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»Ich fühlte mich als Reporter des Untergangs.«

Als Gerhard Zwerenz im Jahr 1983 seinen Roman „Der Bunker“ veröffentlichte, war das Thema des Buches im wahrsten Sinne des Wortes brandaktuell: In Deutschland wurden gemäß des Nato-Doppelbeschlusses  US-amerikanische Mittelstreckenrakten stationiert und das Land damit auch zum Hauptziel der Atomwaffen des Warschauer Paktes. Strategisches und taktisches Waffenarsenal rückten durch Verwendung von Neutronenbomben-Sprengköpfen einander näher, Ideen eines begrenzten Einsatzes durch Raketenabwehr aus dem Weltraum wurden laut und der Atomkrieg damit immer wahrscheinlicher. Und mitten in dieser Situation entwarf Zwerenz die gar nicht mehr so unwahrscheinliche Dystopie eines „Was wäre wenn …?“

Seine Bundesrepublik in „Der Bunker“ ist fiktiv, sie orientiert sich jedoch an den damaligen Gegebenheiten. Der Bundeskanzler des Romans, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier mit dem sprechenden Namen Friedrich von Unruh regiert die Republik, nachdem zuerst Helmut Schmidt, dann Helmut Kohl abgedankt haben. Der Roman beginnt mit dem Besuch eines obskuren Agenten beim Ich-Erzähler Seraphim Landauer, letzterer ehemaliger Pressesprecher des Kanzlers und nun freier Schriftsteller, der mit seinem Projekt „Deutschland zwischen Ost und West“ nicht weiter kommt. Seraphim wird von gesagtem Agenten als Helfer der Operation „Mord auf Gegenseitigkeit“ angeheuert, weil seine Abberufung in den Atombunker der Bundesregierung in der Eifel kurz bevor steht. Die internationale Aktion „Mord auf Gegenseitigkeit“ ist ein inoffizieller Pakt, der garantieren soll, dass keiner der verantwortlichen Regierenden einen Atomkrieg überlebt, weil Meuchelmörder kurz nach der atomaren Apokalypse kurzen Prozess mit ihnen machen. Wer nicht einwilligt oder das Projekt sabotiert, verliert selbst sein Leben – insofern bleibt Seraphim keine Wahl. Kurze Zeit später wird er tatsächlich mit dem Hubschrauber aus Berlin abgeholt und in den Regierungsbunker verbracht. Dort erlebt er hautnah die Verwandlung der Politik in die Verwaltung des Untergangs mit und versucht aus dem zwielichtigen Kanzler, der Kant predigt, aber Nietzsche liest, schlau zu werden. Beim Näherrücken der Katastrophe suchen immer mehr Menschen Zugang zu Bunker, werden jedoch gnadenlos abgewiesen – zuerst mit Wasserwerfern und CS-Gas, dann mit Kugeln. Einzig der jungen Kinderärztin Elisabth Schwarz gelingt es durch sexuelle Verführung in die Sicherheit des Bunkers zu gelangen. Als der Atomkrieg Deutschland schließlich in eine Wüste aus Asche verwandelt, gehören sie, Seraphim und eine handvoll anderer Bunkerbewohner zum engsten Kreis um den Kanzler, die zusammen mit ihm in einem modernen Leopard-3-Panzer in Sicherheit entkommen. Doch der Pakt zum „Mord auf Gegenseitigkeit“ ist noch nicht vergessen.

Zwerenz verfrachtet in seinen Roman derartig viel zeitgenössische Bundespolitik, dass er aus der zeitlichen Distanz noch deutlicher als damals wie ein politischer Kommentar erscheint. Trotz der Fiktivität des situativen Kontextes bleibt die reale Bundesrepublik zu Beginn der 1980er Jahre stets zu erkennen. Zwerenz’ Zerrbild wirkt in vielem derartig authentisch, dass es so weit vom Original gar nicht entfernt gewesen sein kann. Gerade in den Details, mit denen die politische Landschaft aber auch die Handlungsräume ausgeschmückt werden, erkennt der Leser vieles wieder, was sich ins ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt hat oder nach Ende des Kalten Krieges wieder freigelegt wurde. Dass in Zwerenz’ Eifel-Bunker etwa eine Deutschlandkarte mit den Grenzen von 1936 hängt, findet seine schon beinahe unheimliche Übereinstimmung mit der Ausstattung des wirklichen Eifel-Bunker, in dem tatsächlich solch eine Karte zu finden ist – nur, dass dieser Bunker der NRW-Regierung dienen sollte, während sich der Bundeskanzler im Ernstfall im nicht weit entfernt gelegenen Ahrweiler eingegraben hätte. Solche leichten Verschiebungen, zu denen auch die Namen zeitgenössischer Politiker (wie etwa der des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Stracks) gehören, unterstreichen das Anliegen des Romans, zwischen Tatsache und Behauptung zu erzählen, und authentisieren so den Plot. Der Hauptakzent des Textes liegt in der Beschreibung der politische Landschaft, weniger in der Chronik des Atomkriegs. Dieser wird in Zwischenkapitel, die von der internationalen Entwicklung berichten, quasi in “Zeitraffer” (S. 133-139) abgehandelt:

Die politische Satire ist zeitweilig jedoch recht unsubtil, gerade, wenn Zwerenz zu dick aufträgt: Seine allzu sehr auf die bürgerliche Allgemeinbildung abzielenden Exkurse über die Klassiker der Philosophie und Literatur und wie sie sich in den erzählten politischen Kontext gruppieren lassen, wirkte sicherlich damals schon künstlich herbeigeredet. Die moralische Ambivalenz eines Politikers durch diese Gegenüberstellung seiner Lektürevorlieben (Ernst Jünger vs. Remarque, Nietzsche vs. Kant usw.) zu verdeutlichen, wäre gar nicht nötig gewesen; liefert doch bereits dessen politisches ageiren in der Krise die deutlichsten Hinweise dafür. Fast schon wie ein Stilbruch wirken ebenso die Gewaltdarstellungen, die der Autor an manchen Stellen in seine Erzählung einbindet. Mehrere Male wird hier das Vorgehen des Militärs gegen die Bevölkerung außerhalb des Bunkers, nachdem die Krise bereits eskaliert ist, geschildert, und einmal ist es sogar der Ich-Erzähler selbst, der zu Maschinengewehr und Granaten greift um die Bewohner eines Reihenhauses grundlos niederzumetzeln. Der sprachliche Naturalismus, den Zwerenz bei der Beschreibung dieses Vorgangs an den Tag legt, erinnert schon beinahe an die pornografischen Werke des Autors, die dieser unter einem Pseudonym (Gert Amsterdam) zur selben Zeit publiziert hat. Bei der Beschreibung sexueller Handlungen – vornehmlich die Massenvergewaltigung der Kinderärztin, die sich durch das Angebot ihres Körpers an die Soldaten Zugang zum Bunker verschafft – verfährt er hingegen und wider erwarten zurückhaltend.

„Der Bunker“ – zumal ein viertel Jahrhundert nach seinem Erscheinen gelesen – ist entgegen zu kritisierenden Details jedoch insgesamt betrachtet ein ebenso wichtiges Zeitzeugnis wie andere dokumentarischen Artefakte aus der Zeit und dem Kontext des Kalten Krieges, denn er vermag sowohl in seiner Stilistik wie auch in der erzählerischen Perspektive und dem unverkennbaren politischen Standpunkt des Autors einen mentalitätsgeschichtlichen Einblick in das damalige „Deutschland zwischen Ost und West“ zu geben. Letztlich ist Zwerenz’ Roman sogar selbst das nunmehr fertig gestellte Romanfragment seines Ich-Erzählers, denn er berichtet wie das Land im atomaren Konflikt zwischen Ost- und Westblock buchstäblich zu Asche zerrieben wird. Dass in der ionisierenden Strahlung der Atombombe eine „Entwertung aller Werte“ (Nietzsche) stattfindet, welche man seit der Aufklärung als zivilisatorische Paradigmen angesehen hat – Humanismus, Emanzipation und Vernunft –, das ist neben dem Versuch einer Dokumentation der Fakten des Atomkriegs, das zentrale Projekt Zwerenz’ und seines Romans. Das hätte er nicht ansprechen müssen, damit es aus dem Text erkennbar wird.

Gerhard Zwerenz
Der Bunker – Roman
München: Schneeklutz 1983
450 Seiten (gebunden)
Info | Amazon

Stefan Höltgen

Dieser Text ist auch auf postapocalypse.de erschienen.

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