»No one’s blaming you for being human.«

The Spy who came (USA 1969, Ron Wertheim) (DVD)

Pawlow: Pionier der biologischen Programmierung

Im Prinzip gab „The Curious Dr. Humpp“ das Ziel des Roboter-Sexfilms eigentlich bereits vor, als er seine „echten“ Roboter allzu fantastisch als Horrorfilm-Relikte zeichnete und seinen „falschen“ Robotern in Form von „triebgesteuerten“ Frauen und Männern gegenüber stellte. Dieses Ziel, die Lust als eine Art Programmierung des Körpers darzustellen und diesen selbst auf ein bloßes Reproduktionssystem zu reduzieren, scheint eine zentrale Agenda des Roboter-Sexfilms zu sein. „The Spy who came“ von 1969 bestätigt dies einmal mehr in aller Offensichtlichkeit.

»blackmail on a grand scale«

Der Film erzählt vom Polizisten Harry, der es allzu bunt mit allen möglichen Frauen (darunter auch solche, die er eigentlich festnehmen soll) treibt, obwohl er doch verlobt ist. Dieses Treiben beobachtet eine Gruppe von Verbrechern, die für den arabischen Super-Schurken Mohammed arbeiten. Mohammed plant Diplomaten aller Länder dadurch zu erpressen, dass er Frauen auf sie ansetzt, sie durch diese zum Sex verführt und das Ganze filmt, um sie mittels dieses belastenden Materials aus dem Verkehr zu „erpressen“. Harry wurde ebenfalls beim Sex mit solch einer Frau gefilmt und nun erpresst, damit er für Mohammed arbeitet und seinen Verführerinnen Zugang zu den diplomatischen Kreisen verschafft.

How to make it with a doll

Nun wissen aber Harrys Chef und ein Interpol-Polizist allerdings von der Sache und beruhigen ihn: „No one’s blaming you for being human.“ Seine Lust auf fremde Frauen sei zeitgemäß und normal und daher überreden sie Harry, bei Mohammeds Spiel mitzuspielen, um an Informationen zu gelangen, mit denen sie diesem das Handwerk legen können. So begibt sich also Harry in das Versteck Mohammeds und lernt dort die Techniken, mit denen entführte „women with class“ zu Sexslavinnen umprogrammiert werden. Eine maßgebliche Rolle dabei spielt eine lesbische, sado-masochistische Ausbilderin, die einen Computer entwickelt hat, der die Frauen nach dem Vorbild de Sades und Pawlows auf Schmerz und Lust konditioniert. Zusätzlich werden ihnen Drogen verabreicht, die sie willfährig machen sollen. Dann erlernen sie die verschiedenen Verführungstechniken mit Hilfe eines Mann-Dummys und nach Vorlage von Filmmaterial.

watch and repeat

„The Spy who came“ stellt abermals einen Computer ins Zentrum der Roboter-Produktion. Hier wird die Wirkungsweise des Apparates mit den ganz besonderen Schnittstellen zum menschlichen respektive weiblichen Körper folgendermaßen erklärt: „hooked up to a computer which controls secrets of dosis to have specific effects on different parts of the brain“. Es ist also ein dezidiert medizinischer Apparat, der weniger dazu dient, das Gehirn auf Dauerlust „umzuprogrammieren“, als die bereits vorhandenen, verkapselten, körpereigenen Lustreserven zu freizusetzen – und diese sozusagen für eine mikroelektronische Versklavung nutzbar zu machen, die – laut der Aufseherin – sowieso nur das offenlegt, was gesellschaftlich ohnehin geschieht: „There isn’t a life on this planet wich isn’t controlled by another.“

»conditioning unit«

Damit versucht der Film natürlich auch eine Erklärung dafür zu liefern, wie es zur sexuellen Befreiung kommen konnte, bei der Drogen und das Fallenlassen heteronormativer Vorstellungen auch eine wichtige Rolle spielen. Er benennt mit dem immer schon verdächtigen Computer darüber hinaus auch gleichzeitig einen Schuldigen an der ganzen Misere der sexuellen Revolution. Die moralische Dialektik des Sexfilms, das lustvoll zu präsentieren, was Angst macht und verschlossen bleiben soll, wird in „The Spy who came“ auf diese Weise offensichtlich und sogar in der Figur des Interpol-Polizisten personifiziert, wenn dieser die geheimen Sex-Technologien als eine Art Spanner durch Fenster und Mauerritzen fotografiert.

Through a Looking Wall

Meine kleine 60s-Roboter-Sexfilm-Retrospektive ist damit vorbei. Mir hat sich hier eine Entwicklungslinie der Technikdarstellung offenbart, die quasi direkt zum Pornofilm führen musste: Ein Film wie – der mangels Robotern hier doch nicht detailliert vorgestellte – „Electronic Lover“ führt mit seiner Skopophilie-Maschine direkt zu „The Orgy Machine„; „How to make a Doll“ zeigt Roboter-Frauen, wie sie mit ihrer unendlichen, bedrohlichen Potenz kurze Zeit später dann im Porno „Electro Sex ’75“ zu sehen sein werden. Die Grenzen zwischen diesen Filmen werden lediglich durch das Zeigen und Nichtzeigen dessen, was im Genitalbereich beim Sex passiert, gesteckt. Die Quintessenz ist stets dieselbe: Insbesondere wenn Frauen auf Lust umprogrammiert werden, werden sie gefährlich – entweder in ihrer Naivität („The Living Doll“) oder in ihrer Freizügigkeit (wie die „Bikini“-Armeen des Dr. Goldfoot).

the mistress and her slaves

About Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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