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Philosophische Umrisse der Arbeit eines Horrorfilmregisseurs

Ein Text von Bernd Villhauer

Die Philosophie, die in ihrem Analysen lebensweltliche Bezüge behandelt, sieht sich in der Moderne ebenfalls vor die Aufgabe gestellt, Populärkultur und deren Wiederspiegelung in vermittelten Formen eines alltäglichen Bewusstseins bei ihrer Arbeit miteinzubeziehen. Philosophische Forschung muss daher auch in Bereichen geistige Bewegungsfreiheit, interne Kompetenz und definitorische Potentiale entfalten, die als “profan”, “banal” oder “unkultiviert” angesehen we rden. Das gilt für die Literatur, für die unter vielen anderen beispielssweise auch Ernst Bloch Arbeiten philosophischer Reflexion von “Schundliteratur” (z. B. Karl May) geliefert hat (Siehe hierzu Blochs Essaysammlung “Erbschaft dieser Zeit”, die zuerst in Zürich 1935 erschien). Es gilt ebenso für die Musik, angefangen mit der Salonmusik bei Arthur Schopenhauer oder dem Jazz bei Adorno; es gilt schließlich und endlich für die moderne Kunstgattung par exce llence – den Film.

Filme können in verdichteter und symbolkräftiger Weise demonstrieren, welchen Weg ästhetisches und intellektuelles Selbstverständnis in einer Kulturform genommen haben. Sie zeigen, in welchen Bildern über Probleme gedacht wird, di e letzlich durch eine Hermeneutik der modernen Kulturwelt auch philosophisch expliziert werden sollen. Dabei ist interessanterweise von den Produkten am Rande unseres Bildungs- und Kulturkanons (wobei sich das Verhältnis von Rand und Zentrum mit dem Absterben der historischen Formation “Bildungsbürgertum” ständig verschiebt) oft mehr zu lernen, als von den Erzeugnissen der “Hochkultur”. In den Produkten der Unterhaltungsindustrie, den Comics, den Heftchenromanen (“p ulp fiction”), den Popsongs usw. bilden sich die Selbstdefinitionen einer Kultur ungeschützter, unvermittelter und weniger intellektualistisch verfremdet ab. Wir haben hier eine “Reinform” vor uns, die aussagekräftiger ist als die Erzeugnisse einer intellektuellen Elite, die sich von den Erfahrungen des Alltagsbewusstseins systematisch abschirmt und die ihre wenigen so gewonnenen Erfahrungen des Alltagsbewusstseins systematisch kulturell überformt verarbeitet. Oft werden desh alb – entgegen landläufigen Vorurteilen – in der “Populärkultur” Problemstellungen vorweggenommen, die erst später von der intellektuellen “Avantgarde” der Hochkultur ausformuliert werden.

Ein besonders gutes Beispiel ist der Grusel- oder Horrorfilm. Historisch gesehen wurden schon im literarischen Genre durch die “gothic novel” im 19. Jahrhundert (Als Beginn wird meist das Erscheinen der “Burg von Otranto” von Walpole angesetzt) Schauereffekte und strategisch benutzte “Geschmacklosigkeiten” benutzt, um eine neue Ästhetik (besonders in der englischen “schwarzen Romantik”, die über Byron, Shelley und andere eine ungeheure Wirkungsmacht erlang te) zu etablieren. Sie war es, die dann das Selbstbewusstsein einer neuen Zeit, zynisch geworden durch die Selbstreflexion der Spätaufklärung, ausdrücken konnte. Baudelaire hat dieses Potential erkannt und in seinem “Salon von 1848″ visionär beschrieben, ein Schlüsseltext der Moderne, der von Benjamin wiederum meisterhaft kommentiert wurde. Über Charles Baudelaire und Walther Benjamin ist eine argumentative Linie zu verfolgen, die uns geradewegs zu David Cronenberg führt. Was Benjamin unter anderem besonders faszinierte an den Arbeiten des französischen “décadent”, war, dass dieser einen sehr genauen Begriff von den Bruchstellen kulturellen Selbstverständnisses hatte. In Baudelaires Schrift werden die länger werdenden Schatten einer sich als spät verstehenden Kultur daraufhin geprüft, welche neuen Geister sie bergen, welches Zukunftspotential in ihnen liegt. Dies versucht Benjamin auch in seinem berühmten “Passagenwerk” (erschienen: Frankfurt am Main, 1982) und genau dies scheint mir auch einige der Arbeiten Cronenbergs auszuzeichnen. Anders als Benjamin beginnt Cronenberg mit seiner Arbeit allerdings direkt in den “niederen” Distrikten der Unterhaltungsindustrie, und zwar dort, wo sie Tabus für sich benutzt und deren Grenzen auszuloten versucht, bei der Sex- und Gewaltdarstellung.

Es ist hier kein Platz, das Cronenberg’sche Oeuvre in seinen Einzelheiten zu philosophischen Theoremen in Beziehung zu setzen. Nur soviel sei ausgeführt: Den Umgang mit den Tabus Sex und Gewalt, die in der amerikanischen Gesellschaft noch (besonders was ersteres betrifft) eine viel größere Bedeutung haben als im Umfeld der europäischen Kultur, vervollkommnet er zu dem was man eine cineastische Theorie des Körpers und seiner Entwicklungen, auch seiner Verfremdungen und Verstümmelungen nennen könnte. Obsessiv beschäftigt sich Cronenberg mit dem Körperverständnis der zeitgenössischen Gesellschaft; eine große Rolle spielen dabei die Beziehungen von Eigenem und Fremdem.

Was am Körper gehört wirklich dem Individuum, was ist ihm verfügbar und vertraut – und wo beginnt die Grenze der Fremdheit? Welche Entwicklungen stehen hier noch bevor?

Sehr oft spielen Parasiten, Krankheiten oder Mutationen eine Rolle, die dem zunächst autonom handelnden Menschen seine Autonomie rauben und den Körper gleichsam zu enteignen suchen. So wie durch den Körper-Kult und die Modevorgaben der Bekleidungsindustrie die Begriffe von der Schönheit des Körpers ständig sich wandeln, so wandelt sich in seinen Filmen auch das Verständnis zu eigenen elementaren Körperlichkeit.

Hier spielt unausgesprochen eines der Grundprobleme philosophischer Arbeit hinein, nämlich das des Verständnisses von Körper in einer nietzscheanischen Tradition als wesentliches oder zumindest mitdenkendes Erkenntnisorgan (eine Problematik , die auch im vergangenen Semester Gegenstand einer Veranstaltung im Institut für Philosophie war), betrachtet man also den Leib als Teil unseres Erkenntnisvermögens, dann sind die Versuche Cronenbergs über die “Weisheit des Fleisches” erkenntnistheoretischer Präliminarien für eine noch zu schreibende Theorie des Körpers in der Moderne. Dass diese Vorarbeiten in der Form erschreckender und oft ästhetisch abstoßender Horrorfilme auftauchen, sollte uns nicht stören wenn unser erkenntnistheoretisches und kulturphilosophisches Interesse stark genug ist.

Eine philosophische Aufarbeitung der Werke Cronenbergs könnte versuchen, die Elemente seiner filmästhetischen Rhetorik zur philosophischen Analyse des modernen Selbstbewusstseins in Beziehung zu setzen, eine Aufgabe, die – wegen der zu untersuch enden Dokumente – Geduld und Nervenkraft erfordert, aber dazu beiträgt, die wissenschaftliche Arbeit stärker mit Formen des Alltagsbewusstseins zu vermitteln und selbstgewählte Isolation zu beseitigen.

© Bernd Villhauer M. A. (Institut für Philosophie) Herbst 1997