Neuer Hecht im Karpfenteich

Letzte Woche habe ich einen hochinteressanten Neuzugang in meiner Computersammlung zu verzeichnen gehabt: Einen „Enterprise 128k“, der in Deutschland als „Mephisto PHC 128“ ab 1984 kurzzeitig auf dem Markt war. Mir war der Computer damals bereits im Quelle-Katalog aufgefallen – und insbesondere die Tatsache, dass das Gerät über einen eingebauten Joystick verfügt, hat ihn damals wie heute sehr interessant für mich erscheinen lassen.

Ich habe offenbar ein merkwürdiges Hybrid erstanden: ein Gerät mit der Betitelung „Enterprise One Two Eight“ (also offenbar aus dem englischen Sprachraum), jedoch mit sowohl deutscher Tastatur als auch vollständig deutschsprachiger Software im ROM. Zu dieser Software gehört neben dem Betriebssystem EXOS (PDF) ein BASIC-Dialekt mit dem Namen „IS-BASIC“ (PDF), das auf einem mitgelieferten ROM-Steckmodul befindet (und bei dem selbst die Fehlerausgaben auf Deutsch sind), weswegen es keinen Speicherplatz im RAM verbraucht, sowie eine implementierte deutschsprachige Textverarbeitung mit dem Namen „Enterprise-Textbearbeitung“, die mir auf den ersten Blick recht komfortabel erscheint. Der Joystick ist kurz und robust – offenbar mit Folienkontakten. Mit ihm kann man Spiele steuern aber auch den Cursor im Textverarbeitungsmodus und in BASIC. Für „Decathlon“ würde ich ihn jedoch lieber nicht verwenden.

Nicht so komfortabel ist die nicht-entprellte Plastik-Tastatur, die über die Jahre hinweg eine Neigung zum Verklemmen entwickelt hat (da muss ich wohl noch mal reinigen). Die kunterbunten Tasten erinnern etwas an den Amstrad CPC 464, nehmen aber auch die Farbenfreude der Grafikmöglichkeiten bereits vorweg. Auch, dass das Gerät keinen Einschalter besitzt, erinnert etwas ungut an den ZX81. (Für den Enterprise gibt es übrigens einen Spectrum-Emulator!) Dafür gibt es einen dicken, roten Reset-Taster an der Rückseite. Interessant sind die 8 (mit Shift 16) programmierbaren Funktionstasten, die schon über Werksbelegungen für das Textverarbeitungsprogramm und für BASIC verfügen. Über den Funktionstasten ist eine durch eine durchsichtige Klappe geschützte Beschriftungsleiste, unter die man seine F-Key-Definitionen stecken kann. Darüber hinaus versetzt mich die Hardware allerdings in Staunen.

Im Inneren tickt ein Z80A mit rund 4 MHz. Die eingebauten 128 KB RAM lassen sich von BASIC aus offenbar vollständig ansteuern. Wie das funktioniert, kann ich im Moment nur ahnen: offenbar liefert das EXOS im Hintergrund eine Art Bankswitching. Der BASIC-Dialekt selbst ist sehr mächtig und erinnert an das QL-BASIC des Sinclair QL oder das Locomotive-BASIC des Schneider:

Man findet Elemente von Pascal und Logo wieder, aber auch typische Basic-Befehle sehen bei dieser Basic-Version etwas ungewohnt aus. Interessant ist, daß theoretisch bis zu 128 Programme gleichzeitig im Speicher Platz haben. Zwischen den Programmen kann man sogar Parameter übergeben. In der Grundversion allerdings ist bereits nach wenigen Programmen Schluß, da der Speicher dafür nicht ausreicht. Man müßte auf die vorgesehenen Speichererweiterungen zurückgreifen, die sogar bis zu knapp 4 MByte Speicherbereich umfassen. Um die Kontrolle über alle im Speicher befindlichen Programme zu behalten, bedient man sich der »INFO«-Funktion. (Quelle: Happy Computer, 06/1985)

Es sind neben strukturierenden Funktionen eine große Anzahl an Grafik- und Sound-Befehlen vorhanden, die die eigens für den Computer konstruierten Chips „DAVE“ (Sound) und „NICK“ (Grafik) ansprechen. Die Grafikmöglichkeiten übersteigen diejenigen der damals erhältlichen Heimcomputer bei weitem: bis zu 672×512 Bildpunkte sind interlaced darstellbar. Das erlaubt neben HiRes-Grafik auch die problemlose Darstellung von mehr als 80 (genau: 84) Zeichen pro Zeile.

Die Soundfähigkeiten des Enterprise sind eigentlich nur mit denen des Commodore Amiga zu vergleichen: DAVE verfügt über 4 Ton- und einen Rausch-Generator, die einen Tonumfang von 8 Oktaven in Stereo (!) wiedergeben können. Dieser YouTube-Clip zeigt, was das etwa für Stereo-Sampling-Möglichkeiten (128 KB wollen ja auch irgendwie gefüllt werden) bietet:

Auf der Rückseite des Enterprise befinden sich 5 Platinen-Steckkontakte: Monitor, Printer, 2 weitere Controller und ein Serial/Netz-Anschluss. Netz-Anschluss? Ja, genau, denn das EXOS besitzt Funktionen, die einen LAN-Betrieb des Enterprise in bis zu 32 Geräte umfassenden Netzwerken zulassen. Das ist für einen Computer dieses Baujahres und der Preisklasse absolut einmalig. Ich bin schon sehr gespannt, was sich damit alles anstellen lässt! Weiterhin sind auf der Rückseite noch zwei Remote-Buchsen und zwei 3,5-mm-Klinkenbuchsen für Tonaus- und -eingänge und ich bin mir fast schon sicher, dass die nicht bloß zum Anschluss eines Datenrecorders gedacht sind (Stichwort „Sampling“) – eine Kassette mit Software und Lernprogrammen befindet sich allerdings auch im Lieferumfang. An der linken und rechten Seite sind je ein ROM-Modul-Schacht (links für das BASIC).

Als nächstes teste ich einmal die BASIC- und EXOS-Funktionen. Da der Computer Ende der 80er vor allem als Lizenz-Gerät in Ungarn massenweise produziert und verkauft wurde, gibt es dort auch heute noch eine sehr blühende Szene. Die Handbücher und andere Infos zu bekommen, war also ein Kinderspiel. Auf diesen groben ersten Blick scheint jedoch schon klar zu sein, dass der Enterprise keinesfalls bloß ein Spielcomputer ist (auch wenn man mit der deutschen Bezeichnung der 64k-Variante „Mephisto PHC 64“ wohl solches insinuieren wollte). Die vorhandenen Spiele können sich natürlich (dank NICK und DAVE) trotzdem sehen und hören lassen:

Weitere Infos: Wikipedia, 8-Bit-Nirvana, Z80-Computermuseum, Happy Computer

P.S: Die mitgelieferten 66 Enterprise128k-Aufkleber rufen förmlich zur posthumen Propaganda für den Computer auf! Das Marketing damals hatte einige nette (wie naheliegende) Ideen:

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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