PFF: Selfploitation

Vortrag: Stephan Wolf „The Privacy of Porn: All is intimate, nothing is true“

Gestern war ein Wort-Tag. Zuerst habe ich mir im Kino „Eiszeit“ einen sehr instruktiven Vortrag von Stephan Wolf über die Frage das Privaten in der Pornografie gehört. Zentrale Thesen waren:

  1. Private Porn ist ein Widerspruch in sich. In dem Moment, wo eine Kamera oder ein Publikum anwesend sind, ändert sich das Verhalten des Gefilmten und wird „unprivat“.
  2. Private Porn, wie sie auf Clip-Portalen wie Youporn, yutuvu und anderen gezeigt werden, verlieren ihren pornografischen „Wert“ in dem Moment, wo das Gesicht der Protagonisten nicht zu sehen ist.
  3. Private Porn in der Art der Clips von „Beautiful Agony“, in denen nur das Gesicht gezeigt wird, öffnet dem Fake Tür und Tor.

Die Gegenüberstellung von „Fake“ und „authentisch“ halte ich (natürlich) für etwas problematisch. Authentizität ist keine Eigenschaft des Bildinhaltes, sondern der Form in Verbindung mit der medienhistorischen Vorbildung des Zuschauers. Insofern war das letzte von Wolf herangezogene Filmbeispiel aus „Beautiful Agony“ besonders interessant. Hatten sich die mir bekannten Clips der Seite zuvor darauf beschränkt, einzelne Frauen(gesichter) mit starrer Kamera in einer Plansequenz zu filmen, so hat das vorgeführte Beispiel drei Modelle gezeigt, dramaturgisch (im Hinblick auf ein Erreichen der „Klimax“) montiert und mit Authentizitätsmarkern versehen: Hinter dem Körper derjenigen, die gerade im Bildvordergrund zu sehen ist, sieht man eine andere Protagonistin und die Kamera, die sie filmt. Zum Erreichen der Authentizitätssuggestion ist dabei sowohl die Montage als auch das filmische Beiwerk (Ton und Setting) entscheidend.

Als Gradmesser für Privatheit, wenngleich sie nach der ersten These sowieso unmöglich ist, die Betonung bestimmter „body parts“ heranzuziehen, klang allerdings überaus plausibel für mich. Wolf leitete das aus der Frühgeschichte des Films her und verwies auf den kurzen Film „The Kiss“ von 1896, in welchem der Kuss als damals größtmögliche Abbildung des Privaten auf das Gesicht konzentriert ist und in Großaufnahme gezeigt wird.

Vielleicht erklärt sich damit auch die seltsame Faszination, die Bukake-Aufnahmen im Pornofilm haben, weil sie die für die Pornografie konstitutiven „body parts“ miteinander in einem Bild kombinieren. Ich erinnere mich, dass in der Videothek in Jena, in der ich Mitglied war, der mit Abstand am häufigsten Verliehene Film ein Porno war, auf dessen Cover nichts anderes als ein mit Sperma übersätes Gesicht war. Auf der Rückseite waren dann ausschließlich ähnliche Screenshots. In Anbetracht der landläufigen Annahme, dass es der nackte weibliche Körper sei, der pornografisches Interesse auslöst, hat den Videothekar und mich schon damals das empirische Gegenteil überrascht.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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