09.09.03: Faces of Death (VHS)
Mit
wieviel Feingefühl der Film beständig versucht, seine Behauptungen als
authentische Begebenheiten zu unterstreichen und sich dennoch immer
wieder durch seine Montage, seine Narration und nicht zuletzt seinen
Pathos selbst als Simulation entlarvt, ist schon fast bewundernswert.
Dr.
Francis B. Gross – der Name ist nicht nur Programm, sondern auch schon
gleich ein Wink mit dem Zaunpfahl – reiht unterschiedliche
pseudo-dokumentarische Sequenzen aneinander, die er als die
verschiedenen „Gesichter des Todes“ klassifiziert und ihnen damit
narrative Legitimität verschafft. Alles ist vertreten: Morde, tötliche
Unfälle, Suizide, Hinrichtungen aber auch: Tierquälereien,
Schlachtszenen und schliussendlich sogar eine Geburt (von Gross als
„Anfang vom Ende bzw. Ende vom Anfang“ chiasmatisiert). Jede der
Sequenzen beginnt mit einem Allgemeinplatz und endet mit einem
Klischee. Besonders aufdringlich sind die moralischen Lehren, die der
Doktor der Medizin aus seinen Begegnungen mit dem Tod (anderer) zieht:
Der Mensch ist dumm, der Mensch ist grausam, der Mensch ist unwürdig.
„Sollte ich eines Tages gezwungen werden, auf dem Land zu leben, ich
würde Vegetarier werden“ und später „Nachdem ich diese Bilder gesehen
hatte, habe ich beschlossen, nie wieder ein Kleidungsstück aus Tierfell
zu kaufen.“
Doch was will „Faces of Death“? Soll uns tatsächlich
ein schlechtes Gewissen eingeimpft werden? Sollen wir wirklich über
unsere Existenz als die berühmte Heideggersche „Geworfenheit“ als „Sein
zum Tode“ reflektieren? Oder geht es Regisseur Le Cilaire vielleicht
darum, uns einzig und allein zu schockieren – mit Bildern, die Leichen
und Tode zeigen – und damit eines der letzten (und ziemlich neuen)
Abbild-Tabus brechen? Warum sucht der Horror in „Faces of Death“ den
Anschluss an die Wirklichkeit so dringlich?
Ich meine, es geht
zuvorderst um den Diskurs über die Wirklichkeit. „Faces of Death“
stellt nicht ohne Grund den Tod in das Zentrum seiner
Berichterstattung. Einerseits ist es nämlich die Vergänglichkeit mit
all ihren Facetten, die das für den Horrorfilm einzige und gleichzeitig
letztmögliche Sujet sein kann – sich an den Tod im doppelten Wortsinne
„objektiv“ anzunähern ist das finale Streben des Horrors. Andererseits
sind die brachialsten Bilder des (menschlichen oder tierischen) Körpers
– der getötet, verstümmelt oder einfach nur als tote Masse ausgestellt
wird – der absolute Bürge für das Authentische. Denn: nichts scheint so
wahrhaftig, wie Schmerz und Tod. Über alles lässt sich philosophieren
und philosophierend Skeptizismus verbreiten. Doch allein der Schmerz –
das belegt Elaine Scarry in „The Body in Pain“ – ist unleugbar, weil er
keine Sprache zulässt (sich damit analytischen und logischen Kriterien
entzeiht) und allein der Tod ist definitiv, weil er die Sprache zu
ihrem Ende führt.
Dieses fatum brutum nutzt „Faces of Death“ und
darin ist schließlich auch der Grund für seine Phrasen und Klischees zu
suchen. Die Begegnung Gross‘ mit dem Körper und dem Tod (es wird nie
klar, ob es sich bei den Sequenzen um „gefundenes“ oder um „gesuchtes“
Footage handelt) verbunden mit dem Fasizinosum des authentischen Bildes
davon und konfrontiert mit der ans Ende gelangten Sprache lassen die
Mockumentary „Faces of Death“ schlussendlich doch zum Dokumentarfilm
werden: einer Dokumentation des unmöglichen Kunstobjektes. Denn das
Genre „Mockumentary“ ist ja keineswegs allein dem Schau-Effekt
geschuldet – vielmehr ist es ein Bekenntnis, dass die sich fiktional
gebende Filmkunst im Verlangen, das letztmögliche Auszuformulieren
irgendwann notwendigerweise ins Symbolische und damit nicht mehr
eindeutig Greifbare abrutschen muss. Dass „Back to Reality“-Prinzip des
Mocks beendet diese Ästhetisierung, indem es sie in die Hyper-Ästhetik
überführt. Die Suche nach dem wahren Bild ist also immer auch die Suche
nach dem, was keine Worte beschreiben können. „Faces of Death“ ist
„Unterwegs zur Sprache“ … und kommt dort nie an: Das ist sein Horror.



