»Das ist die Idee einer Idee einer Idee …«

Welt am Draht (D 1973, R. W. Fassbinder) (VHS)

Zusammen mit dem Western „Whity“ ist dies Fassbinders wohl klarste Genre-Arbeit und sein einziger Science-Fiction-Film. Er erzählt in über 200 Minuten die Geschichte des Informatikers Fred Stiller, der die Nachfolge seines Freundes Henry Vollmer in einem „Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung“ antritt. In diesem Institut wird ein neuartiger Supercomputer mit dem tollten Namen „Simulacron“ betrieben. Dieser erzeugt eine künstliche Welt, in der bereits fast 10.000 simulierte Menschen leben. Um diese Menschen und ihre Aktionen so realistisch wie möglich zu gestalten, ist ein Betriebspsychologe mit dem Entwurf ihrer mentalen Eigenschaften beschäftigt. Henry Vollmer, der das Projekt zuvor betreut hat, scheint eine seltsame Entdeckung gemacht zu haben, die ihn zuerst den Verstand und dann das Leben gekostet hat. Weil Stiller einer der letzten war, die Vollmer lebendig gesehen haben, gerät er in den Kreis der Mordverdächtigten.

Als Stiller mit dem Schwager Vollmers, der ebenfalls bei dessen Tod zugegen war, auf einer Party ein Gespräch über das Geschehene führen will, verschwindet der Mann plötzlich. Am nächsten Tag will sich niemand auch nur an die Existenz des Mannes erinnern können und auch der Tod Vollmers scheint in Vergessenheit geraten zu sein (ist später sogar aus den Zeitungen, in denen er zuvor auf Seite 1 stand, verschwunden). Langsam glaubt Stiller an eine Verschwörung, bis er feststellt, dass ein „Avatar“ Vollmers in der künstlich erzeugten Welt von „Simulacron“ existiert. Er begibt sich mit Hilfe einer Schnittstelle, einem Datenhelm, ebenfalls in die simulierte Welt und kontaktiert dort Einstein, den einzigen Avatar, der um seine Virtualität weiß. Einstein gelingt kurz darauf die Flucht aus der Simulation. Er trifft außerhalb von „Simulacron“ auf Stiller und verrät diesem, dass auch seine Welt lediglich eine Simulation ist. Nun ergibt der Tod Vollmers und das Verschwinden des Zeugen plötzlich einen Sinn: Derjenige, der die Welt Stillers kontrolliert, wollte Indizien, die auf ihre Künstlichkeit hindeuten, verwischen. Vollmar war der Entdeckung der Künstlichkeit seiner Existenz jedoch zu nahe gekommen und wurde „wegprogrammiert“ (Zitat).

Mit diesem Wissen begibt sich Stiller auf die Suche nach einem Kontakt-Avatar, um nun ebenfalls seine Simulation verlassen zu können. Er entdeckt diesen in der mysteriösen Eva Vollmer, die sich als Nichte des Ermordeten und Tochter des Verschwundenen Zeugen ausgibt, in Wirklichkeit aber aus der Realität stammt und Stiller mit zu sich nehmen will, weil sie sich in ihn verliebt hat. Mit einem Trick gelingt es ihr, Stillers Geist (ganz ähnlich wie es Einstein auch gelungen war, die Simulation in der Simulation zu verlassen) in den Körper des ohnehin wahnsinnig gewordenen Programmieres der Simulation zu transferieren.

Eine vertrackten Handlung, die dem Zuschauer der 1970er Jahre nicht wenig Imaginationsfähigkeit abverlangt haben dürfte. Nicht nur ist Erzählung recht abstrakt, Fassbinder hält sich auch mit der Inszenierung von Technologie sehr zurück. Ab und zu werden Server-Räume gezeigt und eine Videowand, die Szenen aus der Simulationswelt zeigt. Diese sind an ihrer Farbarmut (im Vergleich zur simulierenden Welt) zu erkennen. Der Unterschied dieser Simulation wiederum zur richtigen Welt ist optisch jedoch nicht so deutlich markiert, um dem Zuschauer nicht vorab zu verraten, dass etwas nicht stimmt.

Ein weiterer mentaler Anker für den Zuschauer ist die Diskursivierung der Simulation. Die Charaktere sprechen von ihren Welten in den Kategorien „oben“ (realere Ebene) und „unten“ (simuliertere Ebene). Dies hat „Welt am Draht“ mit Filmen wie „Tron“ gemeinsam. Zugleich wird damit über das interessante topologische Denken von Wirklichkeit(sstufen) auch eine metaphysische Ebene berührt. Bereits bei „Tron“ war die Welt „oben“ ja eine Götterwelt der „User“. Diese wurden wie allmächtige und allgütige Götter angebetet. Bei Fassbinder sind die User jedoch „Teufel“ im Wortsinne: Verwirrer und Durcheinanderwerfer. Sie konstruieren Realitäten und basteln Bewusstseine, die sich über ihren Status nicht sicher sein können und ständig von „Wegprogrammierung“ bedroht sind.

„Welt am Draht“ ist natürlich kein schnöder Verschwörungsfilm, sondern transzendiert sein Thema auf eine philosophische Ebene. Stiller beginnt recht bald Platons und Aristoteles Ideenlehre zu durchdenken und mit seiner Situation zu vergleichen. Der Descarte’sche Zweifel, der an ihm nagt, wird zudem mehrfach ethisch umgedeutet: Zum einen wird die Frage aufgeworfen, ob „Avatare“ mit derartig ausdifferenzierten Bewusstseinen überhaupt noch „Mittel zum Zweck“ sein dürfen, oder ob dies nicht (das wird nicht wörtlich gesagt, aber gemeint) dem Kant’schen Menschenbild der Aufklärung widerspricht. Zum anderen steht natürlich das Problem der „Möglichkeit“ im Raum: Wie autonom ist der Mensch noch gegenüber Maschinen, die, wie „Simulacron“, den „Sprung zum autonomen Computer“ (Zitat!) bereits getan haben?

Die Anknüpfungspunkte an die Literatur- (Orwells 1984 und das Thema der Vergangenheisänderung) und Filmgeschichte sind natürlich vielfältig. Ideen aus „Welt am Draht“ finden sich in Filmen wie „Avalon“, „Dark City“, „Matrix“ und etlichen anderen Computer- und Gesellschaftsdystopien wieder. Dass Fassbinder zu einer Zeit, als Computer noch weitgehend unbekannte Maschinen waren, bereits ein solch treffsicheres Gespür für deren technologische und gesellschaftliche Bedeutung und die durch sie erzeugten Ängste hatte, verdeutlicht einmal mehr das Genie, das er war. Erwähnenswert ist überdies noch die Kameraarbeit Michael Ballhaus‘, der das Problem der Identität wieder einmal treffend durch die mise-en-scène (Spiegel, horizontale und vertikale Bildaufteilung) dekliniert und der Soundtrack Gottfried Hüngsbergs, der klassische Themen und Stücke mit einer sehr befremdlichen Synthesizier-Musik kombiniert. (Das hat mich teilweise an das ein Jahr zuvor veröffentlichte Debüt-Album „Irrlicht“ von Klaus Schulze erinnert.)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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