SimulationsRaum Rotating Header Image

»That does not compute!«

My Living Doll (USA 1964, Ezra Stone) (YouTube)

Psychologisch geht es nach „Sex Kittens go to College“ auch gleich weiter – allerdings im Fernsehen. Der US-amerikanische Sender CBS strahlte zwischen 1964 und 1965 26 Episoden der Serie „My Living Doll“ aus und stellte die Serie mangels Erfolg nach der ersten Staffel gleich wieder ein. Das ist im Rückblick gleichermaßen bedauerlich, wie verständlich, war die Serie ihrer Zeit doch (viel zu) weit voraus – sowohl was die ironische Brechung von patriarchaler Geschlechtsvorstellungen angeht als auch in Hinblick auf das Androiden-Motiv. Vieles von dem, was „My Living Doll“ vor 45 Jahren in die heimischen Wohnzimmer gebracht hat, gab es nämlich erst Ende der 80er (sehr deutlich etwa in der ebenso erfolglosen Serie „Mann & Machine“) wieder zu bewundern.

Vier Episoden der leider (noch?) nicht auf DVD erhältlichen Serie habe ich sehen können: Die Pilotfolge „Boy meets Girl„, die 3. Episode „Uninvited Guest„, die 6 „Something Borrowed“ und die 16. „Pool Shark„. Sehr bedauerlich, dass ich die vom Titel her sehr vielversprechend klingenden Teile „Rhodas First Date“, „Lessons in Love“, „Beauty Contest“ und „The Love Machine“ nicht sehen konnte. Die vier vorliegenden bieten allerdings schon einen recht guten Einblick in das Konzept und die Vorstellungen von einem „voll ausgestatteten“ weiblichen Roboter (verkörpert von der 60s-Sex-Ikone Julie Newmar, die vor allem als Catwoman in der 60er-TV-Serie „Batman“ mit ihren engen Latex-Kostümen Aufsehen erregte), der allerdings den Verstand und die „Naivität“ eines etwa sechsjährigen Kindes besitzt. Dass die Roboter-Figur explizit als „verführerisch“ angelegt ist, erscheint angesichts des Serienvorspanns schon fraglos und wird z.B. durch die Positionierung ihrer Reset- und Kalibrierungs-Tasten als Schönheitsflecken auf dem Rücken nur noch unterstrichen.

"Boy meets Girl": »98.6« »Yes, nice and warm.«

Die Pilot-Folge klärt über den Hintergrund der Figurenkonstellation und die Herkunft des Roboters auf: Er wurde als Projekt „AF709“ von Dr. Carl Miller in einem Regierungslabor hergestellt, damit er im bemannten Weltraumflug eingesetzt werden kann. Allerdings verlässt der Roboter das Labor aufgrund einer Fehlfunktion und wird vom mit Miller befreundeten Psychologen Dr. Robert McDonald lediglich in einem Betttuch gehüllt auf offener Straße „eingefangen“. Weil Miller für mehrere Monate außer Landes verreisen muss, der Laborchef allerdings nichts vom fertig gestellten und geflohenen Roboter erfahren soll, nimmt McDonald AF709 als Gast in seinen Privatwohnung auf, gibt ihm den Namen Rhoda Miller und versucht vor der Öffentlichkeit zu verbergen, dass es sich bei der als etwa 35-jährige Frau geformten Rhoda um einen Roboter handelt. Aus diesem Geheimnis, der sexuellen Attraktivität und gleichzeitigen Naivität Rhodas sowie einem von McDonald lancierten persönlichen Projekt entstehen die dramatischen Erzählungen der Episoden.

"Boy meets Girl": »That sheet's got to go.« »Very well.« »Not now!«

Das Projekt des Psychologen McDonald ist es, aus Rhoda eine „perfect woman“ zu machen, das bedeutet für ihn: eine Frau, die alles tut, was man ihr sagt und nicht widerspricht. Das kann Rhoda sehr gut – allerdings aber auch zu gut. Sie versteht Anweisungen nur direkt und befleißigt sich eines überaus technischen Jargons – selbst in Situationen, wo dieser nicht angebracht ist (das bedeutet: in allen sozialen Situationen). Rhoda verlässt trotz Verbotes mehrfach das Appartement und entdeckt die Außenwelt, in der quasi an jeder Ecke Männer warten, die ein Auge auf sie werfen. In „Something borrowed“ geht es sogar so weit, dass Rhoda in die Hochzeit mit einem ehemaligen Patienten McDonalds einwilligt – einfach, weil sie dessen Love-Talk nachplappert. Darüber hinaus wird aber auch die weibliche Unscheinbarkeit des Roboters ausgenutzt, um etwa eine Pool-Billard-Wette zu gewinnen (für Rhoda ist das Spiel ein rein ballistisches Vektor-Berechnungs-Problem, das sie als Angehörige der NASA natürlich mit Bravour löst).

"Pool Shark": »The angles of impact and trajectory are very important. It is very much like calculating a vector for a space vihecle. «

Spannend in den vorliegenden Episoden sind vor dem Hintergrund des Sexfilm-Themas besonders die Zusammentreffen Rhodas mit dem ihr stets nachsteigenden Nachbarn McDolands, Peter Robinson. In „Uninvited Guest“ versucht McDonald Rhoda vor einem Zusammentreffen mit dem Labor-Chef, der ihn besucht, dadurch zu bewahren, dass er sie mit Peter verkuppelt. Kurz zuvor hatte sie einen mentalen Zusammenbruch erlitten, nachdem sie Lewis Carolls „Alice in Wonderland“ gelesen und die verquere Logik der Erzählung ihre Schaltkreise überlastet hat. McDonald verhindert nun das Schlimmste (dass nämlich Rhoda mit Peter und dem Laborchef zusammen ein Restaurant aufsucht), indem er Sentenzen des Stücks zitiert, woraufhin Rhoda erwartungsgemäß kollabiert. So sehr ihr Verhalten und Aussehen auf die Generierung von Sexualkontakten ausgerichtet zu sein scheint, so leicht lässt sie sich doch in Zustände von Hysterie versetzen – McDonald ist Psychologe genug, das zu wissen und auszunutzen.

"Something Borrowed": Dance, doll!

Und die Hysterie ist bei Rhoda andauernd zu spüren: Immer, wenn sie mit sie überfordernden Wünschen konfrontiert wird – sei es nun sprachliche Ungenauigkeit durch Metapherngebrauch oder sexuelle Zweideutigkeiten – reagiert sie mit „That does not compute!“, verfällt in merkwürdige Katalepsien und schirmt sich damit gegen das „Allzumenschliche“ ab oder verfällt gleich in Technizismen. Als ihr McDonald beim ersten Zusammentreffen das Kompliment macht: „You‘re a fabolous electronic creation.“ pariert sie dies mit: „Instructually, I am very well build.“ Für den Zuschauer bedeutet dies zunächst einmal dasselbe. Rhoda hingegen durchschaut den als Bewunderung ihrer Technik getarnten Flirt-Versuch erst gar nicht, sondern übersetzt ihn lediglich durch „Computierung“ ins Technische. Aus dieser Vorgehensweise rekrutiert die Serie ihre witzigsten Situationen – etwa, wenn Rhoda aus Unsicherheit stets Mimik, Gestik und Sprechweise ihres Gegenübers imitiert, was von diesem wie Zustimmung und Vertrautheit interpretiert wird. Der o. g. Heiratsantrag an sie läuft genau so ab.

"Uninvited Guest": erotische Resetknöpfe auf dem Rücken

Mit „My Living Doll“ wird eine weitere Facette des Roboter-Motivs popularisiert – nämlich dessen mögliche Sexualisierung. Fernab von den „Schmuddelbildern“ der Sexfilme a la „Sex Kittens go to College“ startet hier Mitte der 1960er-Jahre der Versuch, dem Fernsehzuschauer die Gender-Implikationen von Robotertechnik nahezubringen. Dass dies im Modus der Komödie geschieht, zeigt weniger die Unverbindlichkeit als die Brisanz des Vorhabens. Wie brisant diese Mensch-Maschine-Annäherung gewirkt haben mag, lässt sich wohl vor allem daraus ableiten, dass „My Living Doll“ nur eine Staffel lang durchgehalten hat und dann abgesetzt wurde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.