04.10.03: Durst (VHS)
Jürgen
Vogel, Nicolette Krebitz, André Eisermann … Die Besetzungsliste von
Durst liest sich wie die einer zeitgenössischen Großproduktion aus
deutschen Landen. Und würde das Produktionsjahr 1993 nicht verraten,
dass Durst lange vor dem unsäglichen Aufbäumen des deutschen
Anal-Humors Ende der 90er Jahre gedreht wurde, hätte ich mir den Film
auch bestimmt nicht angesehen.
Vor 10 Jahren, als ich Durst das
erste sah und aufgenommen habe, ist er mir wie ein sehr starkes und
intensives Todeszucken des Neuen Deutschen Films vorgekommen. Dieser
Eindruck hat sich jetzt etwas – aber nur etwas – abgeschwächt. Deutlich
merkt man die Ambitionen Martin Weinhards, etwas über den Konflikt der
Generationen zu erzählen. Die Darsteller verfügen über eine Energie,
die ihnen (bis auf Eisermann) in späteren Filmen völlig abgeheht. Vor
allem Jürgen Vogel wird man wohl nach Durst nie wieder so authentisch
und dramatisch spielen sehen.
Erzählt wird die Geschichte
Arthurs, der die Schnauze voll von seiner Kleinstadt mit ihrer
verlogenen Bürgerlichkeit hat. So reißt der 17-jährige immer wieder aus
und kehrt doch immer wieder heim, wo den über-intelligenten
Abiturienten nur Spott und Unverständnis erwarten. Einzig sein Freund
Ernst (Eisermann) scheint ihn zu verstehen, wir jedoch von einer nur
wenig kaschierten homosexuellen Liebe zu Arthur hingezogen. Als ein
neuer Pfarrer – der in Aussehen und Gebaren nicht wenig an Bergmans XXX
aus Fanny und Alexander erinnert – in den Ort kommt, beginnt eine
verhängnisvolle Dreiecksbeziehung zwischen dessen jahrelang
unterdrückter Tochter Sabine (Krebitz), Arthur und Ernst. Auch das
Umfeld der Jugendliche bleibt von den Erschütterungen nicht
unbeeinflusst bzw. verstärkt diese noch: Arthurs Mutter sorgt für Spott
unter den Klassenkameraden, weil sie über Zeitungskleinanzeigen einen
neuen Mann sucht, Ernsts Vater beginnt eine Liaison mit Sabine und der
neue strafversetzte Deutschlehrer wird – weil er das literrische
Potenzial in Arthur erkennt und stützt mit Unzuchtsvorwürfen
konfrontiert. Uns so kollabiert die Situation im Städtchen schließlich,
um sich zum Ende in eine Harmonie einzupendeln, mit der niemand
gerechnet hat.
Durst hat beeindruckt. Vor allem, weil er es
geschafft hat wirklich starke Figuren zu etablieren und seine sozialen
Konflikte jenseits aller Stereotype („typisch Kleinstadt“, „typisch
Jungedliche“, „typisch Film“, …) zu inszenieren. Wer den Film mal
irgendwo in die Finger bekommt, sollte ihn sich auf jeden Fall ansehen.



