»Mankind is a state of mind.«

The Creation of Humanoids (USA 1962, Wesley Barry) (DVD)

R21-Roboter (mit "Westworld"-Merkmalen)

Das ist zweifellos nicht nur einer der wichtigsten Roboter-Filme der 1960er-Jahre, sondern ein Beitrag, der im gesamten Subgenre an hoher Stelle rangiert. So wenig Interessantes „The Creation of Humanoids“ filmisch zu bieten hat, so beeindruckend ist die Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema „Mensch-Maschine-Beziehung“. Die Vorlage zum Film stammt von niemand geringerem als dem Science-Fiction-Autor Jack Williamson (der zu den Humanoids Ende der 1940er-Jahre 2 Romane verfasst hat, die auch beide auf Deutsch erschienen sind). Die Umsetzung des Stoffes ist ziemlich theatresk in eine Hand voll Akte gegliedert, die in bühnenartig ausstaffierten Innenräumen bzw. deutlich als künstlich erkennbaren „Außenräumen“ angesiedelt sind.

The End is just the Beginning

Die Handlung ist nach dem Atomkrieg angesiedelt. Der Film beginnt mit einem Prolog, der eine Reihe von Atombombenexplosionen zeigt (allesamt Archiv-Aufnahmen). Nach dieser Katastrophe ist die Menschheit auf ein kaum überlebensfähiges Maß zusammen geschrumpft und hat zudem mit Mutationen zu tun, die einen Großteil der Kinder betreffen. Abhilfe soll die Technik schaffen: Ein Großcomputer, der die Abläufe steuert und zudem die Zentraleinheit für die „Clickers“ darstellt. Das ist die etwas abfällige Bezeichnung für Roboter, die den Menschen als Diener zur Verfügung stehen. Diese Roboter sind allerdings mit einem Bewusstsein ausgestattet und versuchen mit Hilfe des Wissenschaftlers Dr. Raven zu evolvieren: Von der derzeitigen Generation R21, die zwar bereits humanoid ist, durch ihr Aussehen und vor allem ihre Programmierung aber noch sehr gut unterscheidbar von den Menschen ist, in Richtung R100: „One uf us“, wie es ein Mitglied der „Order of Flesh and Blood“, einer roboterfeindlichen Menschen-Organisation, beschreibt.

Vorgänger des "Father-Mother"

Tatsächlich existieren bereits einige R96-Modelle, die äußerlich nicht nur nicht mehr von Menschen zu unterscheiden sind, sondern bei denen zudem die Tötungshemmung deaktiviert wurde und die selbst nicht wissen, dass sie keine Menschen sind. Einer dieser R96er ist ein oberes Mitglied der „Flesh&Blooders“, der die Organisation damit ohne es zu wissen infiltriert. Kragis ist sein Name und er ist leidenschaftlicher Roboter-Hasser. Er löst sich sogar von seiner Schwester, als diese – im Sinne einer Initiative für die Integration von Robotern in die Gesellschaft – mit ihrem Haushaltsroboter Pax eine Liebesbeziehung eingeht. Kragis selbst verliebt sich in eine Freundin seiner Schwester – und auch sie ist ein R96, ohne es zu wissen. Als beide schließlich von ihrem Sosein erfahren, bricht zunächst eine Welt für sie zusammen – bis sie durch Gespräche mit den Robotern und Introspektion keine konkrete Antwort mehr auf die Frage finden, was denn das Menschsein vom Robotersein unterscheidet, wenn Roboter auf allen Ebenen menschlich geworden sind.

R20 - Vorgänger der Humanoids

R1 - Urahn der Humanoids

Die Handlung des Films spielt sich weitestgehend in den Dialogen ab, die wirklich so ziemlich alle philosophischen Motive vorweg nehmen, die sich in den Roboterfilmen bis in die Gegenwart finden. Williamsons Stoff greift nicht nur die „Robot Laws“ Asimovs auf (die etwa zeitgleich zum Entstehen seines Romans in die Welt gelangten), sondern nimmt auch die „unzuverlässigen Erzählungen“ Philip K. Dicks („Do Androids dream of Electric Sheep“, „Foster you’re dead“, „Impostor“, …) vorweg. Es ist mir hier kaum möglich all diese Motive anzuschneiden. Drei davon will ich dennoch skizzenhaft aufführen:

1. Dass die Roboter, in einem Stadium, in welchem sie sich nur noch wenig von den Menschen unterscheiden, gerade die conditio humana infrage zu stellen beginnen, erscheint mir zunächst besonders interessant. Immer wieder wird die Aggressionsfähigkeit als ein wesentliches Merkmal des Menschen herausgestellt, die den Robotern aufgrund ihres „prime law“ abgeht. „Pax“, dessen Namen im doppelten Sinne „Programm“ ist, reflektiert dies im Streitgespräch mit Kragis. Als Kragis allzu roh in seiner Argumentation gegen die Roboter wird, entschuldigt Pax sich sogar dafür, ihn so weit gebraucht zu haben: „You hurt me by humilating yourself.“ Kragis wird angesichts derartiger Subordination nur noch aggressiver und bringt es auf den Punkt: „They killing und with consideration.“

R96 tötet den Menschen Dr. Raven, R21 sieht zu

Am Ende des Films bleibt eine Unversöhnlichkeit zwischen Menschen und Maschinen, die gerade aus ihrer großen Ähnlichkeit resultiert. Als einer der Roboter Dr. Raven fragt „Why it is the more we become like men the more some of them hate us?“ antwortet dieser: „Men hate what they fear.“ Pax greift dieses Problem später auf, wenn er sich darüber wundert „why men [that] have so negative qualities feel so much superior to us.“ Dass die Roboter mit ihrer „silent invasion“ letztlich die Evolution der Menschen aufgreifen und fortsetzen, ist eigentlich stets ein Hintergrundthema des Films – angesichts der aussterbenden menschlichen Spezies. Der ganze Konflikt ließe sich also auch als eine Abwehr der Zwangssymbiose beider Spezies verstehen, bei der derjenige (menschliche) Teil, der sich bislang als Herrscher über (weil Erbauer der) Roboter gefühlt hat, mit einer neuerlichen „großen Kränkung“ zurecht kommen muss.

2. Das zweite Merkmal, dass die Roboter von den Menschen unterscheidet, ist die Reproduktionsfähigkeit; und gerade daran arbeitet Dr. Raven zusammen mit einigen der Roboter, die sich zu einer Art Religion zusammengeschlossen haben. Die Frage der Kreation ist dabei zentral und wird hier als doppelte Annäherung an die Menschlichkeit verstanden, bei der ebenfalls die Genese des Glaubensgegenstandes zur Debatte steht. Die Roboter „glauben“ an „Father-Mother“, wie sie den zentralen Computer nennen, weil er sie geschaffen hat. In einer Art ontologischem Gottesbeweis antwortet einer der Roboter auf die Frage des Menschen „Who created your creator?“ mit „Yours! You see: we are alike!“

The newest invention of Dr. Raven

3. Und schließlich wäre da auch der ästhetisch-psychologische Diskurs des „Capgras-Syndroms“, das ich nun schon eine ganze Weile in seiner fiktionalen Darstellung beobachte. Das unbestimmte Gefühl, dass es sich bei einer Person, die man kennt, um ein Duplikat derselben handeln könnte. Gerade das Androiden-Motiv bringt bis heute immer wieder solche Stoffe hervor und kombiniert sie mit analytisch-philosophischen Diskursen (etwa zum „uncanny valley“, vgl. „Surrogates“). Die Austausch-Körper in „The Creation of Humanoids“ laden nicht nur ihre Gegenüber zu solchen Vermutungen ein – gerade die Tatsache, dass die R96er selbst nicht wissen, was sie sind, potenziert das Phänomen sogar noch. In einer Metalepse richtet sich Dr. Raven, der sich selbst auch als mehrfach reproduziert herausstellt, am Schluss des Films sogar an den Zuschauer, um dieses Selbstmisstrauen auf ihn zu übertragen, indem er in die Kamera blickt und „das Ende der Geschichte“ verrät: „Of course the operation was a success. Or you wouldn’t be here … end – point of beginning.“

P.S. Ohne das moralisch bewerten zu wollen, muss ich doch mehr als erstaunt feststellen, dass Rudy Rucker in seiner „Ware“-Tetralogie bis ins Detail gehende sehr ähnliche bzw. gleiche Ideen hatte, wie Jack Williamson 30 Jahre vor ihm …

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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