Call for Papers: SHIFT • RESTORE • ESC – Die Aufhebung des Retro-Computings in der Medienarchäologie

Vortragsreihe im Sommersemester 2013 am Fachgebiet Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin sowie anschließender Sammelband

2002 veröffentlichte der Medienwissenschaftler Claus Pias mit seiner Dissertation „Computer – Spiel – Welten“ einen grundlegend medienarchäologischen Beitrag zu einem Phänomen, das bis dahin als adoleszenter Auswuchs der Popkultur verstanden und allenfalls von den empirischen Sozialwissenschaften (Medienwirkungsforschung, …) beachtet wurde: Computerspiele. Sie werden ab den frühen 1970er-Jahren (wie Pias vermerkt: als ein Amalgam aus Arbeitswissenschaften, Kriegstechnologien und mathematischen Kalkülen) zu einem allgegenwärtigen Phänomen des Privaten, besiedeln vormalig monodirektive audiovisuelle Kanäle und dispergieren die Vorstellungen vom Realen und vom Virtuellen, die sich interaktiv und immersiv im Spielraum aufgehoben finden. Der Grund für dieses Potenzial ist aber auch in der Technologieentwicklung jener Zeit zu suchen, die Pias‘ als argumentativer Fluchtpunkt dient: Mit der Standardisierung der Computerelektronik durch die Entwicklung des Mikroprozessors und einer gleichzeitigen Diversifizierung der Plattformen (auf Basis unterschiedlichster Prozessorarchitekturen) entsteht eine große Bandbreite disparater Computertypen, die jedoch allesamt vornehmlich einem Zweck dienen sollen: dass mit ihnen gespielt werden kann.

Um dies zu ermöglichen, halten Standards in Hard- und Softwareentwicklung Einzug, welche die folgenden Jahrzehnte nachhaltig prägen. Programmiersprachen, Programmiertechniken, aber auch häufig eingesetzte Spezial-Chips für die wichtigsten multimedialen Funktionen des Computers (namentlich: Sound und Grafik) entlasten nicht nur die CPU, sondern erleichtern auch die Portierung von Spiel-Titeln von einer Plattform auf eine andere. Die diesbezügliche Vereinheitlichung von Funktion zum Zwecke des einheitlichen (Spiel-)Inhalts findet sich jedoch einer Bewegung gegenüber gestellt, die gerade auf das Gegenteil abhebt und die Spezifika der jeweiligen Computerarchitekturen hervorhebt, indem sie die Geräte programmiert, analysiert, in ihren technischen Spezifikationen in Computerzeitschriften dokumentiert. Hobbyprogrammierer bzw. Hacker bilden den Beginn des Mikrocomputingzeitalters und finden sich in der gesamten 8- und 16-Bit-Ära an prominenter Stelle, bevor sie im Zuge einer Uniformierung von Hardware (Intels x86- und Apples Motorola-68k-/PPC-Architekturen) und Software wieder verschwinden. (Ikon-basierte GUI-Betriebssysteme wie „Microsoft Windows“ oder „Mac OS“ machen den Zugriff auf die symbolischen Ebenen des Computers nicht nur unnötig, sondern oft auch unmöglich – „What you see is what you get“, betont Pias, ist nicht nur ein Versprechen, sondern auch ein Verschließen!)

Dieses Verschwinden gleicht allerdings eher einem „systematischen“ Rückzug, wie sich aus heutiger Perspektive erkennen lässt. Denn die 8- und 16-Bit-Plattformen der 1970er-, -80er- und -90er-Jahre haben im Zuge des „Retro-Phänomens“ abermals in den kulturellen Diskurs gefunden – und von dort nun Eingang in eine medienarchäologisch orientierte Medienwissenschaft erhalten. Pias‘ Arbeit ist ein indirekter Ausfluss davon, beschreibt er seine eigene Motivation doch damit, selbst einmal zu jener peer group der Computerkids gehört zu haben. Die Phänomene, mit denen sich jüngere und jüngste medienwissenschaftliche Projekte beschäftigen, kreisen wieder um diese alten Plattformen und die Frage, wie sie – rückblickend – kulturelle Diskurse und mediale Technologien getriggert und forciert haben. Dass aber auch ganz aktuell noch Forschung, Programmierung und Entwicklung von und auf alter Hardware stattfindet, ist – neben der immer möglichen, kulturwissenschaftlichen Perspektive auf das „Retro-Phänomen“ – auch von medienwissenschaftlichem Interesse. Denn dem archäologischen Impuls Friedrich Kittlers folgend, offenbaren sich in der Exploration von Hardware mit Hilfe von maschinennaher Programmierung epistemologische, kulturhistorische und technologische Sedimente, die teilweise erst heute, in der Ära Marc Weisers Wirklichkeit gewordenen Ubiquitous Computers, in ihrer Bedeutsamkeit erkannt werden können. Die Beschäftigung mit diesen Sedimenten erzeugt eine jenseits technologischer Fachdisziplinen verlorengegangene Sichtbarkeit und Verstehbarkeit von Computerelektronik und -funktion. Diese kann nicht im historischen Rückblick, sondern allein in der gegenwärtigen experimentellen Exploration erarbeitet werden, welche von der Programmierung alter Hardware bis zur Abbildung derselben in modernsten Microcontrollern in Form von Emulatoren reicht.

Die Vorlesungsreihe „SHIFT – RESTORE – ESCAPE“ will sich dieser Praxis, ihren informatischen, medienwissenschaftlichen und kulturell-künstlerischen Ausformungen widmen und in 14 wöchentlichen Terminen Fachleute alter Hard- und Software zu Wort kommen und zur Tat schreiten lassen. Die Bandbreite der Betrachtungen soll von der Exploration einzelner Hardwareplattformen über die Programmierung esoterischer Programmiersprachen und Computertypen bis hin zur aktuellen Spielentwicklung, sowie Software- und Hardware-Konservierung reichen. Dazu werden Referenten ins Medientheater am Bereich Medienwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität eingeladen, um in einem Vortrag, einer praktischen Vorführung und anschließender Diskussion über ihr Arbeitsthema zu sprechen. Die möglichst große interdisziplinäre Bandbreite und inhaltliche Vielfalt an Themen, Personen und Plattformen soll nicht nur die Vielfalt der (damaligen) Computer-Kultur widerspiegeln sondern auch die Bandbreite eines aktuellen medienarchäologischen Themas umreißen.

Die Vorträge finden wöchentlich Dienstags (ab 18 Uhr) im Sommersemester 2013 im Medientheater des Fachgebietes Medienwissenschaft statt. Sie sollen zwischen 45 und 60 Minuten Länge haben und durch anschauliche Beispiele flankiert werden. Bitte reichen Sie Ihren Vortragsvorschlag mit (Arbeits)Titel, Kurzbiografie in einer Maximallänge von 1000 Zeichen bis zum 30.11.2012 ein.

Weitere Informationen, Planung und Organisation: Dr. Stefan Höltgen, stefan.hoeltgen@hu-berlin.de, Tel.: 030 2093-66185, www.retrotopia.de oder bei Facebook

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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