Die Wutprobe

10.05.03: Die Wutprobe (Metropolis)

Wieder
einmal ein Film, bei dem einem das Lachen eigentlich im Hals stecken
bleiben müsste. Das komische Potenzial der Situation (die in ihrem
Verschwörungscharakter in einigem Finchers The Game ähnelt) ist
sicherlich einer der Hauptgründe für den Erfolg von Die Wutprobe. Ein
Nicholson, der in seinem Mimenspiel seit The Shining selten besser war,
ein Adam Sandler, der so duckmäuserisch ist, dass man mit ihm zusammen
gern die Welt nicht mehr verstehen will. Und eine gut aussehende Marisa
Tomei, die wieder einmal total auf das „nette Mädchen“-Stereotyp
reduziert wird, um deren Liebe man zusammen mit dem Helden bangen muss.
Dazu eine handvoll derber sexistischer Humor, slapstickhafte
Gewalttätigkeit und Psychologen-Kalauer ? und die all-american-Comedy
ist perfekt.

Aber auf der anderen Seite wird das Komische
relativiert durch eine Form von Gesellschaftskritik, die die
us-amerikanischen Massen-Neurosen seit dem 11. September 2001 bislang
haben vermissen lassen. Nicht umsonst fällt gleich zu Anfang des Films
der Satz: „In den schweren Zeiten, die unser Land gerade durchmacht,
müssen Sie kooperieren.“ Und kooperieren will Adam Sandler die ganze
Zeit. Ihm kommt alles reichlich verdreht vor, wenn er leise um einen
Kopfhörer bittet und aggressiv aufgefordert wird, nicht so zu schreien
oder wenn er mehrfach vor Gericht steht für Verbrechen, die eigentlich
keine sind, sein Anwalt ihm nicht helfen kann oder will und er
schließlich sogar zu betreutem Wohnen verdonnert wird. Sein „embedded
psychiatrist“ Jack Nicholson fungiert als Überwachungseinheit und
a-moralisches Korrektiv, bringt ihn in Situationen der „Notwehr“, in
die er sich selbst nie gebracht hätte und lehrt ihn, seine Agressivität
(„Sie sind der implodierende Typ!“ – also der „Schläfer“) auszuleben –
notfalls auch an buddhistischen Mönchen.

Ob das ganze nun
ironisch gemeint ist, oder sich als komödiantischer „patriot act“
verstehen soll, der dem neurotischen Pazifismus (für den ja bekanntlich
auch das „alte Europa“ steht) als krankhaft entlarvt, will ich nicht
entscheiden müssen. Aber zum Ende wird ja alles gut und als
Verschwörung enttarnt und Jack Nicholson reißt sich die Maske des
Provokateurs vom Gesicht. Er habe im Auftrag von Sandlers Freundin
gehandelt, weil dieser an seinen verschrobenen Aggressionen zu
ersticken drohte. Dann ist ja alles gut. Schön alles rauslassen!

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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