Anfassen ausdrücklich erlaubt

Der RetroGames e.V. in Karlsruhe*

Versteckt im Karlsruher Gewerbegebiet befindet sich die Videospiele-Sammlung des Vereins RetroGames e.V. Das Besondere an dieser Sammlung ist, dass sie für den Besucher nutzbar ist. Über 60 original Spielhallen-Automaten, Flipper und Computerspiele werden so regelmäßig interessierten Spielern aller Altersklassen zur Verfügung gestellt. Die historische Information kommt dabei nicht zu kurz. An jedem Automaten ist eine Infotafel über die Geschichte des jeweiligen Gerätes und Spiels angebracht. Stefan Höltgen sprach mit Mario Berluti, einem Vorstandsmitglied von RetroGames e. V., über das Projekt, seine Geschichte und die zukünftigen Pläne.

Wann und wie ist die Idee für RetroGames e. V. entstanden?
Die Grundidee entstand 2002 unter ein paar Jungs, die einfach mal wieder die alten Arcade-Klassiker spielen wollten. Die Spielhallen zu der Zeit boten aber leider nur noch Geldspieler, einarmige Banditen, oder sonstige Groschengräber. Deshalb machte man sich auf die Suche nach einer noch verbliebenen Spielhalle nach altem Vorbild. Man wurde dann bei einem Spielhallenbetreiber fündig, der nicht nur das geschäftliche im Sinn hatte, sondern auch noch eine gewisse Zuneigung zu den alten Geräten besaß und diese deshalb noch nicht entsorgt hatte.

Und der hat euch seine Sammlung dann überantwortet?
Zuerst waren zwei, drei Geräte im Gespräch gegen »harte Bezahlung«. Nachdem aber klar wurde, dass wir mehr vor hatten und eigentlich auch an allen Automaten interessiert wären, wurde uns der Vorschlag gemacht, die Lagerhalle komplett zu räumen, den Schrott auf unsere Kosten zu entsorgen und als Gegenleistung alles andere behalten zu dürfen. So kam man auf einen Schlag zu einer zweistelligen Anzahl Automaten, aber auch gleichzeitig zu sehr viel Arbeit. Räume wurden gesucht und wir wurden im Kulturhaus Gotec in Karlsruhe fündig. In der Zwischenzeit sind wir innerhalb des Gotecs schon mal umgezogen und haben auch Räume dazu gemietet, so dass wir jetzt auf ca. 250 Quadratmeter Ausstellungs- und Lagerfläche kommen.

Wer ist denn »wir«? Woher kommen die Mitarbeiter eures Vereins?
Unsere Mitglieder kommen zu wohl 50 Prozent aus der IT-Branche. Sicher kein Zufall, da gerade in den 1980er Jahren das Interesse für Videospiele auch immer etwas mit dem Interesse an Homecomputern zu tun hatte, wobei jedes Mitglied doch eine eigene Motivation hat. Der eine ist einfach Spieler, der andere Sammler, der nächste eher ein Schrauber und alle zusammen ergeben unseren Verein. Zur Zeit sind wir knapp über 40 Mitglieder und würden uns freuen, noch mehr bei uns begrüßen zu dürfen. Wir finanzieren uns nämlich in erster Linie aus unseren Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Deshalb können wir einfach nicht genug Mitglieder haben. Aktiv am Vereinsleben und der Gestaltung unseres Museums beteiligen sich etwa zehn Mitglieder. Also nicht immer eine einfache Aufgabe.

Welche Art von Videospielen sammelt ihr?
Unser Sammlungsschwerpunkt liegt heute eindeutig auf den Arcade-Automaten. Da wir uns aber »Verein zur Pflege und Erhaltung der Videospielkultur« nennen, möchten wir über kurz oder lang das gesamte Spektrum der Videospielgeschichte abdecken, zu der natürlich auch Konsolen und Homecomputer zählen. Unsere Ausstellung umfasst zur Zeit knapp 60 Exponate, wobei der größte Teil Arcade-Automaten sind, darunter befinden sich sieben Flipper und ein paar Konsolen. Im Lager haben wir noch ungefähr die gleiche Anzahl an Automaten und sehr viele Konsolen und Homecomputer.

Da steckt bestimmt auch eine Menge Detektivarbeit dahinter, solch eine Sammlung zusammenzutragen.
Ein Großteil unserer Sammlung haben wir ja durch die Lagerräumung im Gründungsjahr unseres Vereins bekommen. Andere Ausstellungsstücke wurden uns gespendet, beziehungsweise haben wir aus ganz Deutschland gekauft. Einige Automaten sind sogar in Privatbesitz und haben bei uns den Vorteil, kostenlos gelagert und regelmäßig gewartet zu werden. Gerade die Beschaffung von Automaten ist ein nicht unerheblicher Aufwand. Kann man doch einen Automaten nicht einfach per Post verschicken. Neben dem großen logistischen Aufwand entstehen selbst bei einem gespendeten Automaten noch hohe Kosten für Transport und Reparatur. Von der ganzen Zeit, die solch eine Aktion mit sich bringt, möchte ich erst gar nicht reden.

Kümmert ihr euch selbst um Restauration und Instandhaltung?
Ja, es handelt sich ja in erster Linie um Geräte, die gut 30 bis 40 Jahre alt sind. Klar, dass da viel kaputt gehen kann. Zum Glück haben wir einige fähige Mitglieder, die mit sehr viel Talent und Geschick fast alles wieder zum laufen bekommen. In unserer Ausstellung ist ja »Anfassen ausdrücklich erlaubt«. Wir sind also kein Museum, in dem die Exponate nur hinter einer Vitrine betrachtet werden können, sondern bei uns kann jeder Automat, jede Konsole, oder Homecomputer auch gespielt und benutzt werden. Das bedeutet natürlich aber auch einen erheblich größeren Wartungsaufwand. Wir sind aber der Meinung, dass gerade das Thema Videospiele nur in dieser Form richtig erlebt werden kann. Ich denke, gerade das macht uns zu einem einzigartigen Museum in Deutschland. Und um Missverständnisse vorzubeugen, wir sind keine Spielhalle. Denn bei uns steht jeder Automat auf Freeplay. Das heißt, er funktioniert, ohne dass man dafür bezahlen muss.

Was sind eure wertvollsten Stücke?
Wertvoll ist immer relativ. Sicher sind zum Beispiel unsere Flipper wertvolle Stücke, da der aktuelle Marktwert eines beliebten Flippers bei rund 2000 bis 3000 Euro liegt. Aber gerade bei den Automaten haben wir einige Exoten, bei denen man den Marktwert nicht so einfach beziffern kann, die aber durch ihre Stückzahl und dem geschichtlichen Hintergrund sehr wertvoll sind. Darunter sind natürlich viele Automaten des Herstellers Atari, der die Arcade-Geschichte sehr stark geprägt hat. Ich nenne da als Beispiel einfach mal einen »Gran Track 10«, »Gotcha«, »Asteroids«, oder »Missile Command«. Darunter fallen natürlich auch alle Klassiker der sogenannten Goldenen Ära der Videospiele, aus denen unsere Ausstellung zum größten Teil besteht. Dort seien als Beispiel ein »Donkey Kong«, »Pac-Man«, »Space Invaders«, »Frogger«, »Galaxian«, oder »Pole Position« genannt. Jüngere Automaten, wie zum Beispiel ein »OutRun«, »Marble Madness«, »Space Harrier«, »Mortal Kombat«, oder »House of the Dead« sollten auch nicht unerwähnt bleiben.

… und das Exotischste, das bei euch steht?
Ganz besonders stolz sind wir sicherlich auf Geräte, wie zum Beispiel den »Speedway«, einem mechanischen Automaten aus dem Jahre 1969, mit hintergrundbeleuchteten, bemalten Scheiben, die ein Autorennen simulieren. Oder dem einzigen in der DDR jemals hergestellten Arcade-Automaten, dem »Poly Play«, von dem nur noch eine Handvoll Geräte weltweit existiert. Wir haben davon allein zwei. Natürlich stehen auch Automaten im Fokus, die allein vom Thema her für Fans sehr interessant und beliebt sind, wie ein »Star Wars« oder »Tron«.

Wie wird eure »Spielhalle« in Karlsruhe angenommen?
Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben ja Dienstag und Samstag Abend geöffnet. Unter der Woche kommen leider noch immer nur vereinzelt Besucher. Samstags kann es bei uns aber schon voller werden. Da starten wir immer mit unserer Freeplay-Party mit 80er-Jahre-Musik bis in den Morgen. Bei uns finden aber auch Privat-Events statt und manchmal ist eine Schul- oder Studentengruppe zu Gast. Das Publikum selbst ist sehr gemischt. Also von 20 bis 50 Jahre. Und was wir immer wieder zu hören bekommen, ist »Wir wussten gar nicht, dass so etwas tolles in Karlsruhe ist«. Wir sind also selbst in Karlsruhe noch nicht richtig angekommen. Darum freuen wir uns immer über gute Werbung für unseren Verein.

Was spielen die Besucher am liebsten?
Die beliebtesten Automaten sind eigentlich fast alle. Komischerweise steuern aber die meisten Besucher immer sofort auf »House of the Dead« zu – egal wie alt und egal ob Mann oder Frau – für mich auch nicht immer begreiflich. Vielleicht, weil jeder sofort weiß, wie der Automat funktioniert und Zombies gerade wieder aktuell sind. Aber unser Multiplayer-Fahrautomat »Outrunners« ist auch immer besetzt. Klar, »Tetris«, »Puzzle Bobble« und ähnliche Spiele mit Suchtpotential natürlich auch. Und Frauen spielen am liebsten am »Pac-Mac«, »Frogger«, »Centipede«, oder dem »Dig Dug«.

Was habt ihr für die Zukunft geplant? Ich durfte ja schon mal einen Blick ins Hinterzimmer werfen …
Ja, wir haben noch so viel vor. Aber bei einer Handvoll aktiver Mitglieder geht natürlich alles nur step-by-step. Dieses Jahr planen wir unsere Ausstellung komplett umzuräumen und dann vielleicht einen mehr musealen Charakter zu bekommen. Dazu müssen wir aber den Automaten mehr Platz einräumen, den wir auch erst schaffen müssen. In diesem Zusammenhang würde ich auch gerne dazu aufrufen, uns zu helfen. Wer einen passenden Ort kennt, der sollte sich bitte bei uns melden. Und wer Automaten für uns hat sowieso. Leider erfahren wir keine Unterstützung von öffentlichen Stellen, wie Stadt oder Land, was natürlich auch sehr schade ist. Ist doch unser Hobby mit erheblichen laufenden Kosten verbunden.
Trotzdem wollen wir weitermachen und haben uns dieses Jahr vorgenommen, unseren Konsolen und Homecomputer-Bereich auszubauen. Damit versuchen wir uns auch der neuen Generation von Spielern zu nähern, die ja nicht wie wir mit Arcade-Automaten, sondern mit Konsolen und Computern, aufgewachsen sind. Dann kann jeder an fast allen Konsolen der Videospielgeschichte und an vielen Homecomputern bei uns seine Kindheitserinnerungen wieder wach werden lassen.

* zuerst erschienen in Retro Nr. 19 (Frühling 2011), S. 18-21.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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