Ursula
Vossen hat ein ganz ordentliches Vorwort geschrieben, dessen
„Hauptanliegen“ die Betonung der subkulturellen Potenz des Genres ist.
Auch wenn nicht immer alle Fakten stimmen („wie auch der deutsche
Horrorfilm immer vergleichsweise unbedeutend geblieben ist“ oder „der
durch Strahlen mutierte Riesenaffe Godzilla (1955)“), kommt sie im
Wesentlichen auf alle Phänomene, die das Kulturphänomen „Horrorfilm“
betreffen zu sprechen: Gewalt, Wirkung, Affekt, Zensur, Historie.
Nur die
Filmografie hat schwere Patzer. Auf den ersten Blick ist alles wichtige
drin (ok, „Blood Feast“ hätte ich rein- und sowas wie „Anatomie“ dafür
rausgenommen), wenn man sich aber mal die Mühet mach, die Filmo nach
Jahrzehnten durchzuschauen, dann klafft da eine gewaltige Lücke: Für
die 50er Jahre ist nur Jack Arnolds „Der Schrecken vom Amazonas“
eingetragen … Kein einziger Hammerfilm! Das ist ein böser Fauxpas
für ein Buch, das kanonisieren will.
Aber
an sonsten steht meine Empfehlung immer noch. Die Texte sind sehr schön
geschrieben (habe stichprobenartig mal die Texte zu „The Others“ von
Sabine Horst, „Shining“ von Michael Gräper, „Blair Witch“ von Rudolf
Worschech und „TCM von Christian Rzechak gelesen).
Ursula Vossen (Hg.): Filmgenres – Horrorfilm. Stuttgart: Reclam 2004.
(Achtung: Derzeit bietet Amazon das Buch einen Euro billiger an, als
auf dem Cover steht: 7,80 Euro anstatt 8,80 Euro. Zugreifen, bevor der Fehler auffällt.)




Eine gute Idee fände ich es, beispielsweise eine derartige Filmliste vorab ins Netz zu stellen, wie man es sonst im Softwarebereich mit einer beta-Version tut, um sie von den Nutzern prüfen und ergänzen zu lassen. Da kommt dann natürlich einiges an Checking-Aufwand auf einen zu. Hätte aber was und wäre auch gutes Marketing in der Filmcommunity.
So progressiv ist kein Verlag (und ich glaube auch nicht, dass ein Herausgeber so viel Kompetenz nach Außen abgeben möchte).
Ich schreibe ja selbst am Kriegsfilm-Band des Reclam-Verlages mit. Da bekam ich eine Liste zugeschickt mit der Aufforderung, die um weitere wichtige Titel zu ergänzen. Das ist natürlich nur insofern möglich, wie der Verlag den Umfang des Bandes flexibel gestaltet. Beim Kriegsfilmbuch (und auch beim Westernbuch) hat man – ganz gleich, wie ich auch zum Thema „Kanonisierung“ eingestellt bin – eine ganz passable Filmliste hinbekommen. Aber der Western und der Kriegsfilm sind ja auch recht deutlich als Genres eingrenzbar.
Die diesbezüglichen Schwierigkeiten beim Horrorfilm (und auch beim SF und Fantasyfilm) liegen auf der Hand und sind in den Einleitungen nachzulesen. Ich selbst hätte zum Beispiel eine strickte Trennung zwischen Horrorfilm und Serienmörderfilm vorgenommen … „Psycho“ und „TCM“ sowie einige andere wären dann gar nicht in das Buch gekommen. Ursula Vossen behilft sich jedoch mit einem – wie sie schreibt – „weiten wirkästhetischen [sic!] Verständnis“, wonach Horrorfilm „alles, was im Kino und auf dem Bildschirm beim Zuschauer gezielt Angst, Panik, Schrecken, Gruseln, Schauer, Ekel, Abscheu hervorrufen soll – negative Gefühle in all ihre Schattierungen.“ Allein Affekte wie „Ekel“ oder Gemütszustände wie „Schauer“ oder „Abscheu“ sind nun wahrlich keine besonders guten Eingrenzungskriterien.