»Wir alle haben Fotos, wie dieses.«

Heimcomputer-Fotografien aus den 80ern

Ein Jugendzimmer – an der Wand hängen Poster von Rick Astley auf heller, gemusterter Tapete. Neben dem Fenster, hinter dem es dunkel ist und unter dem ein gerippter Heizkörper angebracht ist, ist an der Wand ein Regal aufgehängt: mit Metallstreben an die Wand gedübelt, auf schmalen Halterungen schlichte, birkenfurnierte Holzbretter. Im Regal: Brettspielkartons (Monopoly und andere), ein Wikingerschiffmodell – wahrscheinlich nicht von Playmobil – und auf dem untersten Brett ein Röhrenfernseher in braunem Holzimitat-Gehäuse. Auf dem Bildschirm ist schwach etwas zu sehen – aber nicht zu erkennen. Unter dem Regal steht ein Schränkchen und darauf ein Commodore 64 in grau-beigem Gehäuse. Im Joystickport steckt ein Controller, der auf dem Fußboden liegt.

Markus Imberg

Im Zimmer sind drei Jungs – Jugendliche: einer sitzt auf einem mit einer Steppdecke bezogenen Hocker, einer steht vor dem Fenster – im Trainingsanzug mit weißen Socken und Badelatschen und einer sitzt gebeugt vor dem C64. Der, der vor dem Fenster steht, schaut in Richtung des Betrachters und lächelt, der vorm Computer blickt über seine rechte Schulter ebenfalls zu uns und der Dritte schaut teilnahmslos in Richtung Fenster.

Szenen einer Epoche

Das eben beschriebene Foto stammt von Markus Imberg, der wahrscheinlich auch auf dem Bild zu sehen ist. Er hat es im Dezember 2023 in der Facebook-Gruppe „C64 Germany“ gepostet. Sporadisch tauchen dort und in anderen Homecomputer-Gruppen bei Facebook solche Bilder auf. In nostalgischer Verklärung veröffentlichen User diese visuellen Erinnerungen als Leitfossilien einer damals neu angebrochenen Epoche – der Epoche der Digitalisierung des Privaten.

Die Szenen auf den Fotos sind einander ganz ähnlich. Sehr oft ist es ein Junge oder männlicher Jugendlicher, der vor seinem Computer sitzt und mal auf den Bildschirm, mal in Richtung Betrachter blickt. Das Interieur der Zimmer ist immer ähnlich – stets eine leicht unordentliche Privatsphäre mit zeittypischen Möbeln und Einrichtungsgegenständen.

Dave Brickley

Oft mit Spielzeug, das aber längst uninteressant geworden ist, denn der Computer bildet nun die Hauptattraktion. Er steht im Bildmittelpunkt, so, als ginge von ihm eine neue Raumgeometrie aus, nach der sich Menschen, Möbel und andere Objekte ausrichten.
Der Raum wird zur Peripherie. Entweder ein Objekt gehört direkt zum Computer (Joysticks, Akustikkoppler, Drucker, Floppies usw.) oder indirekt (Bücher, Poster, Stifte, Papier u.a.). Alles Übrige im Zimmer kündet durch seine Anordnung davon, dass es nur noch Schmuck ist – so aufgestellt, dass es wenig Platz verbraucht und nicht im Weg ist, wenn der Computer benutzt werden soll.

Mit dem Computer zieht eine neue Farbe in die Privatwohnungen ein. Die Fotos zeigen noch das Braun der 70er Jahre – Teppiche, Möbel, Tapeten – ja sogar die Kleidung tragen die Farbe des vergangenen Jahrzehnts. Der Computer bringt nun Grau und Beige in dieses Farbsetting. Beide Farben korrespondieren hervorragend mit Braun. Es scheint so, als wolle sich der Computer auch farblich assimilieren, sich in den Privatwohnungen verstecken, um zu einem ganz gewöhnlichen Möbelstück zu werden.

Ein Blick in die Zukunft

Diejenigen, die in die Kamera schauen, schauen in die Zukunft. Ein Foto friert immer einen Moment ein, der sofort vergangen ist, sobald das Foto geschossen wurde. Die Unheimlichkeit dieses Prozesses wird mit zunehmender zeitlicher Distanz zwischen dem Moment des Fotografierens und dem Moment, in dem das fertige Foto betrachtet wird, immer deutlicher. Der, der da auf dem Foto zu sehen ist und der mich jetzt anzublicken scheint, existiert so nicht mehr. Er ist älter geworden, hat sich verändert und wohnt dort wahrscheinlich auch gar nicht mehr.

Auf dem Bild ist er als sein Geist aus der Vergangenheit zu sehen, der uns fragend anblickt: Wer wirst du sein, wenn du dir dieses Bild ansiehst? Wir befinden uns mit diesem Geist in einem stummen Dialog über die Jahrzehnte hinweg. Was uns heute noch verbindet, ist dieser Computer – auf dem Sie wahrscheinlich gerade diesen Text lesen.*
Bei vielen ist es nicht nur dasselbe Modell, sondern sogar noch dasselbe Gerät, auf dem dieses Disketten-Magazin geladen wird. Der Computer ist die einzige Konstante im Bild, denn er kennt keine menschlichen Zeiten. Er macht immer das, was er macht: Programme ausführen, Daten prozessieren. Wir können die Disketten von damals einlegen und die Spiele von damals in den Computer laden. Für den Computer wird es dasselbe sein – für uns aber nicht. „Niemand steigt zweimal in denselben Fluss“, so der griechische Philosoph Heraklit vor über 3000 Jahren. Die Vergangenheit lässt sich nicht wiederholen – sie lässt sich nur medientechnisch einfrieren und den Moment zu einer immer neuen Gegenwart werden. Der Fotoapparat hat diese „magische“ Fähigkeit, weshalb er nach seiner Erfindung argwöhnisch betrachtet wurde. Auf den ersten Fotografien mussten die Menschen minutenlang still sitzen, damit das Bild nicht unscharf wurde. Der Apparat machte seine Motive zu „Stillleben“ – womit sich das vorwegnahm, was hinterher auf ihnen zu sehen war: ein erstarrter vergangener Moment. Nicht ohne Grund waren beliebte Motive der frühen Fotografie frisch Verstorbene: Die hielten nicht nur ganz still, sondern die hatten auch „keine Zeit“ mehr – nur noch Vergangenheit.

Robert Jaeger (1984)

Die vierte Wand

Die Fotografierten blicken aber eigentlich nicht in die Zukunft, sie schauen den Fotografen an. Wahrscheinlich hat er oder sie ihre Aufmerksamkeit erregt – vielleicht ist das Foto ein Schnappschuss. In jedem Fall, das zeigen die Perspektiven der Fotos (immer leicht von oben herab), ist ein weiterer Mensch im Raum: der Fotograf.

Er repräsentiert vieles zugleich: Er ist Stellvertreter für das Medium, das er sich vors Auge hält. Im Moment des Fotografierens hört der Fotograf auf ein Beteiligter zu sein und wird zum Dokumentaristen. Er steht außerhalb der Szenerie, die er abbildet. Sein Blick stellt eine vierte Wand im Zimmer auf: Wir können nicht sehen, was hinter ihm ist, nur den geöffneten Raum vor ihm. Dort, wo er steht, ist später die Oberfläche des Mediums, die Oberfläche des Fotopapiers oder des Displays, auf dem das Bild angezeigt wird.

Dass er von einigen der Fotografierten angeschaut werden darf, ist ein Erbe der Malerei. Ist im Theater oder im Film der Blick ins Publikum oder die Kamera sonst eher verpönt, weil er die Illusion (zer)stört, so verlangen das Portrait und der Schnappschuss geradezu danach, dass zum (späteren) Publikum geblickt wird. Die Illusion der unbeteiligten Dokumentation soll sogar zerstört werden, denn dann ist das Foto „authentischer“ – sprich: Es dokumentiert, dass es wirklich so gewesen ist, wie auf dem Bild gezeigt wird. Die Überraschung, die Unordnung im Raum, die ungekünstelte Pose sind Zeugen einer Wahrhaftigkeit, die Medien fremd ist.

Martin L. Herrmann

Es gibt zwei typische Blickkonstellationen in diesen Fotos: Entweder der Fotografierte wendet sich vom Computer ab und der Kamera zu oder sein Blick bleibt auf dem Monitor haften. Dahinter zeigt sich implizit ein Statement zum Aktualitätsstatus der beteiligten Medien: Der Fotoapparat steht für eine medientechnische Vergangenheit, in der nur gefrorene Inhalte konserviert werden konnten. Weder ist er in der Lage Bewegung festzuhalten (allenfalls als Bewegungsunschärfe), noch kann er Ton aufzeichnen oder gar Interaktion mit den Betrachter ermöglichen.

Dies alles kann aber das neue Medium. Der Computer sticht den Fotoapparat medientechnisch aus. Schlimmer noch: Er verleibt ihn sich ein. Die hier an den Artikel angehängten Digitalisate zeigen, dass dies im Prinzip schon mit einem C64 möglich war. Heute kann der Computer als Bildmedium alle vorangegangenen Technologien in puncto Auflösung und Bearbeitbarkeit übertrumpfen.

Es wundert also nicht, wenn die Jungs auf den Fotos nicht immer Lust haben, zum Fotografen zu blicken, ihre Aufmerksamkeit vom neuen Medium ab- und zum alten hinzuwenden. Zumal, wenn der Fotograf, wie wohl in nicht wenigen Fällen, auch noch ein Elternteil ist. Dann wird der „Generationenkonflikt“ eminent. Hier treffen das Alte und das Neue im inkompatiblen Raum personifiziert und technisiert aufeinander.

Ein-Bild-(ung)

So profan und vielleicht sogar störend der Prozess des Fotografierens den fotografierten Kindern und Jugendlichen damals erschienen sein mag, so wertvoll scheint diese Erinnerung, die sich als Schnappschuss-Foto hier zeigt, den erwachsen gewordenen heute zu sein. Nicht unstolz zeigen sie ihre Bilder in der Öffentlichkeit (der Facebook-Gruppe) heute vor, ernten Lob, freundliche Kommentare, finden Gleichgesinnte für ihre damalige Technikentscheidung und heutige Nostalgie. Die Fotos verbinden die Generation von damals mit der von heute. Sie sind ein Medium der Vereinigung und Zugehörigkeit. Ihre Motive sind Schnittstellen zwischen Erfahrungen und Erinnerungen.

Manchmal zeugen die Fotos von einer Unschuld und Unbedarftheit, die später verloren ging. Das zeigt sich insbesondere, wenn der Fotografierte später „berühmt“ wurde. Wer kennt das Foto von Christian Bale an seinem Amstrad CPC nicht? In unserer Sammlung haben wir zwei solcher Bilder: Robert Jaeger als lockiger Teenager, der vor seinem C64 und Atari 800 sitzt und auf dem Monitor ist sein Spiel „Montezuma’s Revenge“ zu sehen. Ein anderes Foto zeigt Martin Herrmann, der im dicken, blauen Pullover vor seinem Commodore 16 sitzt und uns anschaut. Heute ist er Computersammler und Szenefotograf.
Ihre Fotos sagen im Prinzip dasselbe aus, wie die der anderen auch: Seht, wie ich mich verändert habe! Nur, dass diese Veränderung auch Unbeteiligten auffällt. Damit werden ihre Fotos zu Zeugnissen, die den Beginn einer Karriere markieren. Die Computer auf ihren Bildern sind im Nachhinein betrachtet Belege dafür, dass eben doch nicht alles „nur ein Spiel“ war, sondern eine im Prinzip ernste Angelegenheit: Der Computer ist da und beginnt uns zu verändern! Schauen wir, wohin er uns bringt.

In den Retro-Communities ist dieser Prozess nicht bloß ein ewiges Fortschreiten zum Neuen, Besseren, Schnelleren. Hier zählt auch der Blick nach hinten – nicht etwa zur Standortbestimmung, wie weit man es gebracht hat, sondern zur Rückbesinnung darauf, dass das Leben aus Gegenwarten besteht, die alle sofort zu Vergangenheit werden.
Damit repräsentieren die Computerfotos von damals den Wesenszug des Computers, ständig „Gegenwarten“ zu erzeugen, auf besondere Weise und übertragen ihn auf ihre jungen Nutzer. Älter geworden verwenden diese die Fotos wie Datenträger, mit denen sie Vergangenheiten zurück ins Bewusstsein laden. Dort werden sie zu dem Stoff, der eine Gemeinschaft zusammenhält – über Jahrzehnte hinweg.

Nils Nuber (links) und Stefan Höltgen (rechts) ca. 1986

Mit Dank für die Genehmigung zur Verwendung der Fotos an:
Andrew Howard Williams
Carsten Schreiber
Christoph Hager
Dave Bricklez
Dave Plummer
Markus Imberg
Martin L. Herrmann
Michael Beazley
Robert Jaeger
Stefan Höltgen und Nils Nuber

* Dieser Text ist zerst erschienen in: Digital Talk 115 (https://csdb.dk/release/?id=247575)

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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