Sprich zu dir selbst und sprich nicht von den Dingen

Boogeyman (USA 2005, Stephen T. Kay) (DVD)

"Boogeyman" ist jetzt im DVD-Verleih. Gestern habe ich ihn mir geholt und gleich noch einmal angesehen. So affektiv wie im Kino war er zwar nicht mehr, hat aber bei der zweiten, weniger "körperlichen" Sichtung mehr von seiner intelligenten Story preisgegeben.

"Boogeyman" ist die perfekte filmische Umsetzung von Freuds Überlegungen zum "Unheimlichen": Von den traumatischen Kindheitserinnerungen, dem Tod des Vaters, dem unheimlichen schwarzen Mann, dem Doppelgänger-Motiv bis hin zur wie aus E.T.A. Hoffmanns entnommenden rationalen Freundin findet sich alles in Kays Film wieder.

Was mich an der Kinofassung besonders frappiert (ja, fast schon gestört) hatte, war das Ende: Tim gelangt in das Haus seiner Freundin Kate, rettet diese aus den Fängen des Boogeyman und kehrt mit ihr in sein Haus zurück, wo er sich dem schwarzen Mann stellt und ihn besiegt. Im Endkampf offenbart sich, dass der schwarze Mann aus "Erinnerungsfragmenten" seiner Kindheit bestand: Der Monster-Spielfigur in seinem Nachtschrank, dem Vogel-Mobile unter seiner Decke, der Kleidung über seinem Stuhl … als Tim diese immer noch in seinem Zimmer befindlichen Dinge zerstört, zerfällt auch der Boogeyman. Kate und er bleiben übrig. Happy End.

Dieses zwar konventionell gute Ende ist der psychologischen Entwicklung des Helden und der Erzählung nicht besonders "zuträglich". Unklar bleibt nämlich, ob der Boogeyman nun Imagination oder Wirklichkeit, dessen Bewältung also ein psychologischer oder ein physischer Akt war. Die Anwesenheit Kates als "Zeugin" deutet auf die zweite Möglichkeit hin und macht aus "Boogeyman" einen "fantastischen Film". Auf der DVD befindet sich aber ein zusätzliches, wesentlich besseres "alternatives Ende":

Dort schafft Tim es nicht, Kate vor dem Boogeyman zu retten und kehrt allein in sein Haus zurück. Im Zweikampf mit dem Boogeyman entdeckt er in dessen "Gesicht" die Gesichter seiner Opfer – schließlich auch das seines Vaters (Freud und später Kittler werten den "Sandmann" aus Hoffmanns Erzählung als abgespaltenen, bösen Vater des traumatisierten Jungen). Er verschwindet mit dem Boogeyman im Wandschrank (es ist der Interpretation anheim gestellt, welche weiteren verdrängten Erlebnisse der Junge Tim mit seinem Vater und dem Wandschrank verbindet) und kehrt wenig später daraus in ein völlig leeres Kinderzimmer zurück. Dort steht er sich nun selbst als Kind gegenüber (Doppelgänger-Motiv) und erklärt "sich", dass der Boogeyman nun nicht mehr existiere.

Dieses zweite Ende ist komplizierter, viel weniger Hollywood-Happy-End-like, aber ungemein konsequenter als Abschluss der Geschichte. "Boogeyman" ist einer der ausgetüfteltsten psychologischen (und eben nicht fantastischen) Horrorfilme überhaupt. Ihn noch einmal mit diesem Ausgang zu sehen bestätigt das und macht die Anschaffung der DVD gleich doppelt lohnenswert.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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