Gendered BASIC

Ein paar Überlegungen zur Frage, wie Programmiersprachen im Allgemeinen und BASIC im Besonderen in Beziehung zu Gender-Fragen stehen:

Erst zu Beginn der 1990er-Jahre [Ensmenger 2010:120] wurde auf die Rolle von Frauen in der Computergeschichte, in der bis dahin vor allem »computer boys« [ebd.:131] den Diskurs dominierten, hingewiesen. Hier war es insbesondere die Geschichte der Programmiersprachen und der Computerprogrammierung, in der Erfinderinnen und Entwicklerinnen wie Ada Lovelace, Grace Hopper, die Programmiererinnen des ENIAC, Margaret Hamilton, Jean E. Sammet und anderer [Gürer 2002] Raum in den Historiographien eingeräumt wurde. Auch BASIC gehört in den Kanon jener Programmiersprachen, in denen weibliche Entwickler(innen) eine maßgebliche Rolle gespielt haben – wie etwa Mary Kenneth Keller für das Dartmouth-BASIC [ebd.:180f.] oder Sophie Wilson für das BBC-BASIC [Gazzard 2016:22f.]. Es ist anzunehmen, dass eine sorgsame Archivrecherche und Historiographie der BASIC-Sprachentwicklung weitere Erkenntnisse hierüber hervorbringt.

Die Rolle und der Anteil weiblicher BASIC-Programmierer(innen) ist allerdings bislang nur für die Zeit der Erfindung der Sprache erforscht:

Although the educational and career options and expectations for young women would change dramatically during the decade after the Secondary School Project, most of the girls attending these public schools in New England in the late 1960s expected to marry young and live as homemakers. […] In the 1960s, girls typically were not encouraged in high school mathematics, and because computing was closely associated with mathematics, girls were not encouraged to compute. In fact, although BASIC was celebrated as easy to learn and similar to English, it was also touted for being very algorithmic – that is, very mathematical. [Rankin 2018:87]

Dies belegt Rankin mit Statistiken zu Schüler- und Student:innenzahlen, die BASIC-Kurse besuchten und absolvierten, sowie an deren Teilnahmen an Programmierwettbewerben. Auch Ehrmanntraut [2019:63f] deutet dies im Zusammenhang mit dem zeitgenössischen Rollenbild von Frauen in der US-amerikanischen Gesellschaft, sieht aber schon zu Beginn der 1970er-Jahre eine wachsende berufliche Affinität von Frauen zu Computern [ebd.:166, 191f.]. Inwiefern sich diese auch in der hobbyistischen Nutzung von Computer zeigt, ist bislang im allgemeinen für die ›Homecomputer-Ära‹ kaum [Harasser 2005] erforscht, ebenso wie Genderaspekte der BASIC-Programmierkultur im zu untersuchenden Zeitraum im besonderen.

Ein von mir geplantes Forschungsprojekt zu BASIC wird diesen Spuren nachgehen und sowohl die Rolle weiblicher Entwickler(innen) und Mitentwickler(innen) von BASIC-Interpretern als auch die von weiblicher BASIC-Programmierer(innen) explizit in die Analyse einbeziehen. Dies soll dabei weniger die Frage beantworten, ob es erkennbare Unterschiede im Programmierstil abhängig von Genderaspekten gibt [Carter/Jenkins 2002], als zum Projekt der (historiografischen) Sichtbarmachung nicht-männlicher Leistungen in der Geschichte der Programmierkulturen beizutragen und so die bislang vor allem auf männliche Leistungen fokussierte(n) Geschichte(n) des Homecomputing zu supplementieren.

Literatur:

  • Ensmenger, N. (2010): The Computer Boys Take Over. Computers, Programmers, and the Politics of Technical Expertise. Cambridge/London: MIT.
  • Gürer, D. (2002): Pioneer Women in Computer Science. In: SIGCSE Bulletin, Vol. 34, No. 2 (June, 2002), S. 175-183.
  • Gazzard, A. (2016): Now the Chips are Down. The BBC Micro. Reihe: Platform Studies. Cambridge/London: MIT Press.
  • Ehrmanntraut, S. (2019): Wie Computer heimisch wurden. Zur Diskursgeschichte des Personal Computers. (Reihe: Edition Medienwissenschaft). Bielefeld: Transcript.
  • Rankin, J. L. (2018): A People’s History of Computing in the Uni­ted States. Cambridge/London: Harvard Press.
  • Harrasser, K. (2005): Computerhystorien. Erzählungen der digitalen Kulturen um 1984. (Dissertation Universität Wien.)
  • Carter, J./Jenkins, T. (2002): Gender Differences in Programming? In: Proceedings of the 7th Annual SIGCSE Conference on Innovation and Technology in Computer Science Education, ITiCSE 2002, Aarhus, Denmark, June 24-28, 2002, S. 188-192.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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