»Ich hatte das verdammte Ding abgeschaltet.«

Net Games (USA 2003, Andrew van Slee) (DVD)

Frauen und Technik ...

Mein To-Do-Stapel hat ein bedenklich niedriges Niveau erreicht, weswegen ich mir als neues Projekt vorgenommen habe, einen Blick auf die Motiv-Kombination „Computer“ und „Serienmord“ zu werfen. Es gibt nicht viele Filme, die diese bedienen; diejenigen, die ich gesehen habe, nutzen allerdings beide Phänomene zur gegenseitigen ästhetischen „Verstärkung“. In „Schnittstellen“ hatte ich zu „Copycat“ und insbesondere zu „The Cell“ schon über die authentisierenden Effekte des Computer-Einsatzes im Plot geschrieben (archetypisch ist in beiden Filmen die Verschränkung von medialer Räumlichkeit und den Bedrohungs- bzw. Detektionsnarrativen des Serienmörderplots). Mit einem der konservativsten, und deshalb für eine Betrachtung von Angst-Mechanismen wertvollsten Beispiel beginne ich die Reihe: „Net Games“.

... beobachten dich.

Der Film erzählt die Geschichte eines Ehemannes, der seit Monaten keinen Sex mit seiner Frau mehr hatte, weil diese an einem Vergewaltigungstrauma laboriert. Adam, so sein Name, bekommt deshalb von seinem Arbeitskollegen Ray eine Visitenkarte mit der URL eines Sex-Chat-Systems, auf dem er „sauberen“ Sex haben kann, ohne gleich seine Frau zu betrügen. Adam loggt sich dort unter dem Pseudonym „Ray“ ein und bekommt kurz darauf Kontakt zu „Angel“, einer Frau, die sexuell aggressiv ist, und – wie wir Zuschauer sehen – sofort beginnt, Adam/Ray zu stalken um herauszufinden, wer er wirklich ist. Als er ihr unvorsichtigerweise sogar seine Telefonnummer gibt, beginnt die Frau aus der Virtualität in das reale Leben Adams einzubrechen. Sie verfolgt ihn, fotografiert und erpresst ihn und versucht sogar, ihm einen Mord in die Schuhe zu schieben. Adam versucht indes das Lügengebäude um seinen (Web)Seitensprung aufrecht zu erhalten und erzählt weder seiner Frau noch der Polizei etwas von Angel – bis diese seinen Freund Ray ermordet. Schließlich stellen Ray und seine Frau der Wahnsinnigen eine Falle.

Draußen vs. Drinnen

Zunächst fällt auf, wie fraglos das Internet in „Net Games“ schon von Beginn an „verteufelt“ wird: Dort treffen sich nicht nur Wahnsinnige, Sex-Maniacs und Nymphomaninnen – es ist auch sofort und ohne jede Mühe herausfindbar, wer jemand ist: Angel bekommt etwa innerhalb von Sekunden über die IP-Adresse „Rays“ Einblick Zugang zu seinem Rechner und Einblick in die Kontoauszüge Adams … dass sie sich seine Telefonnummer erst im Chat durchgeben lassen muss, wirkt da umso erstaunlicher. Die Netz-Technologie im Besonderen und der Computer im Allgemeinen werden als „böse“ konnotiert, als Tatwerkzeuge zum Ehebruch und zur Straftatsanbahnung. Um diese Charakterisierung durch Personifizierung noch zu steigern, bekommt Adams Laptop eine Stimme und ein Gesicht: Jedes mal, wenn Adam von Angel eine Mail bekommt, „klopft“ der Computer, als er sie einmal versetzt, sendet sie ihm ein unheimlich aussehendes männliches Gesicht, das natürlich sofort als das „Gesicht der Maschine“ zu identifizieren ist. Die Apotheose hiervon bildet der Schluss, an dem der Computer den Text des Chats nicht nur einfach wiedergibt, sondern ihn sogar spricht – zuvor wurde der Bildschirmtext stets laut von den Chattenden gelesen (was auf den Zuschauer gleichermaßen unglaubwürdig wie peinlich wirkt).

The effeminated computer ...

Dass mit Hilfe des Computers und seiner Vernetzung mit anderen Computern im Internet ein unsichtbares Tor aufgestoßen wird, durch das jeder in die Privatsphäre jedes beliebigen anderen eindringen kann, ist das Leitthema von „Net Games“. Alles erscheint noch wie ein Spiel (das titelgebende „Game“), solange es bloß „Text“ bleibt, als jedoch Fotos geschickt werden sollen, die Telefonnummer übermittelt werden soll und eine Verabredung erpresst wird, wird auch aus dem Spiel tödlicher Ernst. Hierüber wird auch deutlich, warum die Netztechnologie und der Serienmord als Motive so gut mit einander koppelbar sind – kreisen doch beide um den Aufbruch des und Einbruch ins Private, das durch den Film und seinen Zeigegestus an das basale Phänomens des Unheimlichen, die Urszene, gekoppelt ist. (Diese Einblickstrukturen offenbaren sich vielleicht sogar schon in der Auswahl von Adams Nickname „Ray“, der als Strahl – insbesondere als „X-Ray“ – einen alles druchdringenden Charakter hat.)

... is hacking you(r computer)

Auf der Bildebene korrespondiert dieses Privatheitsthema mit nicht wenigen Szenen, die Adams Haus in der Weitaufnahme aus der Vogelperspektive zeigen, um dann auf das Innere des Hauses und dort ins Schlafzimmer oder eben auf den Computer zu schneiden. Im augenscheinlichen Establishing Shot dringt der Zuschauerblick ins Haus ein; zeitweise bekommt er eine Subjektive als Perspektive, die dann sogar einer eindringenden Person gehören soll (zumeist eine Finte: es ist nur Adams Frau, die blickt). Während dieser sein Haus durch eine Alarmanlage gegen das Eindringen von Außen zu feien versucht, wird auch diese trügerische Sicherheit technisch unterlaufen: Angel kidnapt und tötet den Installateur der Anlage um sich den Zugangscode zu Adams Haus zu verschaffen. Sie hackt sich förmlich in seine Privatsphäre, indem sie einen letzten, scheinbar sicheren „Port“ öffnet. Den Chat-Kanal und die Telefonleitung hat sie ja bereits zuvor durchdrungen. Dass Adam die mediale Kanäle in sein Haus verstopft („Ich hatte das verdammte Ding abgeschaltet!“ – er meint den Computer), nützt nichts mehr. Längst sind Trojaner eingedrungen (hier gibt sich der Film technisch versiert, s.o.)

The killer inside/is the machine

Der Film endet mit einer Warnung, die ihn als Exempel zu statuieren versucht:

Polizistin zu Adam: „Seien Sie demnächst etwas vorsichtiger im Internet. Man weiß nie, an wen man so gerät.“
Adams Frau: „Ich hoffe, er hat seine Lektion gelernt.“
Polizistin zu Adams Frau: „Ich denke, sie sollten ihn besser im Auge behalten.“
Polizistin zu sich selbst im Weggehen: „Ich weiß, wie gern er Spielchen spielt.“

Damit redet „Net Games“ nicht nur faschistoiden Überwachungsphantasien a la „Emma“ das Wort, sondern insinnuiert zudem, dass im Prinzip in jeder Frau, lässt sie sich einmal mit der Computer-Technik ein, eine wahnsinnige Mörderin steckt (die Polizistin wird vom Film mehr als einmal – zusammen mit allen anderen blonden Protagonistinnen – als Verdächtige präsentiert).

Über Stefan Höltgen

siehe: http://about.me/hoeltgen

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