17.09.03: Halloween II (VHS)
»Psycho Killer, Quest-ce Que Cest?«
(Talking Heads)
31.
Oktober 1978 – dieselbe (diegetische) Nacht wie drei Jahre zuvor in
John Carpenters Halloween (1978): Michael Myers hat die sechs Schüsse,
die Dr. Loomis auf ihn abgefeuert hat, nicht nur überlebt: Sie scheinen
ihm nicht das Geringsten angetan zu haben. Denn immer noch schleicht er
mit seinem blauen Overall, dem langen Messer und der William
Shatner-Maske durch das nächtliche Haddonfield. Er ist auf der Suche
nach einem Opfer – einem bestimmten … seiner Schwester. Denn die
Überlebende Laurie Strode aus Carpenters Halloween ist niemand
geringere als Michaels Schwester und dieser ist aus der Psychiatrie
ausgebrochen, allein um sie zu töten.
Halloween II ist kein
eigenständiger Film. Das Debüt-Werk des Regisseurs Rick Rosenthal
basiert auf seinem Prequel und schließt narrativ nahtlos an dieses an.
Daher wirkt die Erzählung des Films auf eigenartige Weise schwebend und
fast schon willkürlich: Figuren, Orte und Handlungen passieren das
Geschehen mit einer Selbstverständlichkeit, als müsse man wissen,
„worum es geht“. Das Stalking-Prinzip scheint der einzige narrative
Faden, der sich souverän fortspinnt. Das macht Halloween II als
autonomen Spielfilm nur schwer gouttierbar. Doch es eröffnet
gleichzeitig die Möglichkeit, auf die Bilder und die subtileren
Ästhetiken des Films aufmerksam zu werden.
Da wäre die Spur des
Traums. Zusammen mit Laurie kommt es dem Zuschauer so vor, als sei das
ganze Geschehen irreal – nur das Hirngespinst eines Schlafenden. Die
Langsamkeit des Verfolgers und dennoch sein immer wieder plötzliches
Aufrauchen an Orten, wo man ihn nicht erwartet, die Unfähigkeit seiner
Jäger, die einem Phantom hinterher zu jagen scheinen (mehr als einmal
wiederholt Loomis „Er ist kein Mensch!“) und die mise-en-scene
unterstützen diese Lesart. Der Film spielt des Nachts und die Szenen
sind stets in Halbschatten und Schatten getaucht (inwieweit die Zensur
hier noch weiter abgedunkelt hat, soll nicht interessieren). Das Bild
ist durch die kurzen Brennweiten der Kamera ganz klar in zwei Schichten
geteilt: ein scharf umrissener Vordergrund und ein verschwommener
Hintergrund. Und gerade aus letzterem taucht Michael immer wieder auf.
Während der Film und seine Optik das Vorn, das Hier und Jetzt
fokussiert, arbeitet sich das Grauen/Michael aus dem Hintergrund (das
in der Traum-Logik auch immer für das „Dort“ und „Damals“ stehen kann)
langsam vor.
Der vulgär-psychoanalytische Interdiskurs, den der
Film hiermit andeutet, findet allerdings auch Eingang in die Erzählung.
Loomis selbst ist es, der eine horribel-phantastische Deutung der Morde
(einen vermeintlich keltisch-mythischen Hintergrund) ablehnt und sagt:
„Es ist das Unbewusste in uns selbst!“ Er identifiziert damit den
neuralgischen Punkt des modernen Horrors, der sein Grauen stets aus der
Alltäglichkeit ableitet. Und alltäglich kommt es im
Überall-und-Nirgendwo-Städtchen Haddonfield auch daher: Im blauen
Overall, mit Allerwelts-Maske. Michael ist seit Halloween die Variable
für das Grauen aus der Nachbarschaft, für die Alltäglichkeit des
Ungeheuerlichen. Gerade dieses Moment des modernen Horrorfilms betont
Halloween II noch deutlicher als sein Prequel, indem er nicht einmal
mehr einen dramaturgischen Aufbau bemüht, um seine Morde zu
rechtfertigen. Hieraus jedoch Selbstzweck oder gar Zynismus abzuleiten,
wäre ein Trugschluss.
Denn Halloween II bleibt – wie gesagt –
narrativ und damit auch intentional in der Schwebe. Er bezieht auf fast
apathische Weise für keinen seiner Protagonisten Stellung, weder für
„die Guten“ noch für „den Bösen“. Auf diese Weise führt er auch die
Indifferenz dieser Kategorien vor: War im klassischen Horrorfilm (und
sogar in Halloween von Carpenter) noch eindeutig ein Aufeinandertreffen
von Gut und Böse auszumachen und hat sich sogar in der Ästhetik
kondensiert, so beschreibt Halloween II fast dokumentarisch eine
Ereigniskette ohne Motiv(ation) und ohne Ziel. Damit kennzeichnet er
den Terror, der vom Serienmörder ausgeht wesentlich treffender als eine
im Nachhinein alles rationalisierende und konkludente Handlung. Er
spiegelt auf „realistische“ Weise das wider, was eine Gesellschaft wohl
angesichts der Konfrontation mit dem scheinbar willkürlichen Serienmord
durchlebt: Angst. Angst auf einem „traumhaften“ Niveau, denn die
Statisten in Halloween II wissen zwar alle von den Morden, doch niemand
rechnet damit, dass er selbst das nächste Opfer sein könnte. Und wenn
er feststellt, dass er es doch sein wird, hilft ihm keine Flucht. Sein
Vorsprung vor Michael kann noch so groß sein, er wird ihn trotzdem
einholen, denn er ist die Verkörperte Metapher für das nicht erkennbare
grundlose Böse, das weder Ort noch Zeit kennt.



