks sogar materiellen Zeichen. Und diese Materialisierung dient ausschließlich dem Menschen: In der bereits angesprochenen Ermangelung von Sichtgeräten konnten gerade große Programme nämlich oft nur dann gewartet werden, wenn man ihren Ausdruck zum Prüfen vorliegen hatte. Darin mag auch der Existenzgrund des Endlospapiers liegen, denn was der Computer in seinem Programmcode zu sagen hat, überschreitet die Grenzen von DIN-genormtem Papier: Solche Listings konnten je nach Programmumfang zighunderte oder gar tausende Seiten lang sein – oder eben nur eine lange Endlospapier-Seite lang.

Dass selbst die längsten dieser Ausdrucke immer noch für das menschliche Auge gedacht waren, zeigt sich am Papier: Endlospapier kennt man heute zumeist als Tabellierpapier. Ein Name, der schon auf die Herkunft des Druckers aus der Hollerith’schen Tabelliermaschine verweist: Auch seine Lochkarten waren in nummerierte Spalten und Zeilen unterteilt, um die manuelle Lochung und ihr visuelles Wiederau nden zu erleichtern. Ebenso ist Tabellierpapier grob liniert – zumeist mit grünen Horizontalstreifen –, und am Rand mit Zeilennummern versehen, um das Auffinden und Unterscheiden der Programmzeilen für das menschliche Auge zu erleichtern. Der visuelle Flow eines Computerprogramms wird durch diese Tabellierung weit weniger gestört als durch sein Ausdrucken auf Einzelpapier.

Das reicht allerdings häufig noch nicht für den abtippenden oder fehlersuchenden Leser. Der Sourcecode selbst wird deshalb zusätzlich schon oft beim Programmieren arrangiert, indem Kontrollstrukturen und Subroutinen durch Einrückungen markiert, Programmmodule durch Leerzeilen und grafische Elemente (Linien etc.) voneinander abgesetzt werden; bedeutungsähnliche Elemente (Adressen, Anweisungen, Daten, Kommentare) werden durch Tabulatoren untereinander angeordnet usw. Diese Verfahren ändern nichts am Ausführungsverhalten des Programms selbst, sie dienen ausschließlich der Lesbarkeit des Codes. Anders verhält es sich bei der Programmiersprache BASIC. Diese musste in ihren Anfangstagen ebenfalls noch ohne Monitordarstellung auskommen; sowohl die Ein- als auch alle Ausgaben erfolgten auf den Telexmaschinen. »Datenübertragung« fand in Form von weitergereichten Papierausdrucken statt, wie Montfort schreibt: »In den ersten Jahren der Programmiersprache zirkulierten BASIC-Programme als Tinte auf Papier«, was uns in eine komfortable Softwareüberlieferungssituation versetzt: »Die Ausdrucke, die uns heute geblieben sind, ermöglichen uns Einblicke in die Programmierpraxis damaliger BASIC-Programmierer und die »Geschichte« von BASIC zeigt sich heute noch an ihrem PRINT-Befehl, auch wenn dieser schon bald für »Ausdrucke auf dem Monitor« genutzt wurde.

Im Gegensatz zu modernen Compiler-Programmiersprachen, die alle oben genannten Strukturierungsmöglichkeiten bereits oft in ihren Editoren mitbringen, besitzt das interpretierte BASIC zumeist nur eine davon – nämlich seine Zeilennummerierung. Diese ist ganz im Sinne der Erfinder für eben diesen Zweck angelegt (bringt allerdings den Nebene ekt mit sich, dass die Zeilennummern auch als Sprungziele für GOTO- und GOSUB-Anweisungen genutzt werden können). Viele andere Gestaltungsmöglichkeiten von BASIC dienen eher der Speichereffizienz und sind der Lesbarkeit des Codes abträglich: Mehrbefehlszeilen, Programmzeilen, die sich über mehrere Bildschirmzeilen erstrecken und insbesondere die optionalen Leerzeichen machen ein speichereffizient geschriebenes BASIC-Programm für den Menschen schwer bis unmöglich lesbar.

Abdruck

Nach dieser zugegeben umfangreichen Vorrede über die medialen und historischen Bedingungen des Programmausdrucks sollen die Fäden an dieser Stelle in Richtung Computerspiel zusammengeführt werden: Mit der Privatisierung der Rechentechnik entstehen neben leicht erlernbaren Programmiersprachen-Dialekten, günstigen Ausdrucksmöglichkeiten und endlich verfügbaren Bildschirmsichtgeräten schon beinahe zwangsläufig ein neues Zeitschriftengenre und eine neue Textsorte. 1974 gründet der Schriftsteller David H. Ahl die Zeitschrift »Creative Computing«, nachdem er im Jahr zuvor einen immensen Erfolg mit seinem Buch »BASIC Computer Games« verzeichnet hatte. Das Buch enthielt 101 Programmlistings, die Ahl für DEC-Minicomputer in deren BASICs geschrieben und gesammelt hatte. Die Programme waren überaus leicht auf andere, vor allem auf die damals gerade entstehenden Microcomputersysteme portierbar, was die Popularisierung des Mikrocomputers als Spielmaschine noch beschleunigte. BASIC-Listings regelmäßig an den Leser, das heißt Abtipper, das heißt Spieler zu bringen, war für Ahl damit die lukrative Gründungsidee der Zeitschrift »Creative Computing«.

In der Folge von »Creative Computing« entstanden unzählige Zeitschriften auf allen internationalen Märkten, die die Idee übernahmen. Das BASIC-Listing wurde zum festen Bestandteil von Hobby- und professionellen Computerpublikationen der 1970er-und1980er-Jahre.Schaut man in diese Zeitschriften und Bücher, so stellt man schon sehr früh einen markanten Unterschied zwischen den Beiträgen der Autoren und den Beiträgen ihrer Computer (den Listings) fest. Während erstere zumeist in gewohntem Satzstil (mehrspaltige Texte im Blocksatz aus proportionalen Serifenschriften) stehen, bringen Listings ihre ganz eigene Ästhetik mit: oft grau hinterlegter Flattersatz mit deutlichem Nadeldruckerschriftbild.

Diese schlechte Lesbarkeit war weniger einem drucktechnischen Mangel geschuldet als dass mit ihr ein Signal gesetzt werden sollte: »Achtung, Leser, es folgt eine gänzlich andere, eine operative Textsorte, die nicht du, sondern dein Computer verstehen soll, in welchen du sie lediglich übertragen sollst!« Verleitet die Schriftästhetik der Artikel zum schnellen, überfliegenden Lesen, so stoppt die Sperrigkeit der Listings diesen Lesefluss mit einem wichtigen Grund: Von nun an muss langsam und genau gelesen werden, denn diese Texte sind nicht nur für menschliche Augen, sondern auch für seine Finger gedruckt worden: Listings sollen abgetippt werden – kopiert vom Papier in den Computer. Wo dieser Kopiervorgang nicht automatisch ablaufen oder umgangen werden kann, muss der Mensch zum Kopisten werden und gleichermaßen stur und gedankenlos Zeichen für Zeichen übertragen. Damit einher ging auch eine Aufforderung an die BASIC-Programmierer: ihre Programme schon beim Programmieren so zu gestalten, dass sie von Menschen gelesen werden konnten. Bücher, wie John M. Nevisons 1978 erschienenes »The Little Book of BASIC Style: How to write a Program You Can Read« oder das 1983 im deutschen Schulbuchverlag Klett publizierte »Strukturiertes Programmieren mit BASIC« von Rüdiger Baumann gingen deshalb davon aus, »dass Programme menschliche Leser haben und mit Rücksicht auf diese geschrieben werden sollten.«

Dass der menschliche Leser in diese Situation versetzt, dann aber doch nicht bloßer Abtipper ist, lässt sich leicht feststellen, wenn man einmal selbst ein solches Listing vom Papier in den Rechner überträgt. Bereits die Tatsache, dass von so vielen Sturkturierungsmöglichkeiten, wie die Programmiersprache sie anbietet, Gebrauch gemacht wird, ist ein Zugeständnis an das zumindest rudimentäre Verstehen des Lesers: In Zeitschriften-BASIC-Listings finden sich neben den obligatorischen Zeilennummern immer die für den Computer fakultativen, für den Leser aber wichtigen Leerzeichen zwischen Befehlen und Zuschreibungen, möglichst wenige Befehle pro Druckzeile und damit kurze Zeilen, die sich visuell besser erfassen lassen. Im Gegensatz zum RAM-Speicher muss bei BASIC-Listings an Papierspeicher selten gespart werden. Beim Abtippen setzen zudem unwillkürlich rudimentäre Verstehensprozesse ein, die (Ab)Tipp-Fehler minimieren helfen: Man weiß, welchen Variablennamen man schon einmal begegnet ist, man kennt die Zahlenräume, in denen sich die DATA-Werte bisher aufgehalten haben und über die Kenntnis der BASIC-Syntax findet man Druckfehler intuitiv.

Hier zeigt sich also ein Perspektivwechsel sowohl auf den Vorgang als auch auf die Medien und die ihnen zugrunde liegenden Techniken. Wird der Drucker vom Computer als bloßes output device behandelt, so ist seine Funktion im hier geschilderten Zusammenhang eher die eines Schreib-Lese-Speichers. Auf Papier wird Software gesichert und transportfähig gemacht – in einem Format, das das Abrufen dieser Software durch den Menschen erleichtert: als strukturiertes Abtipp-Listing. Der Mensch selbst besetzt dabei die mediale Grenz äche zwischen Papier und Computer. Sein Blick wandert lesend zwischen Ausdruck, Tastatur und Monitor hin- und her, während seine Finger tippend schreiben. Mental ergänzt er dabei seine erste Pflicht, nämlich das Programm fehlerfrei zu übertragen, durch eine zweite, unausgesprochene Pflicht: das Programm beim Übertragen gedanklich vorzuvollziehen.

Alles, was er dafür benötigt, ist die durch die Listing-Struktur vorgegebene Eingabeprozedur, eine alphanummerische Tastatur mit Löschtaste und seinen Verstand, der den Input sukzessive prüft. In der kurzen Epoche des Heimcomputers und seiner Zeitschriften hat Turings Idee der Papiermaschine ihre ungefähre, reale Entsprechung in exakt dieser Praxis gefunden. Danach wurde der Mensch aus seiner Verbindung mit Papier und Computer befreit: »Unter Stichworten wie Benutzeroberfläche, Anwenderfreundlichkeit oder auch Datenschutz hat die Industrie den Menschen mittlerweile dazu verdammt, Mensch zu bleiben. Mögliche Mutationen dieses Menschen zur Papiermaschine sind mit vielfacher Tücke versperrt«, schreibt Friedrich Kittler über die Post-8-Bit-Ära. In ihr wurden Programme als von niemandem mehr zu lesende Texte auf elektronischen Datenspeichern und im Internet distributiert und als »App« auf Maschinen zum Laufen gebracht, die nicht mehr vom Nutzer selbst programmiert werden mussten.

* zuerst erschienen in: Retro Nr. 27 (Frühling 2012), S. 12-18.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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