Denn sie wissen, was sie tun!

Über den Sinn der Begriffe „Nostalgie“, „Revival“ und „Retro“

Jeder, der sich mit alten Computern oder alten Computerspielen beschäftigt, kennt die Fragen, die gestellt werden, wenn „normale Menschen“ mit diesem Hobby konfrontiert werden: „Bist du in den 80ern hängen geblieben?“ „Sind dir neue Spiele zu schwierig?“ „Bist du ein Gegenwartsverächter?“ Vielleicht kommen diese Fragen nicht immer im selben, aggressiven Ton daher; vielleicht klingen sie weniger vorwurfsvoll als mitleidig; vielleicht werden sie gar nicht gestellt, sondern durch entsprechende Blicke kundgetan. Aber berechtigt scheinen sie allemal zu sein, denn für eine Konsumkultur, die ständig neue Apparate mit teilweise geplanten Verfallsdaten hervorbringt, stellt die Beschäftigung mit dem alten, obsoleten, überkommenden einen Widerspruch, ja, sogar eine Gefahr dar. Gilt als Devise der modernen Kultur doch das alte Ulbricht-Wort: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Und natürlich widersprechen nur die allerwenigsten Retrocomputer-Hobbyisten dieser Lebenseinstellung konsequent, nutzen sie für ihre täglichen Arbeiten doch sicher auch einen modernen Computer und haben vielleicht auch eine PlayStation 4 unterm LED-Fernseher stehen. Doch direkt daneben (oder nebenan im Hobbyzimmer) trotzt dennoch und gerade dann umso mehr die anachronistische Alt-Hard- und -Software dem Fortschrittscredo. Es scheint also nicht sinnlos sich zu fragen, warum man sich eigentlich dieses Hobby ausgesucht hat und wie es sich am sinnvollsten definieren lässt.

Für letzteres stellt uns die Sprache ein paar Begriffe zur Verfügung: „Revival“, „Nostalgie“ oder „Retro“. Nicht nur, weil gerade um diese Begriffe häufig hitzige Debatten entbrennen, sondern auch, weil sich über sie das Selbstverständnis des eigenen Hobbys treffsicher eingrenzen lässt, wäre eine Klärung angebracht, die ich im folgenden versuchen möchte. Denn sie bedeuten und bezeichnen mehr als die Adjektive „classic“, „vintage“ oder „obsolete“, die manchmal als englische Zuschreibungen für historische Technik benutzt werden.

Revivals hat es viele gegeben. Das bedeutendste von allen war wohl die „Renaissance“ (was bereits eine Übersetzung des Begriffs ins Französische darstellt). Dabei werden Stile, Moden, Verhaltensweisen einer nahen oder fernen Vergangenheit wiederbelebt und in der Gegenwart noch einmal praktiziert. Das entscheidende Kriterium dafür ist, dass es dabei genau dasselbe wie in der Vergangenheit noch einmal gemacht wird: Stulpen aus den 80ern werden heute noch einmal so getragen wie früher oder Musikbands von damals touren noch einmal mit ihren alten Hits und erzielen damit neue Erfolge. Das Wiederaufleben wird dabei ganz ernsthaft praktiziert, als Rückbesinnung auf die früheren Qualitäten und Stile und mit einem Hang zur Verklärung des Vergangenen. Das entscheidende ist, dass man den betroffenen Gegenstand gar nicht selbst in seiner „Originalzeit“ erlebt haben muss, um an dessen Revival partizipieren zu können.

Ähnlich sieht es da bereits bei der Nostalgie aus, jedoch mit dem Unterschied, dass hier sehr wohl ein persönlicher Bezug zur Vergangenheit bestehen muss und dass das nostalgisch verklärte Objekt auch ganz privat und nicht im Zuge einer erneuerten Mode in der Gegenwart auftauchen kann. Bei den meisten sind es wohl Kindheitserinnerungen, an die sich nostalgische Gefühle heften – also stets so nah zurückliegende Zeiten, dass man sie noch selbst erlebt hat. Die Stimmung ist dabei eine Mischung als Trauer über das Vergangene und liebevoller Verklärung des Erinnerten (das sich ja selten tatsächlich so ereignet hat, wie man es erinnert). Es gab Zeiten, das galt Nostalgie als psychische Erkrankung; heute gehört sie zum Standardrepertoire privater Gefühlshaushalte. Leicht unterscheidbar vom Revival ist sie dadurch, dass sie sich schlecht ausleben lässt: Wer schon einmal ein altes Computerspiel aus nostalgischen Gründen heute noch mal gespielt hat, stellt bald mit Ernüchterung fest: Es ist eben nie wieder so, wie es damals war.

Der komplizierteste Begriff in diesem Zusammenhang ist Retro. Er existiert so, wie wir ihn heute verwenden, erst seit den 1960er-Jahren und meint dabei einen Rückbezug auf ein historisches Objekt oder Ereignis, das in der Gegenwart allerdings einen neuen Sinn erhält. Dieser Rückbezug findet mehr intellektuell reflektiert als emotional statt und orientiert sich an einer eng eingegrenzten Objektklasse, einem Thema oder Stil. Nicht selten ist er von einer ironischen Grundhaltung gegenüber der Vergangenheit geprägt, die man mit der Gegenwart „konfrontiert“. „Doom“ auf einem VC-20 ist, wie wir gesehen haben, zwar machbar aber durchaus nicht ernst gemeint. Die vergleichsweise kümmerlichen technischen Spezifikationen alter Computer oder die defizitäre Ästhetik historischer Computerspiele wird in Retro-Szenen adaptiert, künstlich erzeugt und verweist damit gleichzeitig auf das Vergangene wie die Gegenwart. Retro ist dabei konstruktiv und innovativ; es versucht weder zu konservieren noch nostalgisch zu verklären, sondern einen Mix aus Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, bei dem etwas neues herauskommt.

Und fragt man jemanden, der sich mit Retrocomputing beschäftigt, nach seinem Motiv, erhält man nicht selten erst einmal die Antwort: „Weil es geht.“. Aber dahinter steckt mehr. Es ist heute eben heute nicht mehr so leicht wie früher, etwas Neues, Kreatives zu generieren. Alles scheint schon mal irgendwann da gewesen zu sein. Da hilft nur eines: Sich selbst und andere ständig darauf aufmerksam zu machen, dass man nichts neues machen kann. Und wie wäre das leichter, als das Alte herbei zu zitieren. Der Retrocomputer-Hobbyist hat den Vorteil, dass sich das Alte für ihn als technischer Apparat oder als Software manifestieren lässt. Da sieht jeder sofort, dass es sich um etwas neues Altes handelt. Bei diesen Tätigkeiten lassen sich zudem drei Modi unterscheiden: 1. kann man auf neuen Computern etwas machen, das alt aussieht; 2. kann man auf alten Computern etwas neues machen und 3. kann man auf alten Computern etwas Altes machen, es aber in neue Zusammenhänge setzen (etwa, indem man die Geschichte der Ego-Shooter von „Maze War“ bis in die Gegenwart aufrollt). Die Möglichkeiten sind so komplex, wie die Beziehungen zur Geschichte selbst. Deshalb ist die Rede von der „Retro-Welle“, die angeblich gerade über uns hinweg rolle (oder auch nicht), unsinnig, denn „Retro“ ist eben mehr als eine Modeerscheinung – es ist eine Art von „Geschichts-Philosophie“.

Zuerst erschienen in: RETURN, Return, Ausgabe 28 (2016), S. 76f.

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen
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