Wenn Roboter (wie) Menschen wären

Robots (USA 1995, Chris Wedge) (DVD)

John Cohens kulturhistorisch sehr reichhaltiges, technisch aber etwas naives und streckenweise sogar recht kulturkonservatives Buch „Golem und Roboter. Über künstliche Menschen„, erschienen 1968 im Frankfurter Umschau-Verlag und dessen Reihe „Wege zum Wissen“, reiht neben allerlei mythologische und kunsthistorische Roboter-Geschichten auch erkenntnistheoretische und moralphilosophische Erwägungen zum Thema. Eine davon konzentriert sich auf die Frage, ob Menschen in der vollindustrialisierten Gesellschaft nicht längst schon die Eigenschaften von Robotern übernommen hätten:

„Man beschäftigt sich viel mit dem Problem, einen Roboter zu schaffen, der einen Menschen nachahmt; weniger Aufmerksamkeit schenkt man dem Menschen, der sich wie ein Roboter verhält. Unter den weitgehend vom Wettbewerb geprägten Lebensbedingungen unserer industrialisierten Welt kann ein Mensch sich in die Arbeit stürzen, ohne irgendwelche Freude daran zu haben – einfach, um die Stimme der Triebe, denen er nicht begegnen kann, zum Schweigen zu bringen. Er arbeitet ununterbrochen wie ein Roboter.“ (1)

Nun wissen wir aus der Humor-Theorie Bergsons, dass das Komische „eher steif als häßlich“ ist, denn: „Komisch sind die Haltungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers genau in dem Maß, wie uns dieser Körper an einen gewöhnlichen Mechanismus erinnert.“ (2) Bergson führt das aus:

„wir müssen im Innern dieses Menschen so klar wie durch Glas einen zerlegbaren Mechanismus erkennen. Die Suggestion muß aber auch diskret sein, und die Person, deren Glieder zu ebenso vielen mechanischen Bestandteilen versteift wurden, muß uns als Ganzes weiterhin den Eindruck eines lebenden Wesens vermitteln. Je exakter beide Vorstellungen – Mensch und Mechanismus – ineinander greifen, um so erschütternder ist die komische Wirkung“ (3)

So, damit wäre Cohens an Fließband angeschlossener „robot“ (tschechisch: „Arbeitssklave“) nicht etwa traurig, sondern komisch anzusehen, was seinem Schicksal noch eine besondere Tragik verleiht. Erklärt scheint mir damit aber auch, warum ein Film wie Chris Wedges „Robots“ von 2005 eine lupenreine Komödie ist – und zwar immer genau dann, wenn die in ihm menschlich handelnden Roboter sich auf einmal wieder robotisch benehmen. Cohen hat ein paar Sätze zur Lächerlichkeit von Robotern übrig:

„Wir lachen, wenn wir einen Menschen sehen, der sich wie ein Automat verhält, wenn ein Redner zum Beispiel seinen Kopf stereotyp hin- und herbewegt. Wo wir Leben erwarten, und es erscheint ein Mechanismus, wird Lachen ausgelöst.(4) Und umgekehrt lachen wir, wenn ein richtiger Roboter sich wie ein Mensch verhält, und je größer die Ähnlichkeit ist, um so komischer finden wir die Situation. Es ist schwer, sich vorzustellen, daß ein richtiger Roboter lacht, weil ein anderer Roboter menschlich aussieht, oder umgekehrt, weil sein Konstrukteur sich selbst wie ein Roboterkamerad zu benehmen scheint.“ (5)

Damit liefert Cohen nicht nur eine vage Annäherung an das Phänomen, das in Robotik und analytischer Philosophie heute als „uncanny valley“ diskutiert wird – denn das Auslachen des menschlichen, aber nicht allzu menschlichen Roboters ist wie jedes Lachen auch eine Geste der Angst – sondern unternimmt (im letzten Satz) auch einen Distinktionsversuch, Menschen von Robotern unterscheidbar zu machen, sollten letztere äußerlich allzu menschlich werden. Obwohl er Turing kennt und zitiert, verlässt er sich bei seinen Unterscheidungsmethoden doch eher auf psychologische Mittel. Er nennt dazu „mindestens drei Dinge, die für den Menschen charakteristisch sind, für den Automaten im Augenblick noch unerreichbar. […] lachen (oder weinen) […] erröten [… und] Selbstmord“ (6). (Zumindest das letzte ist seit kurzem wohl kein hartes Distinktionskriterium mehr.)

Um noch einmal zu Wedges „Robots“ zurück zu kehren: Der Film zeigt natürlich keine Roboter-Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft von Menschen, die wie Roboter aussehen; Wir lachen hier also über beides gleichzeitig und die Roboter im Film lachen übrigens auch (und schämen sich), was sie mit Cohen gedacht einmal mehr als verkleidete Menschen entlarvt.

Dass es im Film allerdings zentral um ein marktwirtschaftliches und gewerbliches Thema geht (nämlich den Ersatzteilhandel) und die Frage, ob ein guter Kapitalist besser, d. h. robophiler ist als ein böser Kapitalist, bindet „Robots“ auf sehr vertrackte Weise wieder an Cohens Ausgangsüberlegung des „robot“ zurück und lässt uns das Lachen schließlich eigentlich im Halse stecken bleiben: Denn die Maschinen sind existenziell bedroht, weil ihnen die Ersatzteile ausgehen und sie sich keine neuen leisten können. Abhilfe kann nur der gute Kapitalist schaffen, der aus Altruismus solche Teile verschenkt.

Dass die Roboter – wie etwa in Rudy Ruckers Roman „Software“, der so ziemlich dasselbe Thema hat – die Macht in die eigene Hand nehmen, eine echte Anarchie aufbauen und nach den Individuen damit auch das Gesellschaftssystem robotisch-gleichgeschaltet wird, steht in einem Kinderfilm leider nicht zur Debatte.

Anmerkungen:

  1. John Cohen: Golem und Roboter. Über künstliche Menschen. Frankfurt am Main: Umschau 1968 (Reihe: Wege zum Wissen), S. 119.
  2. Henri Bergson: Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Darmstadt: Luchterhand 1988, S. 28.
  3. Ebd., S. 29.
  4. Dieses Beispiel hat Cohen nebst der Schlussfolgerungen daraus frecherweise ohne Quellenangabe direkt von Bergson übernommen.
  5. Cohen, S. 129f.
  6. Ebd., S. 129.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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