01.02.04: Derrida (Kinemathek Bonn)
Im
Zentrum steht immer die Frage des „Wer oder Was“. Sowohl bei den
Valenzen der Liebe als auch bei denen der Vergebung: Lieben wir
jemanden oder lieben wir jemanden für etwas? Vergeben wir jemandem oder
vergeben wir jemandem etwas? Diese Frage, die nach Subjekt oder Objekt,
dominiert Derridas Überlegungen im Dokumentarfilm „Derrida“.
Und
dieser Dokumentarfilm selbst reflektiert in seinen filmischen Modi
ebenfalls über das „Wer oder Was“: Zeige ich einen Film über eine
Person (Derrida) oder zeige ich einen Film darüber, was eine Person ist
(Philosoph). Die Filmer sind sich selbst darüber unschlüssig und tragen
ihre Frage versteckt (Derrida: „dissimuliert“) an den Denker heran: Sie
fragen ihn persönliche Dinge und fragen ihn über seine Philosophie aus.
Doch weder das eine noch das andere findet eine Antwort: Derrida „kann
nicht“ vor der Kamera darüber sprechen, wie er seine Frau kennen
gelernt hat, welches seine Lebenstraumata waren oder was er „ganz
spontan“ über Liebe zu sagen hat. Genauso wenig kann sowohl das
Zitieren seiner Texte, noch das Abfilmen Derridas bei Vorträgen noch
der Modus seiner Mitteilung selbst („Zunächst einmal muss ich sagen,
dass dies hier keine natürliche Situation ist.“) darüber Auskunft
geben, was denn Dekonstruktion sei.
Hilflosigkeit macht sich
also bei den Dokumentarfilmern breit: Weder das Wer noch das Was ihres
Gegenstandes können sie filmisch erfassen. Dass ihnen das nicht
gelingt, sind sie wenigstens im Stande zu inszenieren: Sie stellen
lächerliche Fragen an den Philosophen, zeigen, wie ihm lächerliche
Fragen gestellt werden, zeigen, wie er ernsthaft Fragenden ernsthaft zu
antworten versucht – jedoch in lächerlichen Situationen. Die Filmer
sind bemüht, ihren Gegenstand Derrida, wenn sie ihn schon nicht
„fassen“ können, so doch wenigstens mit ihren Zweifeln und
Unsicherheiten umkreisend zu „erfassen“. Und dafür konzentrieren sie
sich dann auf das „Wie“.
Denn „wie“ sie Derrida und seine
Theorie filmisch einzufangen versuchen, ist ebenfalls wieder
dissimulativ: Sie verbergen ihre Unsicherheit hinter der technischen
Apparatur, die sie mitinszenieren, ganz so, als wollten sie Derridas
„Zweifel der Authentizität gegenüber einer Kamera“ filmstilistisch
abnicken. Sie authentisieren sich selbst, indem sie den Philosophen
über die Kamera, die ihn gerade filmt, räsonieren lassen und gehen noch
einen Schritt zurück und zeigen den Philosophen, wie er auf den
Bildschirm schaut, auf dem er selbst über die Kamera räsoniert und
gehen noch einen weiteren Schritt zurück und zeigen auf der dritten
Ebene Derrida, wie er Derrida anschaut, wie er Derrida anschaut, der
über die Augen und das Blicken spricht. Und als wäre diese
„Unschuldsbekundung“ nicht ausreichend, werden Kameraleute,
Mikrofonhalter, Mikrofonanbringer und andere Mitglieder der Filmcrew
immer und immer wieder mit in die Kadrage gesperrt, um zu beweisen,
dass dieser Rahmen ein hilfloses Werkzeug der Vermittlung ist … doch
wer filmt diese Filmenden?
Die Naivität ist Täuschung. Eine
Täuschung des Zuschauers über das Sujet und über die Möglichkeiten des
Films und speziell der abgefilmten Philosophie. Im Film „Derrida“ wird
alles, was Derrida sagt, auf filmischer Ebene verdoppelt und quasi zur
Bestätigung des Gesagten inszeniert. Auf der Strecke bleibt dabei nur
einer: Derrida. Der hat schon während der Dreharbeiten seine Zweifel am
Projekt, wenn er sagt, dass 25 Stunden gefilmt werden und der Filmer
dann entscheidet, was in die anderhalb Stunden eingeht, damit es „sein
Kunstwerk“ wird.
Damit ist „Derrida“ kein Porträt über den
Philosophen und keine Dokumentation über seine Philosophie. Eingestreut
werden zwar immer wieder dekontextualisierte Passagen aus seinem Werk
(unterlegt mit Sakamotos bedeutungsschwerer Synthie-Musik), doch die
sollen so wirken, als würden sie sich an das vorher von Derrida in die
Kamera Gesagte anlehnen … wieder nur belegen also. Der Film ist neben
all seiner Naivität und Aussagenlosigkeit jedoch eines ganz intensiv:
ein Dokumentarfilm. Zwar einer, der sein Dokument nicht zu filmen im
Stande ist, der diese Misere jedoch immerhin filmisch gewieft als
Selbstdokument des Filmkünstlers offenlegt.
maX
P.S. Da war der filmisch naivere Beitrag von Fathy
ehrlicher, weil er den Denker zwar ins filmische Klischee gedrängt hat,
sich damit jedoch die Souveränität über seinen Gegenstand bewahrt hat.



